BLOG
22/02/2019 18:00 CET | Aktualisiert 22/02/2019 18:00 CET

Warum wir auf Reisen nicht versuchen sollten, uns selbst zu finden

“Um uns selbst zu finden, kann es sinnvoll sein, uns selbst erst einmal zu verlieren."

Ben Roberts Photography via Getty Images
Anstatt uns auf Reisen selbst zu finden, sollten wir lieber versuchen, uns zu verlieren (Symbolbild).

Ich sitze in einem Café im Prenzlauer Berg in Berlin – am Tisch neben mir zwei junge Frauen. Eine von beiden (sie hat türkis gefärbte Haare, einen kurzen Pony und einen Nasenring) sagt leidenschaftlich: “Ich muss hier echt mal wegkommen – ich hab’ richtig Bock, zu verreisen. Weißt du, hier ist so viel los, da weiß ich gar nicht mehr, wer ich eigentlich bin. Ich muss mich endlich mal selbst definieren!”

“Ja, voll”, pflichtet ihre Freundin (braune Fussel-Haare und ein Pulli, der selbstgestrickt wirkt) ihr bei. “Du musst da echt dein Ding durchziehen!” 

Bei dem verbalen Selbstfindungsprozess der beiden muss ich einen leichten Brechreiz unterdrücken. Ich sehe die Dame, die “ihr” Ding durchzieht, schon vor mir: Wie sie mit verschwitzt in der Stirn klebenden türkisen Strähnen einen Tempel in Thailand erklimmt. Oder mit ihrem Surfboard gegen die Wellen in Australien kämpft. Oder, mal ganz ausgefallen, in Albanien auf MDMA in einem Underground-Club tanzt – weil Drogen dort so schön billig sind und so und ja auch das Bewusstsein erweitern und so und man sich dann voll selbst spürt. Und so.

Warum versuchen wir alle, uns selbst zu finden?

Ich weiß, das klingt jetzt alles furchtbar verbittert – bestimmt ist das Mädel ganz nett und will auch ein bisschen fremde Kulturen kennenlernen und sich ausprobieren. Und ich habe natürlich gut reden – weil ich diesen ganzen Reise-und-Selbstfindungs-Kram schon hinter mir habe: Vor zweieinhalb Jahren kündigte ich meinen Job, weil ich hier in Deutschland alles satt hatte, und machte eine neunmonatige Weltreise. Um Abstand zu gewinnen. Und ein bisschen vielleicht auch, um mich selbst zu finden.

Ich selbst bin ein wandelndes Klischee und nehme es mir gerade deswegen heraus, über andere wandelnde Klischees herzuziehen.

Mehr zum Thema: Ich habe alles aufgegeben, um die Welt zu bereisen

Ich frage mich allerdings: Woher kommt eigentlich dieser Gedanke, auf Reisen zu gehen, um sich selbst zu finden? Alle scheinen es ja heutzutage zu tun – von den jungen Abiturienten, die in Neuseeland Erdbeeren pflücken, bis zu den Mittdreißigern, die nach einer gescheiterten Beziehung oder einem Burnout durch Spanien trampen. Hilft das wirklich, um wieder mit sich selbst ins Reine zu kommen? 

“Die Idee der Selbstfindung stammt eigentlich aus der Frühmoderne”, sagt Michael Huppertz im Gespräch mit der HuffPost. Laut des Psychologen und Psychiaters haben die Menschen in jener Zeit überhaupt erst angefangen, sich als Individuen zu denken. “Heutzutage allerdings ist die Individualisierung sehr dominant und die Selbsterfahrung ist teilweise zum Selbstzweck geworden.” 

Sich selbst zu erfahren und zu verwirklichen ist zum Lifestyle geworden: Influencer, egal ob aus dem Beauty-, Fashion- oder Health-Bereich, animieren uns, wir selbst zu sein. Magazine wie “Happinez” oder “Flow” geben uns Anleitungen, wie wir aus dem stressigen Alltag wieder zu uns selbst zurückfinden. Auf Instagram tummeln sich Bilder von Menschen, die ihre Träume verwirklicht haben, endlich ausgestiegen sind und jetzt “ihr Ding” am Strand von Bali machen (wie etwa fünf Millionen Touristen jährlich übrigens auch). 

Mit diesem Trend einher geht auch ein Rückzug ins Kleine, Überschaubare, weil wir das besser kontrollieren können. Huppertz erklärt dieses Bedürfnis damit, dass Menschen Orientierung brauchen:

“Wenn die Außenwelt undurchsichtiger oder verwirrender wird, wie zum Beispiel bei technischen Entwicklungen; wenn man nicht mehr weiß, was richtig oder falsch ist, wie bei der Grundrente oder Zuwanderung; oder wenn unklar ist, wie es weitergehen soll, wie beim Klimawandel – dann entwickelt man das Bedürfnis, sich auf sich selbst zurückzubesinnen.”

Die Schnelllebigkeit und Unsicherheit unserer Welt, egal ob real oder nur subjektiv wahrgenommen, macht also, dass wir das Bedürfnis haben, uns zurückzuziehen, unsere Welt wieder überschaubarer zu machen, Kontrolle zurück zu erlangen. Das kann ich besonders gut, wenn ich mich auf ich selbst konzentriere – und das kann ich selbstverständlich auch außerhalb der eigenen vier Wände tun: Denn ich kann mir meiner Welt auch übersichtlicher gestalten, indem ich sie räumlich vergrößere, also indem ich reise. 

