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14/08/2018 21:07 CEST | Aktualisiert 15/08/2018 19:13 CEST

Warum ist die Brücke in Genua eingestürzt? Derzeit gibt es 2 Theorien

Auf den Punkt.

Im Video oben: “Focus Online”-Reporter Ulf Lüdeke berichtet aus Genua über die möglichen Ursachen des tragischen Unglücks.

Eine gigantische Lücke klafft in der vierspurigen Autobahnbrücke in Genua. Beim Einsturz der Konstruktion in der italienischen Hafenstadt wurden mindestens 42 Menschen in den Tod gerissen. Und noch immer liegen womöglich Opfer unter den Stahl- und Betonteilen.

Deshalb sollen auch in der Nacht die Rettungsarbeiten weitergehen. “Wir werden nicht aufhören zu suchen”, sagte der Einsatzleiter des Zivilschutzes, Luigi D’Angelo. Elf Überlebende sind laut Bürgermeister Marco Bucci aus den Trümmern geborgen worden.

Doch wie konnte das Unglück passieren? Derzeit gibt es zwei Theorien, warum die Brücke eingestürzt ist. Wir haben sie auf den Punkt gebracht.

Die Hintergründe zur Brücke:

► Die Brücke ist Teil der Autobahn A10 (international E80), der sogenannten “Autostrada dei Fiori”, einer wichtigen Verbindungsstraße nach Südfrankreich, in den Piemont und die Lombardei.

► Die Brücke wird oft Morandi-Brücke genannt, nach ihrem Konstrukteur Riccardo Morandi. Sie führt über ein Industriegebiet und den Fluss Polcevera, daher ist auch der Name Polcevera-Viadukt verbreitet.

►  Das Viadukt wurde nach vierjähriger Bauzeit im Jahr 1967 eingeweiht, verfügt über eine Gesamtlänge von 1182 Metern und stützt sich auf drei Betonpfeiler.

► Die Brücke stürzte in mehr als 40 Metern Höhe auf einem zwischen 100 bis 200 Meter langen Stück ein.

► Fakt ist: Zum Zeitpunkt der Tragödie herrschte ein Unwetter und es waren laut Betreibergesellschaft Autostrade per Italia Bauarbeiten im Gange, an der Sohle des Polcevera-Viadukts sei gearbeitet worden. Auf der Brücke selber habe ein Baukran gestanden.

► Der Zustand der Brücke sowie der Fortgang der Renovierung seien immer wieder kontrolliert worden. Erst wenn ein gesicherter Zugang zur Unfallstelle möglich sei, könne Näheres über die Ursachen des Einsturzes gesagt werden, teilte das Unternehmen mit.

► Verkehrsminister Danilo Toninelli schloss in einem Radio-Interview aus, dass die Bauarbeiten an der Brücke Grund für den Einsturz seien. 

Derweil gibt es zwei Theorien, wie es zum Einsturz der Brücke kommen konnte: 

Theorie 1 – Blitzeinschlag:

► Überlebende des Unglücks berichten der italienischen Nachrichtenagentur Ansa: “Gegen halb zwölf haben wir einen Blitz in die Brücke einschlagen sehen – und dann stürzte die Brücke in sich zusammen.”

► Ein weiterer Augenzeuge sagte der italienischen Zeitung “La Repubblica”, was passierte, nachdem ein Blitz in einen Pfeiler einschlug: “Der Zement hat angefangen zu bröckeln, danach ist alles eingestürzt.“

► Fakt ist: In die Brücke hat tatsächlich ein Blitz eingeschlagen, wie ein Experte der Münchener Blitzmessfirma Nowcast der “Welt” bestätigte. Um 11.26 Uhr und 38 Sekunden habe ein sogenannter Bodenblitz die Brücke getroffen. Doch erst eine halbe Stunde später stürzte die Konstruktion ein.

► Vize-Verkehrsminister Edoardo Rixi betonte: “Eine Brücke wie diese bricht weder durch einen Blitz noch durch ein Gewitter zusammen.” Auch der Nowcast-Experte schließt einen Blitz als Ursache für die Katastrophe aus.

