POLITIK
04/07/2018 16:14 CEST | Aktualisiert 04/07/2018 16:40 CEST

Warum viele Menschen unter 40 keine Chance haben, Vermögen aufzubauen

Was für unsere Eltern inklusive war, müssen wir selbst erarbeiten.

Tom Werner via Getty Images
Arbeiten im Café – Alltag für viele in junge Menschen

Heute war ich in einem dieser Berliner Cafés, die von lauter jungen Menschen mit ihren Laptops bevölkert werden. Das Klackern der Tastaturen, das Klingeln der Zuckerlöffel an Glasbechern. So hört sich heute Büroarbeit an.

Ich kenne viele Menschen in meinem Umfeld, die das als einen Fortschritt ansehen. Sie reden immer von “Freiheit“: nicht an Präsenzpflicht in der Firma gebunden sein, sich die Arbeitszeiten selbst auswählen. Und überhaupt: Dinge machen, die einen wirklich erfüllen.

Wir reden heute viel über individuelle Freiheiten. Das ist schließlich der Markenkern der “Generation Y“, jener zwischen 1980 und 1995 geborenen Menschen, die angeblich alte Strukturen hinterfragen und neue aufbauen. 

Wir sollten schleunigst mal über Geld reden

Ich finde das eigentlich toll. Es fühlt sich so bedeutend an: Dinge ganz neu zu denken. Sich selbst in allem wiederzufinden.

Worüber wir aber viel zu selten reden, ist das Geld. Und wir sollten damit schleunigst anfangen, denn wenn es so weiter geht, wird meine Generation die erste nach dem Krieg sein, die sich ab einem gewissen Alter wieder existenziellen Fragen stellen muss. Gesetzt den Fall, dass es in der eigenen Familie kein Vermögen zu erben gibt.

Ich rede nicht von einer Villa mit Pool

Ich bin jetzt 37 Jahre alt. Mir geht es nicht wirklich schlecht, ich kann nicht klagen. Und durch meinen Universitätsabschluss bin ich ohnehin privilegiert, das ist mir bewusst.

Und doch bin ich weit davon entfernt, auch nur ansatzweise ein Vermögen aufgebaut zu haben. Ich meine damit keine Millionenbeträge. Oder fette Aktiendepots, schnelle Autos oder eine Villa mit Pool.

Derzeit weiß ich noch nicht einmal, wie ich im Alter die Lücke zwischen meinen mickrigen Rentenansprüchen und den nötigen Mitteln für ein halbwegs anständiges Leben füllen soll. 

Eigentlich sollte doch nach über einem Jahrzehnt Erwerbsarbeit ein bisschen was hängen geblieben sein. Doch meine Bank behauptet steif und fest das Gegenteil.

Warum es so schwierig ist, heute Vermögen aufzubauen 

Wie gesagt, wir reden zu wenig über Geld. Doch ich glaube, dass ich mit meiner Situation nicht allein bin.

Und das hat strukturelle Gründe.

Da wäre zum einen dieZinspolitik der EZB.

Kai Pfaffenbach / Reuters
Banken (hier in der Skyline Frankfurts) haben früher satte Zinsen gezahlt.

 Seit gut zehn Jahren gibt es so gut wie kein Geld mehr dafür, wenn man Geld spart. Damit ist ein komplettes Lebensmodell hinfällig geworden, dass uns – zumindest in Westdeutschland – unsere Eltern und Großeltern vorgelebt haben.

Einen Bausparvertrag zu haben, das war früher zwar etwas spießig, aber sehr effektiv: Die regelmäßigen monatlichen Rücklagen wuchsen mit Zinsen und Zinseszinsen über die Jahre zu einem stattlichen Betrag an. Davon konnte man ein Haus bauen. Oder einfach mal keine Sorgen haben.

Heute bleibt noch der Weg an den Aktienmarkt. Eine Anlageform ohne Garantien, mit Chancen, aber auch mit Risiken.

Für den deutschen Normalsparer ist das immer noch zu heiß. Und das dürfte speziell für Menschen gelten, deren zentrale geldpolitische Erfahrung im jungen Erwachsenenleben das von den Banken entfachte Inferno an den Finanzmärkten im Jahr 2008 ist.

Zum anderen spielt auch eine Rolle, dass Menschen aus meiner Generation zu Hunderttausenden in die großen Städte gezogen sind. 

