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24/07/2018 14:02 CEST | Aktualisiert 24/07/2018 14:02 CEST

Warum jeder, der kann, aus Eritrea flieht

Die Regierung profitiert vom Massenexodus – und Europa betreibt eine Politik der Doppelmoral.

Tiksa Negeri / Reuters
Flüchtlingskinder aus Eritrea im Mai-Aini-Camp nahe der eritreischen Grenze in Äthiopien

Die Europäer fallen immer wieder auf dieselben Lügen herein. Oder sie wollen darauf hereinfallen.

Sie glauben, mit den korruptesten und brutalsten Regimen Afrikas verhandeln zu können. Nur damit weniger Afrikaner nach Europa fliehen.

Was für ein Irrtum. Diese Politik bewirkt, dass nur noch mehr Menschen fliehen. Menschen wie ich.

Ich stamme aus Eritrea, dem Land am Horn von Afrika, aus dem so viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen. 

Eritreische Flüchtlinge in Deutschland

► 3535 Eritreer haben seit Anfang des Jahres einen Asylantrag in Deutschland gestellt. Damit ist Eritrea nach Nigeria das Land, aus dem die meisten afrikanischen Flüchtlinge nach Deutschland kommen.

 97 Prozent der Eritreer, die in Deutschland um Asyl bitten, dürfen bleiben (bereinigte Schutzquote, rein formale Entscheidungen nicht mitgerechnet). Eine höhere Schutzquote haben nur noch Syrer.

► Während des Unabhängigkeitskrieges mit Äthiopien 1961 bis 1991 kamen etwa 25.000 Eritreer nach Deutschland. Die meisten sind inzwischen deutsche Staatsbürger.

Ein Land ohne Universität

Ich habe, nachdem ich in Deutschland meinen Master und Doktor gemacht hatte, in Libyen gelehrt und bin nach der Unabhängigkeit Eritreas in meine Heimat zurückgekehrt.

Zehn Jahre lang habe ich dort als Soziologie-Professor gelehrt, habe soziale Probleme angeprangert, bis die Regierung mich 2003 kaltgestellt, die Universität zerschlagen und alle Fakultäten übers ganze Land verteilt hat. Seither gibt es de facto keine Hochschule mehr in Eritrea.

Die Behörden haben meinen Pass konfisziert und mich unter Ausreiseverbot und permanente Überwachung gestellt. Acht Jahre lang durfte ich weder arbeiten noch das Land verlassen.

Eritrea auf einen Blick

► Das ostafrikanische Land ist ein Drittel so groß wie Deutschland und hat nach Regierungsangaben 3,7 Millionen Einwohner.

►Eritrea ist mit einem Bruttoinlandsprodukt von 980 Dollar pro Kopf (zum Vergleich: Deutschland 44.550 Dollar) einer der ärmsten Staaten der Welt. Offizielle Daten gibt die Regierung allerdings nicht heraus. Im Ranking des Human Development Indexes, der auch Faktoren wie Sterblichkeit und Bildung berücksichtigt, liegt das Land auf Platz 179 von 188.

► Präsident Isaias Afwerki ist de facto Alleinherrscher, es gibt keine Gewaltenteilung.

Zum Glück bin ich nicht wie andere Kritiker der Regierung in den geheimen Gefängnissen verschwunden, sondern ich konnte mit Hilfe des Netzwerks “Scholars at Risk” nach Oslo ausreisen und weiter als Wissenschaftler arbeiten. Derzeit arbeite ich für ein Projekt mit dem Giga-Institut in Hamburg.

Sklaverei in Namen des Staates

Jeder, der kann, verlässt Eritrea. Das ganze Land ist militarisiert. Die Wehrpflicht dauert dort nicht ein, zwei Jahre – sondern unbegrenzt. Im Krieg mit Äthiopien haben Zehntausende Jugendliche ihr Leben verloren. 

 

Neben dem Militärdienst gibt es den Nationaldienst. Der Staat greift sich Leute, die in der Landwirtschaft oder auf dem Bau arbeiten müssen. Solange der der Staat das will. Die UN nennen das Sklaverei.

Entziehen kann man sich dem staatlichen Zugriff nicht. Alle sechs Monate führt die Regierung auch in ländlichen Gebieten Razzien durch. Wer sich drückt, landet im Gefängnis, in Verließen unter der Erde, wo gefoltert wird.

