LIFE
21/02/2019 15:54 CET

Warum unsere Kinder mehr Freiheit brauchen

"Wir müssen lernen, unseren Kindern zu vertrauen."

Alistair Berg via Getty Images

Wenn dein Kind dich fragt, ob es zum ersten Mal alleine draußen spielen darf, was würdest du sagen? Würdest du es ermutigen, würdest du wollen, dass es seine Zeit unabhängig verbringt? Oder würdest du dir Sorgen machen, was passieren könnte und dir das Schlimmste ausmalen?

In jedem Jahrzehnt entstehen neue Erziehungstrends – von Helikoptereltern bis hin zu den Eltern, die das Gegenteil machen und Freilandhaltung betreiben. “Free Range Parenting” nennt sich dieser Trend aus den USA, bei dem Eltern ihren Kindern mehr Freiraum geben wollen.

Der amerikanische Kinderarzt Benjamin Spock hat diese Erziehungsmethode 1946 entwickelt. Er wollte die Eltern dazu ermutigen, lässiger mit ihren Kindern umzugehen. 1990 war ein deutlicher Anstieg der Helikopter-Eltern zu beobachten, sie hatten den Fokus darauf, ihre Kinder in Sicherheit zu wissen.  2009 sah man jedoch schon den Trend dazu, es wieder etwas lässiger angehen zu lassen, wie Lenore Skenazy in ihrem Buch “Wie wir unseren Kindern die Freiheit geben, die wir hatten, ohne uns Sorgen zu machen” schreibt. 

Ist mehr Freiraum für die Kinder gefährlich?  

Die NSPCC, die Nationale Gesellschaft zur Verhütung von Grausamkeiten gegen Kinder, gibt Eltern, die ihr Kind mehr alleine lassen wollen, Ratschläge.

“Ihr werdet euch fragen, ob euer Kind bereit dazu ist, alleine draußen zu spielen und die Gegend mit Freunden zu erkunden”, twitterte die Wohltätigkeitsorganisation. “Wir haben ein paar Tipps, die euch die Entscheidung erleichtern.”

Die Organisation erinnert Eltern daran, mit den Kindern über die Gefahren zu sprechen, die sie alleine draußen erwarten könnten, ihnen Regeln zu geben, das Vertrauen der Kinder aufzubauen und immer wieder mit ihnen über ihre Sicherheit zu sprechen.

Aber sollten wir unsere Kinder wirklich mit mehr Freiraum erziehen? Wir haben zwei Elternpaare nach ihrer Meinung gefragt.

“Wir müssen unseren Kindern vertrauen”

Mike Rampton, 35, hat eine 18-Monate-alte Tochter 

HuffPostGermany
Mike Rampton wünscht sich, dass seine Tochter so eine tolle Kindheit hat wie er.

Kinder sind heutzutage sicherer als sie es jemals waren und trotzdem haben alle ständig Angst. Alle Gefahren, die es gibt, werden so übertrieben, größer gemacht als sie es sind und diskutiert, dass wir alle Angst davor haben, unsere Kinder außer Sichtweite zu lassen und das ist eine riesengroße Schande.

Früher wuchsen Kinder so auf, dass sie mit ihrer Familie frühstückten und dann verschwanden und Unfug machten und irgendwann zum Abendessen wiederkamen – und dringend ein Bad benötigten. Wenn diese Art, etwas über die Welt zu lernen, verloren gegangen ist, dann haben wir etwas Wichtiges verloren.

Ja, manchmal kommst du vielleicht mit einem ungewöhnlich aussehenden Stich, kohlrabenschwarzen Fingernägeln oder mit einem aufgeschürften Knie wieder, aber es war eine Erfahrung, von der du gelernt hast.

 

Es ist gefährlich, wie ein Schwachkopf zu klingen, der von einer längst vergessenen Zeit erzählt. Das ist nicht das, was ich sagen will. Ich liebe meine PlayStation leidenschaftlich und freue mich schon darauf, wenn meine Tochter mir darauf eines Tages neue Sachen beibringen wird. Ich liebe es, Zeit mit ihr zu verbringen und würde mich freuen, wenn sie sich nicht immer verziehen würde. Aber sollten wir unseren Kindern nicht vertrauen – egal, wie alt sie sind – und darauf vertrauen, dass sie auf sich selbst aufpassen können und in der Welt klarkommen, ohne dass wir sie 24/7 beobachten müssen?