Besonders wer über länger Zeit allein verreist muss scheinbar auf niemandaußer sich selbst Rücksicht nehmen und kann die Erlebnisse nach eigenen Vorlieben gestalten – Selbstverwirklichung pur, wenn man so will.

Wer sich mit sich selbst beschäftigt, fühlt sich wichtig

Wer sich mit sich selbst beschäftige, meint Huppertz, bekomme das Gefühl, wichtig zu sein. Denn: “In so einer konfusen Welt fühlt es sich tröstlich an, im Mittelpunkt zu stehen.” Allerdings wirft er auch ein: “Das tut man in der Realität aber nie wirklich. Wir sind Teil komplexer Systeme und Interaktionen mit Menschen und Dingen.”

Dieser komplexen Realität kann man aber zumindest zeitweise entfliehen, indem man auf Reisen geht. Als ich 2016 zunächst für mehrere Monate nach Südosteuropa fuhr, kam mir alles surreal vor. Wer Wochen, Monate oder gar Jahre allein verreist, lebt in einem eigenartigen Schwebezustand zwischen Tourist und Einheimischer – je nachdem, wie stark man sich auf die neue Umgebung einlässt. Fernab des Alltags überkommt einen natürlich das Gefühl, ein neuer Mensch zu sein.

Das sagt auch Huppertz:

“Wer längere Zeit verreist, meint häufig, sich in einer neuen Umgebung selbst neu definieren zu können. Man trifft auf neue Lebenswelten und neue Leute, denen man sich neu erzählen kann.”

Eine Reise bietet also scheinbar Gelegenheit, unser altes Ich abzuschütteln und sich neu zu definieren, weil man seine ursprünglichen Probleme, seinen Alltag, sämtliche Herausforderungen hinter sich lässt, um ein neuer Mensch zu werden.

Mehr zum Thema: Das haben ich von meinen Urlaubs-Affären über Liebe und Sex gelernt

Gerade beim Reisen kann man lernen, von sich selbst abzukommen

Sich bei einer Reise nur auf sich selbst zu fokussieren, um sich zu finden, hält der Experte allerdings nicht für ganz richtig: “Ich halte es für falsch, dass wir nur dann mehr über uns selbst erfahren, wenn wir uns mit uns selbst beschäftigen.”

Denn gerade beim Reisen könne man lernen, von sich selbst abzukommen, um so wieder zu sich zu finden – indem man sich zum Beispiel auf neue Herausforderungen einlässt, die man sich vorher vielleicht nicht zugetraut hätte. Gerade wenn man länger an zunächst unscheinbar wirkenden Orten bleibe, mit den Einheimischen zusammen lebe, sich auf die Kultur einlasse, habe das einen großen Einfluss auf das Selbst.

Deswegen empfiehlt Huppertz, sich vor einer Reise die Frage zu stellen, warum man eigentlich verreisen möchte:

“Will ich mich auf das Land, die Leute und die Kultur einlassen? Suche ich einfach nur eine schöne Umgebung? Suche ich nach einer Grenzerfahrung, wie zum Beispiel bei Extremsport- oder Pilgerreisen? Bei letzteren dient die Umgebung lediglich als Mittel zum Zweck, weil ich mich selbst verwirklichen will.”

Natürlich gibt es unterschiedliche Arten zu reisen – ob Kurztrips oder Langzeitreisen, Komfort- oder Abenteuerurlaub. Dass wir uns von Zuhause fortbewegen, wird uns allerdings nicht zwangsweise verändern. Vor allem nicht, wenn wir dabei lediglich versuchen, uns auf unsere Selbstfindung zu konzentrieren. 

Ich habe mich nicht gefunden – aber neue Seiten von mir kennengelernt

Auch auf meiner eigenen Reise habe ich gemerkt, dass ich nicht als anderer Mensch zurückgekommen bin. Ich muss immer noch arbeiten, um Geld zu verdienen. Ich muss mich immer noch um Rechnungen und Papierkram kümmern. Ich habe manchmal immer noch einen eklig-monotonen Alltag mit alltäglichen Problemen und finde das, um ehrlich zu sein, gar nicht so schlecht. Ich habe nicht das Gefühl, eine andere Person geworden zu sein, und auch meine Lebenswelt ist keine großartig andere. 

Andererseits kamen während und auch nach der Reise noch Seiten von mir zum Vorschein, die ich zwar erahnt, aber bisher noch nicht in ihrer vollen Ausprägung kennengelernt habe. Ich hatte vorher schon Tendenzen zu einem minimalistischen Lebensstil zum Beispiel – und habe unterwegs gemerkt, wie wenig ich wirklich brauche. Ich war vorher schon kein Typ für Luxus-Reisen – und habe gelernt, wie wenig Komfort ich eigentlich benötige.

Und ich konnte mich definitiv über einen längeren Zeitraum vom alltäglichen Stress befreien und so nach meiner Rückkehr entspannter meinen Alltag in Deutschland wieder angehen. Auch Huppertz findet Reisen als Weiterentwicklung des Ichs nicht per se schlecht: “Grundsätzlich kann ein Umgebungswechsel gut sein, um sich von sich selbst überraschen zu lassen.”

Vielleicht wird es für meine Tischnachbarin in dem Berliner Café ja ähnlich sein. Vielleicht wird sie auf ihrer Reise, wohin sie auch gehen mag, auch merken, dass Selbstfindung gar nicht so wichtig ist, wie sich von sich selbst überraschen zu lassen. Oder gar, ganz im Gegenteil, sich selbst auch mal zu verlieren. 

(jg)