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09/08/2018 15:10 CEST | Aktualisiert 09/08/2018 15:13 CEST

Brennpunkt-Lehrerin: "Wie unsere Schule das Rassismusproblem besiegt"

An unserer Schule funktioniert Integration gut – obwohl etwa 80 Prozent der Schüler Migrationshintergrund haben.

FatCamera via Getty Images

Der Lehrer betritt die Klasse, es herrscht Chaos: 30 Schüler rennen umher, schreien in verschiedenen Sprachen durcheinander, der Lehrer scheint machtlos. “Die zu ermahnen, ergibt keinen Sinn – die verstehen ja eh kein Deutsch. Oder die wollen mich nicht verstehen.”

So stellen sich viele den Unterricht an Brennpunktschulen vor: Unmotivierte Kinder mit verschiedenen Migrationshintergründen, frustrierte Lehrer, die gegen das Multikulti-Chaos nicht ankommen. Negative Berichterstattung über das Thema gibt es zuhauf. 

An unserer Schule herrscht natürlich auch mal Chaos – aber glücklicherweise lassen sich unsere Lehrer nicht von Vorurteilen über Schüler mit Migrationshintergrund einnehmen oder negativen Meinungen frustrieren.

Integration funktioniert bei uns – obwohl so viele Schüler Migrationshintergrund haben

Ich unterrichte an einer Grundschule im Hamburger Brennpunktviertel Wilhelmsburg und kann behaupten: An unserer Schule funktioniert Integration gut – obwohl etwa 80 Prozent der Schüler Migrationshintergrund haben.

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Das liegt einerseits an unseren motivierten Lehrern – denn wer in einem Brennpunktviertel unterrichten will, macht das in der Regel aus Herzblut.

Andererseits liegt das am Projekt SchulMentoren, das an unserer Schule große Erfolge feiert und das ich koordiniere. Dabei unterstützen sich Schüler und Eltern aus verschiedenen Ländern sowie Lehrer gegenseitig, helfen sich bei Schul-alltäglichen Problemen und übersetzen auch mal füreinander. 

Bei uns gibt es zwei Modelle von Mentoring: einerseits die Elternmentoren und andererseits die Schülermentoren. Die Elternmentoren helfen anderen Eltern, deren Kinder in der Schule zu unterstützen  – die Schülermentoren unterstützen andere Schüler im Alltag.

Viele Eltern haben ein unterschiedliches Verständnis von Schule

Gerade Schule ist ein Ort, an dem es schnell zu Missverständnissen kommen kann – an Brennpunktschulen, wo in der Regel ein hoher Migrationsanteil herrscht, passiert so etwas umso schneller: Das liegt daran, weil viele Familien ein unterschiedliches Verständnis vom Schulsystem mitbringen.

In der Türkei ist es zum Beispiel so, dass die Schule als viel stärkere pädagogische Institution wahrgenommen wird als hierzulande. Dort mischen sich Eltern deutlich seltener ins Schulgeschehen ein, andersherum zählt es auch als Versagen eines Lehrers, wenn er die Eltern in einer Schulangelegenheit kontaktiert.

Viele Eltern, die nach Deutschland eingewandert sind, müssen erst einmal lernen, dass ihre Initiative hier stärker gefragt ist und sie auch mitreden dürfen. So habe ich es einmal bei einer indischen Mutter erlebt, die einfach nicht wusste, wie sie ihr Kind am besten auf den deutschen Schulalltag vorbereitet.

Eine türkische Mutter hat einer indischen geholfen

Daraufhin hat eine unserer Elternmentoren, eine türkische Mutter, sich eingeschaltet: Sie bot an, die indische Mutter zu kontaktieren und ihr genau zu erklären, wie sie sicherstellt, dass ihr Kind alle Schulmaterialien dabei hat, wie die Bücherausleihe in der Schulbibliothek funktioniert, welche Formulare für die Administration ausgefüllt werden müssen.

Anfangs war ich skeptisch, ob die türkische und die indische Mutter miteinander zurechtkommen würden. Schließlich konnte die indische Mutter nicht so gut deutsch, und die türkische sprach mit Akzent. Es hat aber alles gut geklappt, seit dem Gespräch der beiden Mütter, wirkt es, als ob der indische Sohn viel besser in den Schulalltag integriert sei.

Mehr zum Thema: Ich unterrichte im Brennpunkt: Es ist ganz anders, als alle denken

Das hat mir bewiesen: Selbst wenn Eltern keine gemeinsame Muttersprache haben – sie kennen die alltäglichen Herausforderungen, mit denen ihre Kinder konfrontiert werden, oft besser als wir Lehrer und können sie anderen Eltern besser kommunizieren.

Auch scheint der gemeinsame Faktor, nicht aus Deutschland zu stammen, zu verbinden. In interkulturellen Situationen gehen Eltern, die nicht von hier stammen, auf Probleme ein, die wir Lehrer vielleicht gar nicht auf dem Schirm haben.

Auch die Kinder unterstützen sich gegenseitig

Besonders schön ist auch zu merken, dass die Kinder der Elternmentoren Spaß daran finden, zu helfen, und sich häufig für das Schülermentoren-Programm bewerben. Dabei werden sie dazu ausgebildet, jüngeren Mitschülern im Alltag zu helfen.

