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19/10/2018 09:02 CEST | Aktualisiert 19/10/2018 09:02 CEST

Warum wir ein israelisches Restaurant aufmachen, um es gleich wieder zu zerstören

Das israelische Restaurant Schmock ist seit Langem geschlossen. Jetzt soll es kurz wieder aufleben, dem Antisemitismus zum Trotz.

Studio Sherut
Das Schmock in München wird am 20. Oktober wiedereröffnet. Sein Haltbarkeitsdatum: nicht mal ein Tag

Das Schmock war eines der wenigen israelischen Restaurants in München. Im Herbst 2016 hat Szenewirt Florian Gleibs es dichtgemacht – zu viele politische Diskussionen, zu viele Anfeindungen. “Ich will einfach nur essen verkaufen, tolle Cocktails. Ich hab keinen Bock mehr, der Quotenjude zu sein”, sagte Gleibs damals.

Junge Künstler des Kollektivs Studio Sherut wollen das Schmock jetzt wieder aufmachen. Für zwölf Stunden. 

Am 20. Oktober wird es das Schmock noch einmal geben. Von 3 Uhr nachmittags bis 3 Uhr nachts.

Schon im Laufe der zwölf Stunden wird es sich Stück für Stück auflösen. Wir werden Stühle ansägen, Tische verschwinden lassen.

Das israelische Restaurant hatte wegen antisemitischer Anfeindungen geschlossen. Wir wollen dieses Verschwinden noch einmal sichtbar machen. Wir wollen ergründen, was diese Leerstelle bedeutet. Ob der Raum dann wirklich leer ist. Ob sich der Raum dadurch verändert hat, dass das Schmock dort noch einmal für ein paar Stunden gelebt hat.

Wir hinterfragen, ob ein Restaurant wirklich ein harmloses Scharnier zwischen Kulturen ist. Eine simple Eintrittskarte in eine andere Kultur.

Essen kann politisch sein

Wir glauben: Essen kann politisch sein. In dem Sinn, dass es etwas Gesellschaftliches, Kommunikatives ist. Dass es mit Identität zu tun hat.

Das Schmock hat bereits 2016 geschlossen, wir haben 2017 mit der Konzeption der Performance begonnen. Während unserer Recherche und Arbeit gab es zwei weitere publik gewordene Fälle, in denen israelische Restaurants in Deutschland beziehungsweise deren Besitzer antisemitisch motiviert angegriffen oder beleidigt worden sind: das Feinberg‘s in Berlin und das Schalom in Chemnitz.

Das Schmock war aber nicht nur ein israelisches Restaurant, es hat immer provoziert, mit Stereotypen gespielt. Es warb mit Postern in Frakturschrift, entfernte in Reaktion auf die Terroranschläge des IS die Buchstabenkombination “is“ aus der Menükarte. 

Auf der Speisekarte des Schmock stand: “Politik steht nicht auf der Speisekarte.”

Schmock

Für uns war eine Ausgangsfrage: Wo ist die Grenze zwischen Vermarktungsstrategie und politischer Agenda? Was kann Gastronomie, was muss sie, was “darf” sie in Bezug auf Politik?

Pita mit Sauerkraut

In den alten Räumen des Schmock hat Inhaber Florian Gleibs zunächst ein laotisches Restaurant eröffnet, heute befindet sich dort ein afghanisches Restaurant. Deshalb weichen wir fürs Schmock II auf die Artothek aus, einen Ausstellungsraum der Stadt München.

Das Catering für das Schmock II machen wir in Zusammenarbeit mit Knolle & Kohl. Wir werden auch beim Essen mit Stereotypen spielen. Damit, was man beim Essen darf und was nicht. Welcher Kultur welches Essen “gehört”.
Es wird Pita mit Sauerkraut geben. Deutschen Kohl mit israelischer Füllung.

Bayerische Klischees in Israel

Wir werden eine Videoarbeit aus dem ersten bayerischen Restaurant in Israel zeigen, der Bavarian Brasserie in Tel Aviv, um eine Spiegelung unserer Performance herzustellen und zu untersuchen, wie bayerische Klischees in Israel aussehen beziehungsweise inszeniert werden.

Wir werden am Stammtisch mit Gästen wie dem Dirigenten Daniel Grossmann, dem TV-Koch Fritz Häring, mit Levi Israel Ufferfilge, Mitglied von “Rent a Jew” und Lehrer am jüdischen Gymnasium München, der Soziologin Paula-Irene Villa von der LMU, der Autorin Sabine Zaplin und dem Mitarbeiter des Jüdischen Museums München, Fabio Iopollo, darüber diskutieren, wann essen verbindet und wann nicht.

Mehr zum Thema: “Die deutschen kennen nur die Toten Juden. Das will ich ändern.”

Wir selbst werden kellnern oder an der Bar tätig sein und hoffentlich möglichst viel von den Gesprächen mitbekommen.

Ressentiments sichtbar machen

Die Performance Schmock II ist der Versuch, offene und verdeckte Ressentiments sichtbar zu machen. Sie zu reflektieren, ohne sie zu reproduzieren, eine Leerstelle sichtbar zu machen, Verdrängung und Ausgrenzung nicht stillschweigend hinzunehmen, sondern sie als solche zu benennen und zu kennzeichnen.

Aber auch das kulturelle und politische Potential von Essen zu untersuchen, einen Raum oder Rahmen zu schaffen, der die Grenzen von Gastronomie und Performance verwischt, in dem die Nahrungsaufnahme selbst zu Performance wird. 

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

(ujo)