Anfangs hat die Regierung noch versucht, die Menschen im Land zu halten. Wer bei der illegalen Ausreise erwischt wurde, konnte hingerichtet werden. Wenn die Flucht geglückt war, nahmen die Behörden die zu Hause gebliebenen Familienmitglieder in Haft und kassierten 50.000 Nakfa, umgerechnet 2800 Euro. Bei einem Jahreseinkommen von durchschnittlich gerade einmal 375 Euro eine existenzvernichtende Summe.

Die Regierung profitiert vom Massenexodus

Heute ist die Regierung um jeden froh, der geht. Sie profitiert vom Massenexodus, in dreifacher Hinsicht.

► Erstens verdienen korrupte Beamte  an jedem, der geht. Wer raus will, geht in Asmara zu einem Offizier, der als Vermittler arbeitet. Der nimmt seinen Dienst-Landcruiser und fährt die Flüchtlinge zu einem Checkpoint, dort übernehmen dann die Schmuggler.

Das können sudanesische  Sicherheitsbeamte sein, Rashaida-Nomaden oder  Beduinen vom Sinai, die Flüchtlinge als Geiseln nehmen.

Selbst aus Eritrea zu fliehen ist illegal. Aber die ländliche Bevölkerung kann die Offiziere nicht bezahlen. Sie riskiert ihr Leben für die Flucht. Tausende sitzen deswegen im Gefängnis.

► Zweitens schicken natürlich alle Exil-Eritreer ihren Familien Geld. Zusätzlich erhebt die Regierung zwei Prozent Diaspora-Steuern auf alle Einkommen, auch auf Sozialhilfe.

Meine Familie lebt noch in Eritrea und ich will nicht, dass sie rauskommen. Ich will nicht riskieren, dass meine Kinder all das erleiden, was ihnen auf einer Flucht bevorsteht. Seit 2016 sind die Fluchtrouten noch unsicherer geworden.

Jeder Eritreer überweist, was er entbehren kann. Dieses Geld stabilisiert die Regierung, die für all das Elend verantwortlich ist. Aber die meisten haben keine andere Wahl.

► Drittens profitiert die Regierung vom Exodus, weil dann die jungen Menschen weg sind. Weniger junge Menschen bedeutet weniger Proteste.

Der Staat ist eine Rebellengruppe

Die EU und die Schweiz wollen Regierungen wie die Eritreas stabilisieren, damit weniger Menschen nach Europa kommen. 2014 wurde dazu der sogenannte Khartoum-Prozess begonnen, der vor allem der Abriegelung der Fluchtrouten dient.

In den letzten Jahren reisten eine norwegische und andere europäische Delegationen nach Eritrea, um für eine Verkürzung des Wehrdiensts auf zwei Jahre zu werben.

Wie kann man nur glauben, dass man den Zusagen dieser Regierung vertrauen kann?

Jede Zusammenarbeit, die nicht zu hundert Prozent von den Europäern kontrolliert und organisiert wird, stützt nur die Regierung. Es gibt in Eritrea keine Nichtregierungsorganisationen, die nicht staatlich kontrolliert werden. Es gibt keine Zivilgesellschaft mehr. Der Staat ist nichts anderes als eine Rebellengruppe.

Eritrea und Zusammenarbeit mit Deutschland

► Seit 2008 gibt es keine Entwicklungszusammenarbeit mehr zwischen Deutschland und Eritrea.

► Deutschland und Eritrea sind Mitglieder des Steuerungskomitees im Khartoum-Prozess. Kerndokument ist die Erklärung von Rom, in dem die Mitglieder 2014 vereinbarten, gegen Menschenschmuggel und Menschenhandel vorzugehen.

Was helfen würde

Das Einzige, was helfen würde: Die Europäer müssen zusammen Druck machen. Jede finanzielle Unterstützung des Regimes einstellen.

Und den Eritreern helfen, indem sie sie nicht nur in Europa aufnehmen, sondern auch in den Nachbarländern Eritreas Flüchtlingslager unterstützen und dort Ausbildungsplätze schaffen.

Eine Million Eritreer leben im Sudan, 300.000 in Äthiopien. Wenn die Menschen nicht nach Europa aufbrechen sollen, müssen die Europäer dort helfen. Aber dorthin fließt derzeit viel zu wenig Geld.

Diese Politik hat einen Namen: Es ist Doppelmoral. Die EU redet einerseits von Menschenrechten, auf der anderen Seite unterstützt sie Diktatoren und Warlords, um zu verhindern, dass die Flüchtlinge nach Europa gelangen. 

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.