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Viele waren auf der Suche nach Freiheit. Bekommen haben sie eine sehr toxische Mischung aus einem sich stetig weiter überhitzenden Mietmarkt und Gehältern, die mit den steigenden Lebenshaltungskosten nicht Schritt halten konnten.

Warum sollten Firmen auch mit hohen Löhnen locken? Es gibt ja in den Metropolen genug junge Menschen, die es auch für weniger Geld machen würden.

Anders sieht es übrigens auf dem Land aus: Dort kann man relativ billig leben. Und besonders die Mittelständler tun heute sehr viel dafür, um junge Menschen zu halten.

Für Großstädter klingt das “13. Monatsgehalt“ wie ein Märchen aus vergangenen Tagen. Für Kleinstädter kommt es vor dem 14. Monatsgehalt.

Ebenfalls zu nennen wäre das staatlich gewollte Outsourcing von Sozialleistungen. 

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Was unsere Eltern und Großeltern früher in ihre Bausparverträge gesteckt haben, müssen junge Menschen heute für die private Altersvorsorge aufbringen. Für schlecht verzinste Riesterverträge, zum Beispiel.

Der schlechte Witz dabei ist nur, dass wir mit diesen Riesterverträgen lediglich die Lücke schließen können, die es zum Rentenniveau unserer Eltern gibt. Anders gesagt: Was bei Mama und Papa inklusive war, müssen Sohn und Tochter heute separat bezahlen.

Und dann wären da noch die modernen Arbeitsverhältnisse.

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Womöglich ist die viel beschworene “Freiheit“ oftmals nur das Feuerwasser, mit denen junge Menschen abgefüllt werden, damit sie die Entbehrungen der Gegenwart nicht allzu sehr spüren.

Die Bundesagentur für Arbeit hat vor Kurzem festgestellt, dass mittlerweile weniger als 50 Prozent der Arbeitsverhältnisse noch eine Tarifbindung haben. Mitte der 1990er-Jahre waren es noch 70 Prozent

Tarifbindung. Das klingt für viele Millennials nach Hausstaub auf Linoleum. Diese langweiligen Nine-to-Five-Jobs mit gewerkschaftlich ausgehandelten Gehältern waren aber Kern des Wohlstands, der im Westen der Republik über Jahrzehnte aufgebaut wurde.

Wer heute 30 ist, der hat nie Kontakt mit einer Arbeitswelt gehabt, in der das “Normalarbeitsverhältnis“ mit einem unbefristeten Vertrag die Regel war; in der es keine Leiharbeit gab, und die Selbstständigkeit Unternehmern vorbehalten war.

Es mag aufregend sein, für ein Startup zu arbeiten. Aber in solchen jungen Unternehmen werden unter dem Deckmantel der “Freiheit“ eben auch Arbeitsverhältnisse erdacht, die so lose sind, dass sie wenn nötig auch mal fristlos am Telefon gekündigt werden können. Womöglich noch mit der tränenreichen Begründung, dass es eigentlich “super gepasst“ hat. Aber die Auftragslage, und so weiter.

Für solche Situationen haben Generationen von Angestellten und Arbeitern eigentlich ein sehr gutes Netzwerk aus Regeln und Pflichten erkämpft, die Arbeitnehmer vor plötzlichen Existenzstress schützen sollen.

Aber wir haben’s heute lieber amerikanisch. “Hire and fire“ – vor zwei Jahrzehnten war das noch ein politischer Kampfbegriff. Für viele Menschen in meinem Alter ist das heute jedoch nichts Schlimmes mehr.

Wir begeben uns lieber auf berufliche Sinnsuche. 

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Freiheit, und so. Ich muss dann immer an das denken, was in den 1970er-Jahren in Kalifornien passiert ist: Damals haben Hippies und Wall-Street-Kapitalisten zusammengefunden. Aus dieser Beziehung entstand das Silicon Valley.

Was beide am meisten verbunden hat? Das war die Abneigung gegen den Staat und gegen gemeinsame Regeln. Der Hippie und der Börsenmakler, sie sind eben beide Individualisten.

An keine Regeln gebunden, durch keine Regeln geschützt

Genau das fiel mir auch ein, als ich in diesem Berliner Café gesessen habe.

Wie ich die Leute dort sitzen sah. Selbstbestimmt. Allein vor ihrem Laptop arbeitend. An keine Regeln gebunden. Durch keine Regeln geschützt.

Ob meine Altersgenossen wirklich wissen, wie hoch der Preis ihrer Freiheit wirklich ist?

(sk)