Ich hatte zum Beispiel einmal eine Schülerin aus der Dominikanischen Republik, die Schwierigkeiten hatte, Buchstabenlaute zu lernen, weil sie die Beispielbilder nicht mit den Lauten zusammenbringen konnte: Wenn man das deutsche Wort für “Igel” nicht kennt, ist es natürlich schwierig, mithilfe dessen den Buchstaben i zu lernen.

Daraufhin hat sich eine Schülermentorin gemeldet, die sich geduldig mit dem Mädchen hingesetzt hat, um ihr alle Buchstaben und die passenden Bilder zu erklären. Sogar ein eigenes Memory-Spiel hat sie gebastelt, um dem Mädchen zu helfen. Es war toll, zu sehen, wie sich die Schüler gegenseitig helfen und so auch in den deutschen Schulalltag integrieren.

Integration funktioniert heute besser als damals

Ich weiß, dass solche Situationen keine Selbstverständlichkeit sind, beziehungsweise vor allem in der Vergangenheit keine waren. Kulturelle Sensibilität und der Wille, Kinder sowie Eltern zu integrieren, waren vor einigen Jahren noch nicht gang und gäbe, wie die Erzählung einer Freundin von mir beweist:

Der heute 35-Jährigen, die gebürtig aus Afghanistan stammt, wurde aufgrund ihrer Wurzeln kein Gymnasiumsbesuch zugetraut. Im Endeffekt hat sie das Abitur und Studium dennoch geschafft, heute ist auch sie Lehrerin. Aber ihr wurden auf ihrem Werdegang deutlich mehr Steine in den Weg gelegt, als es heute der Fall wäre.

Heutzutage entsteht eine Generation von Schülern mit Migrationshintergrund, die viel häufiger Erfolgsgeschichten zu berichten wissen, als es noch bei unserer Generation der Fall war. Ich freue mich, dass unsere Schule zu solchen Erfolgsgeschichten beitragen kann.

Mehr zum Thema: So wachsen Kinder von Migranten in Deutschland auf

Ich glaube, das Projekt SchulMentoren funktioniert an unserer Schule so gut, weil die Eltern motiviert sind und einfach Spaß an der Sache haben. Viele der Eltern verstehen sich auch privat gut und unternehmen gemeinsam etwas auch außerhalb der Schule. Die positive Haltung geben sie an ihre Kinder weiter – und damit werden natürlich auch wir Lehrer unterstützt. 

Lehrer werden an unserer Schule von Eltern und Schülern entlastet

Wenn Lehrer wissen, dass sie Hilfe von Eltern und Schülern bekommen, können sie natürlich auch entspannter unterrichten. Eine Kollegin von mir nimmt zum Beispiel regelmäßig die Elternmentoren in Anspruch, um bei Gesprächen übersetzen zu lassen – und freut sich, dass sie so bei ihrer Arbeit entlastet wird.

Obwohl sich unsere Schüler, Eltern und Lehrer gut untereinander verstehen, sich gegenseitig gut integrieren und so Ausgrenzung vermieden wird, kämpfen wir mit einem Problem: Weil wir den Ruf einer Brennpunktschule haben, bewerben sich nicht genügend Lehrer bei uns.

Die Kollegen, die sich bei uns bewerben, sind wirklich mit Herzblut dabei und sehen, wie gut Integration bei uns funktioniert. Natürlich gibt es auch mal schwierige Schüler, die gibt es an jeder Schule. Umso wichtiger ist es deswegen, gemeinsame Lösungen für problematische Situationen zu finden. 

Deswegen bin ich froh, dass es an unserer Schule die Eltern- und Schülermentoren gibt – sie helfen auf jeden Fall dabei, Integration auch von innen heraus zu schaffen und tragen so zu einem harmonischen Miteinander bei. 

Über das Projekt SchulMentoren

  • Das Projekt “SchulMentoren – Hand in Hand für starke Schulen” wurde mit Fördermitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) durch die Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (BASFI), der Behörde für Schule und Berufsbildung (BSB) und der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen (BSW) ins Leben gerufen.
  • Projektreferentin Mareike Stellmach sagt über die Entstehung des Projekts: “Vor einigen Jahren haben sich einige Schulleitungen aus Wilhelmsburg, einem Brennpunktviertel in Hamburg, zusammengetan und sich an die Behörde für Schule und Berufsbildung gewendet.” Deswegen unterstützt SchulMentoren seit 2013 Schulen in schwieriger Lage. “Momentan betreuen wir Mentoring-Programme an 33 Schulen in Hamburg”, sagt Stellmach.
  • “An diesen Schulen haben wir zusammen mit den Schulleitungen und Lehrern ganz individuelle Mentoringprogramme entwickelt: Je nach Bedarf betreuen schulische Koordinationen, das heißt ausgewählte Lehrer, an ihren Schulen Eltern- oder Schülermentoren oder auch externe Ehrenamtliche, die wiederum Schüler und deren Eltern in ihrem Schulalltag unterstützen und begleiten oder bei Fragen rund um Schule weiterhelfen.“
  • Besonders wichtig findet Stellmach, Familien, die gerade erst nach Deutschland gekommen sind, zu vermitteln, dass sie willkommen sind: “Sie sind willkommen, mitzubestimmen, mitzureden und sich in Schule einzubringen, selbst wenn sie die deutsche Sprache noch nicht gänzlich beherrschen.”