Theorie 2 – Baumängel:  

► Schon während des Baus der Brücke soll es Probleme mit dem Beton und der Statik gegeben haben, berichtet die “Welt”. Später, in den 80er- und 90er-Jahren wurden deshalb drei 90 Meter lange Zugpfeiler angebaut, welche die Konstruktion verstärken sollten. 

► “Wir wissen, dass die Brücke ständig gewartet wurde und dass zu viel Verkehr die Struktur beeinträchtigen kann”, sagte der Geologe Mario Tozzi der italienischen Ausgabe der HuffPost. Er glaubt, dass das Problem der verbaute Stahlbeton sein könnte. “Ein Material, das der Mensch vor einem Jahrhundert erfunden hat. Und bei dem schwer vorherzusagen ist, wie lange es hält.” Die Forschung wisse nicht, wie lange die damit gebauten Konstruktionen Witterungseinflüssen und Verkehr genau standhalten können. 

► Antonio Brencich, Professor an der Universität in Genua und Experte für Stahlbeton, hält die Konstruktion der Morandi-Brücke an sich für problembehaftet. Bereits 2016 bezeichnete er die Brücke in einem Interview mit dem TV Sender Primocanale als “ein Versagen der Ingenieurwissenschaft”. 

► Nach dem Unglück sah sich Brencich bestätigt. Das System habe “offensichtliche Probleme”, sagte er dem italienische Onlinemagazin ”Linkiesta”. Der Grund für den Einsturz? “Es liegt schlicht an den Verfallserscheinungen.”

► Statiker Volker Link verwies im TV-Sender Welt neben möglicherweise mangelnder Wartung auf den Faktor Korrosion, der aufgrund der Nähe der Brücke zum salzhaltigen Mittelmeer und der von dort hinübergewehten Luft begünstigt werde. “Betonbrücken im Bereich von Meeren sind empfindlicher”, erklärte Link. 

► Auch das italienische Institut für Bautechnik des Nationalen Forschungsrats verweist auf die lange Nutzungsdauer von über 50 Jahren vieler Stahlbetonkonstruktionen in Italien. In einer Mitteilung schreibt das Institut: “In der Praxis haben zehntausende Brücken in Italien heute ihre Lebensdauer überschritten, für die sie entworfen und gebaut wurden.”

► Vize-Verkehrsminister Rixi von der rechten Lega sagte dem Nachrichtensender TG1: “Einige sagen, dass es sich um eine angekündigte Tragödie handelt.” Dass es eine Brücke gewesen sei, “bei der viele Instandhaltungsarbeiten in den letzten Jahren übergangen wurden”. Unklar ist, inwiefern das tatsächlich zutrifft.

► Das tragische Unglück von Genua erinnere den seinen Parteikollegen, den  Ökonomen Claudio Borghi, daran, dass das Land die öffentlichen Investitionen “unbedingt im Auge behalten muss”. Auch er erklärte in einem Tweet: “Bei Brücken, Straßen, Aquädukte wurde jahrelang die nötige Wartung verschoben, weil kein Geld dagewesen wäre.”

► Fakt ist: Der Zustand vieler Autobahnbrücken in Italien ist besorgniserregend, immer wieder kam es in den vergangenen Jahren zu Unglücken:

► März 2017: Eine Brücke in Camerano, die mehrere Fahrspuren der Autobahn zwischen Ancona und Loreto überspannt, stürzt ein. Zwei Menschen werden getötet.

► Oktober 2016: Der Annone-Viadukt über einer Straße zwischen Mailand und Lecco in der Nähe des Comer Sees bricht ein. Ein Mensch stirbt. Die Überführung hatte nachgegeben, als ein Schwertransporter darüber hinwegfuhr.

Auf den Punkt:

Es ist passiert, was nicht hätte passieren dürfen: Eine gigantische Brücke ist in Genua auf bis zu 200 Metern eingestürzt. Doch warum geschah das?

Zwar schlug ein Blitz in die Konstruktion ein, doch Experten schließen das als Ursache aus. Abzuwarten bleibt, ob eine mangelhafte Wartung zum Einsturz der Brücke führte.

Mit Material von dpa.

(sk)