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29/07/2018 16:52 CEST | Aktualisiert 29/07/2018 16:52 CEST

Warum nach Koko kein Tier mehr die Zeichensprache lernen sollte

Wir müssen Tieren keine Zeichensprache beibringen – sie haben ihre eigene Sprache.

© Inge Knijnenburg/AAP

Gastbeitrag von Jennifer O’Connor nach dem Tod der Gorilladama Koko im Juni 2018. O’Connor ist Autorin bei der PETA Foundation, 501 Front St., Norfolk, VA 23510; www.PETA.org. (Chattanooga Times Free Press (Tennessee))

Koko, die berühmte Gorilladame, die die amerikanische Zeichensprache beherrschte, ist tot. Sie wurde 1971 im Zoo von San Francisco geboren und einige Jahre später an eine neu gegründete Gorillastiftung übergeben. Beinahe ein halbes Jahrhundert lang war sie den Launen und Vorstellungen des Menschen ausgeliefert. Sie wusste, dass dies nicht der Ort war, an dem sie eigentlich sein sollte. Oft verwendete sie das Zeichen für „Baby“, hielt Gorillapuppen im Arm oder streichelte behutsam ihre kleinen Kätzchen. In Freiheit hätte sie vermutlich mehrere Babys geboren, gestillt, sie beschützt und ihnen beigebracht, Teil einer großen Familie zu sein. Ihre Intelligenz und ihre sensible Art machten den Menschen klar, wie wir die „anderen“ um uns herum konstruieren.

King Kong entsprang der Welt der Fantasie. In Wahrheit sind Gorillas ruhige, friedliche und nicht aggressive Zeitgenossen. Sie leben in komplexen sozialen Beziehungen. Ihr Leben dreht sich um die Familie. Wenn einer ihrer Lieben stirbt, trauern sie und halten teils Totenwache. In Gefangenschaft bleibt ihnen alles verwehrt, was ihr Leben eigentlich ausmacht. Es verwundert daher nicht, dass die Tiere in einigen Zoos Antidepressiva bekommen.

Natürlich ist Koko nur eines von vielen Tieren, die dem Menschen verzweifelt klarzumachen versuchten, was sie wirklich wollen und brauchen. Der Schimpanse Washoe sagte dem Forschungsteam in Zeichensprache: „Du ich rausgehen schnell.“ Und der Bonobo Kanzi antwortete auf die Frage, ob er bereit sei, etwas zu unternehmen, mit: „Schon lange.“

Wir müssen Tieren keine Zeichensprache beibringen – sie haben ihre eigene Sprache.

Delfine kommunizieren in vollständigen Sätzen. Und im Gegensatz zu dem einen oder anderen unhöflichen Verwandten von uns warten sie geduldig ab, bis ihr Gegenüber einen Gedanken zu Ende gebracht hat. Erst dann steigen sie in das Gespräch ein. Elefanten warnen ihre Artgenossen und kommunizieren über Kilometer hinweg per Niedrigfrequenz „Ultraschall“ in Tonhöhen, die der Mensch nicht hören kann.

Die Japanmeise kommuniziert nicht nur mit verschiedenen Rufen, sondern auch mit Syntax: Mit unterschiedlichen Regeln und Grammatikvorgaben verleiht sie ihrem Gesagten eine gewisse Struktur. Einige Rufe bedeuten „Gefahr!“, während andere heißen sollen: „Komm her, ich habe Nahrung gefunden.“

Aber nicht nur fellige und gefiederte Tiere tauschen sich aus. Ein Forschungsteam vom National Centre of Scientific Research in Rennes, Frankreich, fand heraus, dass Kakerlaken miteinander sprechen. Sie nutzen dafür chemische Reize, um anderen Informationen über Orte und Nahrung mitzuteilen. Außerdem verraen sie einander, in welchem Spalt oder Loch man gut unterkommen könnte.

Und dann gibt es da noch einen gelangweilten Belugawal. Er lebt in einer Einrichtung in San Diego und kann die menschliche Sprache so lebensecht imitieren, dass ein Taucher annahm, seine Kollegen würden ihm einen Streich spielen. Der Wal forderte den Taucher mit den Worten „Get out“ auf, sein Becken zu verlassen.

Die Tiere in unserem Leben „sprechen“ die ganze Zeit. Hunde winseln, wenn sie die Aufmerksamkeit ihres Menschen wollen oder wenn die letzte Gassirunde schon zu lange zurückliegt. Wer schon einmal mit einer Katze zusammengelebt hat, erkennt den Unterschied zwischen einem Miau für „Steh auf, ich will mein Frühstück“ und einem aufgeregten Miau, wenn ein Eichhörnchen vor dem Fenster steht.

Sprache besteht nicht nur aus Vokalen und Konsonanten. Alleine die Körpersprache spricht Bände. Doch wenn Tiere mit ihren Ohren, Schwänzen, Augen und Stimmen mit uns sprechen, versuchen wir häufig nicht einmal, sie zu verstehen oder auch nur ihre Kommunikationsfähigkeit anzuerkennen. Die Sprache der Tiere ist genauso real wie unsere eigene – wir müssen nur zuhören.