POLITIK
26/04/2018 18:31 CEST | Aktualisiert 26/04/2018 20:16 CEST

Warum nordkoreanische Flüchtlinge zurück in Kims Diktatur wollen

"Wir sind für immer Fremde in Südkorea."

KIM WON-JIN via Getty Images
Kinder lassen Drachen im Zentrum von Pjöngjang steigen.
  • Jährlich fliehen hunderte Nordkoreaner in den Süden, um Hunger, Verfolgung und ständiger Angst zu entkommen.
  • Doch trotz eines Lebens in Freiheit wollen einige zurück.

Nordkorea ist der isolierteste und repressivste Staat der Welt. 

Machthaber Kim Jong-un hat politische Gegenspieler, darunter seinen Onkel Jang Song-thaek und vermutlich auch seinen Halbbruder Kim Jong-nam, ermorden lassen, um die eigene Machtbasis zu festigen. Zudem werden “politisch unzuverlässige” Bürger und deren Familien eingesperrt, Kritiker verschleppt und gefoltert. 

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International schätzt, dass in den  vier bekannten Straflagern für politische Gefangene bis zu 120.000 Personen inhaftiert sind.

► Aus diesen Gründen wenig verwunderlich: Seit dem Ende des Korea-Krieges 1953 sind zwischen 100.000 und 300.000 Nordkoreaner aus dem Land geflohen – zum Großteil ins benachbarte China oder Russland. Ein Teil hat sich auch nach Südkorea abgesetzt, oftmals unter Lebensgefahr für sich und die zurückgelassenen Angehörigen. Weg von Hunger, Verfolgung und ständiger Angst.

Doch in der Freiheit angekommen, sind einige so unglücklich, dass sie sogar zurück in Kims Reich wollen. Warum?

Sprachprobleme, Arbeitslosigkeit und Diskriminierung

Laut dem südkoreanischen Ministerium für Wiedervereinigung lebten Ende September 2017 etwas mehr als 31.000 nordkoreanische Flüchtlinge in Südkorea. 71 Prozent von ihnen sind Frauen. 

► Klar ist: Nicht wenige haben Probleme im Süden. Die Nordkoreaner finden sich plötzlich in einem gegensätzlichen politischen System wieder. Dazu kommen Verständigungsschwierigkeiten (das Südkoreanische ist mit Anglizismen durchsetzt), Arbeitslosigkeitund Diskriminierung.

Doch nur wenige Nordkoreaner würden so weit gehen wie Kim Ryon-hui: Sie sehnt sich nach einer Rückkehr in den Norden, wie sie der britischen Zeitung “The Guardian” erzählte.

HWANG SUNGHEE via Getty Images
Kim Ryon-hui während eine Pressekonferenz im Dezember 2017.

Fremd im fremden Land

Für eine medizinische Behandlung ging Kim 2011 nach China. Dort stellte sie schockiert fest, dass das kommunistische Nachbarland keine kostenlose Gesundheitsversorgung bot. Um die Rechnungen zu begleichen, ließ sie sich schließlich dazu überreden, in Südkorea zu arbeiten – mit der Hoffnung, nach ein paar Monaten wieder zurückkehren zu können.

Aber nun versucht die 49-Jährige bereits seit sieben Jahren, wieder zu ihrer Tochter und ihrem Ehemann nach Pjöngjang zurückzukommen. Bisher verweigern ihr die südkoreanischen Behörden die Ausreise. Mit Protesten und selbst mit einer Petition an die UN versucht sie, auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Sie sei gefangen, eine Fremde in einem fremden Land.

► Angebote, ihre Familie aus Nordkorea herauszuschmuggeln, schlug Kim aus. “Nordkoreanische Überläufer sind für immer Fremde in diesem Land, sie werden als Bürger zweiter Klasse eingestuft”, sagte sie dem “Guardian”. “Ich würde nie wollen, dass meine Tochter dieses Leben lebt.” 

Nun hofft Kim auf das bevorstehende Treffen zwischen Kim Jong-un und dem südkoreanischen Präsident Moon Jae-in.

Nordkoreanische Überläufer sind für immer Fremde in Südkorea, sie werden als Bürger zweiter Klasse eingestuft. Kim Ryon-hui

Kim ist keine Ausnahme. Laut dem “Guardian” sind es oft ältere Veteranen, die seit dem Ende des Koreakrieges im Süden sind, und zurück in den Norden wollen. Es sind Menschen, die dort sterben wollen, wo sie geboren wurden. 

► Immerhin: Der Traum einer Rückkehr ist dieser Tage so zum Greifen nahe wie lange nicht

Auch die Chancen für Kwon Chol-nam, einem weiteren Überläufer, der zurück in den Norden will, stehen gut. Ähnlich wie Kim wurde er von einem Vermittler überredet, im Süden zu arbeiten. Doch bereits kurz nach seiner Ankunft geriet er in finanzielle Schwierigkeiten.

“Um ein Leben zu führen, ist Geld ein wichtiger Faktor, aber das Wichtigste ist, wie ein Mensch behandelt zu werden”, erklärte Kwon dem “Guardian”. Im Norden sei das nicht der Fall gewesen. 

“Als ich in Südkorea ankam, sagte man mir, ich würde gleich behandelt werden, aber das war Blödsinn”, schimpfte Kwon dennoch. Wie Kim versucht er nun, mit Protesten seine Rückkehr zu erzwingen.

Koreas kleine Wiedervereinigung 

Aus Sicht der südkoreanischen Asienexpertin Kongdan Oh von der US-Denkfabrik Brookings Institution ist die Wiedervereinigung die größte Herausforderung für den Süden.

Doch mit Blick auf die Probleme der nordkoreanischen Flüchtlinge gelte es vorerst die “kleine Vereinigung” zu bewältigen, schreibt Kongdan. “Wenn die südkoreanische Regierung und die Menschen nicht lernen, mit den mehreren tausend Überläufern umzugehen, (...) wird die nationale Vereinigung unvorstellbar schwierig sein.”

(ame)