Ich bin davon überzeugt, dass wir unseren Kindern beibringen können, wie man sicher, aber trotzdem unabhängig ist, wie man sich auf der Straße verhält und gegenüber Fremden, was man nicht essen sollte, wann man unbedingt jemanden zu Hilfe rufen und wann man nach Hause kommen sollte.

Da ist diese ganze Welt da draußen mit Abenteuern, die nur warten, es gibt so viele faszinierende Dingen zu tun und so viele Schürfwunden, die es sich zu holen lohnt.

“Wir haben eine verhätschelte Generation erschaffen, die sich vor ihrem eigenen Schatten fürchtet”

Michelle Martin, 45, Mutter eines 28-jährigen Sohnes und Oma eines zweijährigen Enkelkindes

HuffPost
Michelle Martin sieht an ihrem Enkelkind, dass die Erziehung ihres Sohnes gefruchtet hat.

Es ist eine großartige Idee, Kindern die Freiheit zu geben, wieder Kinder zu sein. Wir haben eine verhätschelte Generation erschaffen, die sich sogar vor ihrem eigenen Schatten fürchtet und wüssten gar nicht, was wir tun sollten, wenn die einen Tag draußen verbringen.

Natürlich gibt es immer diesen unbedingten Willen, Kinder gesund und fit zu halten und da hilft das digitale Zeitalter uns nicht gerade. Deshalb ist alles, was sie dazu bringen könnte, rauszugehen, gut. Kinder sollten lieben, wo sie wohnen und ihre Gemeinschaften zurückerobern, während sie gleichzeitig ihre sozialen Fähigkeiten beim Spielen mit anderen Kindern verbessern können.

Auch der Hirnfoscher Gerald Hüther hat in seinem Buch “Rettet das Spiel” dafür plädiert, Kinder mehr spielen zu lassen, denn: Beim Spielen sogt die Freisetzung von Botenstoffen für Vernetzungen im Gehirn. Katecholamine, endogene Opiate und andere Peptide hätten einen wachstumsstimulierenden Effekt auf die neuronalen Vernetzungen.

Diese Vernetzungen entstünden nicht etwa durch Belehrungen oder Fördermaßnahmen, sondern durch das Spielen. 

Ich erinnere mich daran, wie ich immer alleine in meine Grundschule gegangen bin und wie oft ich in den Ferien einfach mit dem Fahrrad drauflos gefahren bin und den ganzen Tag unterwegs war. Wir waren eine richtige Gang, Jungen und Mädchen zwischen sieben und dreizehn. Wir trafen uns, fuhren Fahrrad, fielen hin, schürften uns die Knie auf und spielten stundenlang im Park, ohne einen Erwachsenen oder ein Erste-Hilfe-Set in Sicht. Wenn es dunkel wurde, gingen wir nach Hause.

“Als Kind war ich unabhängig und deshalb selbstbewusst und glücklich”

Vielleicht ist es Nostalgie, aber ich war selbstbewusst, unabhängig und sehr glücklich. Das war etwas, von dem ich auch wollte, dass mein Sohn es kennenlernt. Klar gab es Grenzen für ihn als er aufwuchs, aber ich habe ihm eine Menge Freiheiten gegeben. Seit er neun war, durfte er ohne Überwachung spielen und den Bus zur Schule und zurück alleine nehmen. Ich versuchte auch, ihn davon abzuhalten, immer nur mit der Konsole zu spielen.

Ich muss zugeben, es gab Zeiten, in denen glaubte ich dem Hype, wenn es um “safe parenting”, also sehr sichere Erziehungsmethoden ging. Ich habe immer daran gedacht, dass meinem Sohn jederzeit etwas passieren könnte. Deshalb holte ich ihn immer ab, anstatt dass ich ihn nach Hause laufen ließ und ich achtete immer darauf, dass sein Handy voll geladen war, sodass ich ihn jederzeit anrufen konnte.

Ich denke, es hat geklappt mit der vielen Freiheit – jetzt als Erwachsener spielt er immer noch Football, fährt Fahrrad (ab und zu) und ist am Wochenende sehr viel mit seinem Sohn beschäftigt – er jagt ihn im Park herum.

Dieser Text erschien zuerst bei der HuffPost UK.

(ame)