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10/12/2018 16:40 CET | Aktualisiert 10/12/2018 16:40 CET

Warum unser Zuhause nur so langsam smart wird

Meko Factory
V.l.n.r.: Thomas Engelbrecht, Wibke Werner, Cherno Jobatey, Christoph Beck, Viviane Hülsmeier, Jochen Lang

Das vernetzte Haus in der vernetzten Stadt soll Wohnen angenehmer, nachhaltiger und sicherer machen. Doch die Digitalisierung der Immobilienwirtschaft hat ein ganz eigenes Dilemma.

Intelligente Haushaltsgeräte, digitale Messdienste, Energieeinsparungen durch vernetzte Technologien oder mehr Sicherheit in der Wohnung – die Digitalisierung macht auch vor unserem Zuhause nicht Halt. Das smarte Heim ist als Zukunft des Wohnens in aller Munde, fast täglich entstehen neue Unternehmen mit innovativen Ideen. Wirklich angekommen ist die smarte Technologie in den deutschen Wohnzimmern allerdings noch lange nicht.

Laut dem Online-Portal Statista gibt es in Deutschland 2018 etwas über 6,1 Millionen smarte Haushalte – das entspricht etwa 15 Prozent. Immerhin: Mindestens eine Smart-Home-Anwendung benutzen schon 36 Prozent der Deutschen, ergab eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Splendid Research. Die Renner sind demnach Produkte aus den Bereichen Energiemanagement und Unterhaltung – smarte Heizungen einerseits, smarte Lautsprecher andererseits.

Das Berliner kommunale Wohnungsunternehmen Degewo will Vorreiter sein und hat einen eigenen Innovationspreis zum Thema smartes Wohnen ins Leben gerufen. Bei „Smart Up the City“ bekommt jedes Jahr ein junges Unternehmen die Chance auf einen Auftrag bei Degewo. Bei der diesjährigen Preisverleihung am 7. November im Telefónica Basecamp, wurde auch die Frage gestellt, warum die Vernetzung unserer Wohnungen zum smarten Zuhause eigentlich so langsam vorangeht.

Ein spezifisches Dilemma der Branche

Wie in (fast) allen anderen Bereichen der Gesellschaft, muss die Entwicklung digitaler Konzepte eine zähe Anfangsphase überstehen. „Digitalisierung war für uns lange ein eher zufälliges Thema“, erklärt Degewo-Vorstandsmitglied Christoph Beck. Große Wohnungsunternehmen wie das seine hätten aufgrund ihrer komplexen Struktur mit trägeren Entwicklungen zu kämpfen. Dagegen hätten kleinere Firmen oft nicht die Mitarbeiter, um große Digitalisierungsprozesse in Angriff zu nehmen. Laut Beck fehlt es auch an Geld für die staatliche Förderung von Smart-Home-Unternehmen.

„Geld ist in Berlin nicht mehr das Hauptproblem, die Frage ist, wie es richtig verteilt wird“, entgegnet Jochen Lang von der Senatskanzlei. In Deutschland gingen Entwicklungen oft langsamer voran, weil vorher stets genau analysiert und reflektiert werde. Diese Genauigkeit sei auch eine Stärke, trotzdem steht für Lang fest: „Wir müssen schneller werden.“

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Viviane Hülsmeier: "Wir müssen Digitalisierung groß denken"

Viviane Hülsmeier vom Bundesverband Deutscher Startups plädiert für einen weiteren Blick auf smarte Wohnungen und Städte. Für sie bedeutet die Digitalisierung nicht nur die Ausstattung mit smarten Geräten und Software, sondern eröffnet ganz neue Möglichkeiten für Konzeption, Planung und Bau von Städten.

Das könne auch die Art und Weise unseres Zusammenlebens verändern, meint Hülsmeier. So habe sich das amerikanische Unternehmen WeWork zum Beispiel zuerst auf die Vermietung von Büroplätzen spezialisiert. Inzwischen vermittelt es aber Wohngemeinschaften – hat sich also vom Co-Working- zum Co-Living-Anbieter weiterentwickelt.

Und dann gibt es noch das ganz eigene Dilemma der Wohnungswirtschaft, das die Anreize für Investoren in Sachen Smart-Home-Innovationen hemmt: „In smarte Technologien investieren muss der Vermieter, aber wer von ihnen profitiert, sind die Mieter“, bringt Beck es auf den Punkt.

Die Angst vor hohen Mieten

Gerade die aber haben im angespannten Wohnungsmarkt keine finanziellen Spielräume, um sich über technische Neuerungen in Küche, Bad und Wohnzimmer zu freuen. Aufgeschlossen gegenüber innovativen Wohnideen sind laut Wibke Werner vom Berliner Mieterverein viele, doch die Angst vor Mietsteigerungen sei allgegenwärtig. „Nicht sanierte Häuser sind die beste Mietpreisbremse“, beschreibt Werner das Problem. Die Grundhaltung der meisten Mieter laute: „Hauptsache wir können es uns noch leisten.“

Ähnlich sieht das Thomas Engelbrecht von der Zeitschrift Immobilien vermieten & verwalten: „Sie können jede Bude vermieten heutzutage“, sagt der Immobilienexperte. Kein Mieter käme auf die Idee zu sagen: „Die Wohnung nehm’ ich nicht, da ist die Heizungsmessung nicht digitalisiert.“

Gebäudewartung per Drohne

Der Sieger des „Smart Up the City“-Preises hat ein Konzept entwickelt, das am Dilemma der Wohnungsbranche ansetzt. Das Start-Up Airteam Roof Inspector möchte das Leben von Vermietern oder Hauseigentümern leichter machen. Die Idee: Per Drohne werden aus der Luft präzise Scans von Dächern, Balkonen und Fassaden erstellt. Schäden können laut Airteam zentimetergenau erkannt und dann frühzeitig beseitigt werden. Wohnungseigentümern werden so aufwendige Wartungs- und Reparaturarbeiten erspart.

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Glückliche Sieger: Airteam Roof Inspector

„Das Konzept ist besonders innovativ und Degewo kann es bei seinen Gebäuden toll anwenden“, sagt Jurymitglied Nikolai Roth vom Bundesverband Deutscher Start-Ups bei der Preisverleihung. Als Pilotprojekt will Airteam ein Gebäude des Wohnungsunternehmens aus der Luft scannen. Die Entscheidung sei dennoch ein absolutes Kopf-an-Kopf-Rennen gewesen, so Roth.

Den zweiten Platz teilen sich die vier weiteren Finalisten: Zu ihnen gehören das Unternehmen Big Box Berlin, das Seecontainer zu Wohnmodulen umbaut, ebenso wie die Software von Ener-IQ, die Heizungen in Echtzeit überwacht. Das Start-Up Diconnex erstellt Visualisierungen von kompletten Gebäuden und ermöglicht damit die digitale Begehung. Storebox möchte private Lagerräume im näheren Wohnumfeld, beispielsweise auf leerstehenden Gewerbeflächen, zur Verfügung stellen. Bis sich herausstellt, welche Konzepte in Sachen intelligentes Wohnen langfristig funktionieren, dürfte es – dank der besonderen Voraussetzungen in der Immobilienbranche – etwas länger dauern.