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24/09/2018 17:20 CEST | Aktualisiert 24/09/2018 17:20 CEST

Warum Personalentwicklung in agilen Zeiten auch Persönlichkeitsentwicklung sein muss

Die Arbeitswelt verändert sich. Wir müssen uns diesen Umständen anpassen, es geht also um adaptiven Wandel. Das ist über ein entscheidender Unterschied zur Anpassung aus einem Zwang heraus. Adaptiver Wandel kann nur gelingen, wenn Unternehmen erkennen, dass die neue Arbeitswelt andere Persönlichkeiten fordert als die alte.

Freie Menschen sind bindungsfähig

Sie braucht autonome Menschen. Ein autonomer Mensch, kann sich freiwillig auch für Bindung entscheiden - an ein Unternehmen oder andere Menschen. Die zentrale Frage ist: Entscheide ich selbst in der Mitte meines Erwachsenen-Ichs, fähig zur Grenzziehung und innerlich frei? Diesen Zustand erreichen Menschen entwicklungspsychologisch erst im Effektiv-Modus. Wir sind indes auf den Richtig-Modus eingestellt:

Unser Bildungssystem sowie die Arbeitswelt war und ist in großen Teilen auf Anpassung ausgerichtet, die keine Adaption ist und nicht den autonomen Menschen als Zielbild hat. Mitarbeiter sollen ihre Aufgaben erledigen, Fachexpertise einbringen und sich den Umständen anpassen, möglicherweise auch unterwerfen. Sie sollen die Umstände nicht gestalten und Ideen einbringen. Damit sie das können, werden sie instruiert und angeleitet.

Best-Practice-Wirklichkeit

Das Lernen ist somit nicht konstruktivistisch darauf ausgerichtet, dass sich jeder seine Wirklichkeit selbst gestaltet, sondern es gibt eine „ideale“ oder Best-Practice-Wirklichkeit. Aus dieser Sicht ist Personalentwicklung vor allem Training.  Die psychologische Konsequenz davon war und ist, dass Persönlichkeitsentwicklung auf der Strecke bleibt. Wenn jemand Agilität ernst meint, muss er diese einbeziehen. Jedwede Organisationsentwicklung, die den Namen verdient, fördert oder bremst Persönlichkeitsentwicklung.

Der in seiner Persönlichkeit entwickelte, also reife - durchaus auch junge - Mensch richtet sich an Wertmaßstäben aus und besitzt die Fähigkeit, Grenzen zu ziehen. Ein sehr deutliches Kennzeichen: Er kann "nein" sagen und "ja", und zwar im Einklang mit Denken, Fühlen und Handeln.

Innere Freiheit gibt uns die Möglichkeit, sich anderen zuzuwenden. Ein reifer Mensch handelt im Einklang mit Denken und Fühlen. Es ist nicht möglich, diesen Dreiklang trennen zu wollen. Wer nur auf Handeln fokussiert, entwickelt vielleicht Kommunikationsfähigkeit. Aber Eloquenz darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich ihrer oft keine Persönlichkeiten bedienen, sondern angepasste Menschen, die viele Doppelbotschaften senden.

Maßnahmen zur Persönlichkeitsentwicklung müssen auf die Reflexion von Prozessen und Kommunikation ausgerichtet sein. Die Retrospektive aus dem agilen Kontext ist ein wunderbares Format dafür. Umso erschreckender, dass diese sehr selten als solche genutzt wird. Sie bietet auch einen Reflexionsraum und die Möglichkeit, nicht nur das “was” sondern auch das “wie” zu betrachten.