POLITIK
26/06/2018 13:48 CEST | Aktualisiert 26/06/2018 14:34 CEST

Warum immer mehr junge Menschen ihr Glück auf dem Land suchen

Sie stellen das Lebensmodell einer ganzen Generation in Frage.

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Charlotte Roche ist immer für einen Skandal gut. Gemeinhin regen sich die Konservativen und die Bürgerlichen über ihre Tabubrüche auf. Dieses Mal jedoch war alles anders.

Die Autorin von „Feuchtgebiete“ hat kürzlich ein Essay im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ veröffentlicht, in dem sie beschreibt, warum sie aufs Land gezogen ist. Der programmatische Titel: „Verlasst die Städte!“

Natürlich, es ist ein typischer Roche-Text. Sie schreibt unter anderem darüber, dass sie sich ein Bestimmungsbuch für die Kackhaufen im Wald gekauft habe und so der Natur näher gekommen sei.

Aber Roche wirft auch wichtige Fragen auf: „Der Indianer in mir vermisst echte Erde unter den Füßen. Die Bäume in der Stadt sind eingemauert oder umgeben von Asphalt. Nachts sieht man keine Sterne“, schreibt sie. „Was ist, wenn ein Burnout nicht von der Arbeit kommt, sondern von dem Ort, an dem wir leben und arbeiten? Der Stadt?“

Macht das Landleben dumm?

Roche erntete für den Text insbesondere aus dem linken gesellschaftlichen Spektrum Hohn und Spott. In der Satire-Rubrik „Wahrheit“ bei der „taz“ schrieb ein Autor: „Ihr Text beweist: Das Landleben macht dumm und kleingeistig. Noch gar nicht so lange wohnt die Roche dort, und ihr Text besteht ausschließlich aus unbelegten Behauptungen, Logikfehlern und ein paar persönlichen Erlebnissen.“

In einem nicht ganz so bissigen Text merkt ein weiterer „taz“-Autor gut zwei Wochen später an:

„Das Landleben wird idealisiert. Der US-Komiker Louis CK veranschaulicht das am Beispiel von Rehen. Als er noch Städter war, sei er beim Anblick eines Rehs ehrfürchtig stehengeblieben, erzählt er. Inzwischen wohnt er auf dem Land – und hasst Rehe. Sie stinken, sie kacken überall hin, sie brüllen blöde herum. So ist das eben.“

Oder wird das Stadtleben doch eher idealisiert?

Es ist durchaus spannend zu sehen, mit wie viel Energie die progressiven Kräfte das Leben in der Stadt verteidigen. Und es drängt sich der Eindruck auf: Womöglich idealisieren wir das Stadtleben. Zumindest das in den großen Metropolen.

Könnte es sein, dass Roche auch deswegen so harsch kritisiert wird, weil sie das Lebensmodell einer ganzen Generation infrage stellt? Eben das jener Menschen, die seit Mitte der 1990er-Jahre das Wachstum der deutschen Metropolen durch ihren Wegzug vom Land vorangetrieben haben?

Der Berliner Stressforscher Mazda Adli – selbst ein bekennender Stadtmensch – ist in seinem Buch „Stress and the City“ der Frage nachgegangen, welchen Einfluss das Stadtleben auf die Psyche hat. Adli glaubt nicht, dass Metropolen generell krank machen. Aber er sagt auch, dass Stadtbewohner ein höheres Risiko haben, an bestimmten Stressfolgekrankheiten zu leiden. 

Das Risiko, an Schizophrenie zu erkranken, sei in Städten zum Beispiel zwei- bis dreimal so wie auch dem Land. Ähnliches gilt für Depressionen und Angsterkrankungen.

So falsch hat Roche also nicht gelegen. Zumindest in diesem Punkt.

Das Verhalten der Städter untereinander macht krank

Natürlich ist das Leben in einer Stadt wie Berlin großer Stress. Und der kommt nicht nur von den bimmelnden Straßenbahnen oder von verpassten Bussen. Es ist auch das Verhalten der Städter untereinander, das Menschen aggressiv macht: Die vielen kleinen Mikrostress-Situationen im Alltag, die sich von morgens bis abends summieren.

Wer mal die so genannte Berliner Dienstleistungskultur aus nächster Nähe erlebt hat, der wünscht sich womöglich, dass es auch in großen Städten so etwas wie soziale Kontrolle gäbe.

Natürlich lässt sich das auch auf das Verhalten von Münchner Kellnerinnen, Kölner Autofahrern und Hamburger Verwaltungsangestellten übertragen.

Das Leben in der Stadt ist auch deswegen rauer, weil sich kaum jemand für die alltäglichen Boshaftigkeiten rechtfertigen muss. Das ist übrigens das negative Gegenstück zur Freiheit, die viele Menschen in der Stadt suchen. Wir sind frei von Kontrolle – doch eben auch von Schutz.

Aber es ist eben nicht nur das Kleine, sondern auch das große Ganze. Zum Beispiel das ungesunde Verhältnis zwischen Mieten und Gehältern. Die zunehmende Verdichtung durch den stetigen Zuzug. Und auch die Unfähigkeit vieler deutscher Großstadtverwaltungen, auf den globalen Trend zur Urbanisierung zu reagieren.

Liegt die “Freiheit” in Zukunft wieder auf dem Lande?

Wen wundert es da, dass nun selbst Menschen aufs Land ziehen, die man gemeinhin als „Influencer“ bezeichnen würde?

Eine Gruppe von Architekten und Kreativen plant derzeit etwa ein Projekt, das vor zehn Jahren wohl noch eher in Berlin-Wedding oder in Hamburg-Wilhelmsburg entstanden wäre.

Sie wollen an der Ostsee ein so genanntes „Ko-Dorf“ auf dem Land gründen, mit 100 bis 150 kleinen Häusern, in denen Menschen gemeinsam leben und arbeiten können.

Dass sich Städter überhaupt über solche Projekte Gedanken machen, kann man auch als Zeichen der Zeit sehen. Das Versprechen von Freiheit für die nächste Generation, es könnte auf dem Land in Erfüllung gehen.