LIFE
16/10/2018 16:38 CEST | Aktualisiert 17/10/2018 10:13 CEST

Urlaub, wo andere sterben? Warum ich meinen Flug nach Bali sausen ließ

Eigentlich liege ich gerade am Strand. Stattdessen sitze ich im Büro.

Im Video oben seht ihr, was ein Erdbeben und ein Tsunami Ende September auf der indonesischen Insel Sulawesi angerichtet haben.

Eigentlich brennt mir gerade die Sonne auf der Haut, ich schmecke den salzigen Geschmack angetrockneter Meeresluft auf meinen Lippen und schlürfe einen leckeren Cocktail am Strand irgendwo auf Bali.

Aber nur eigentlich. Denn stattdessen sitze ich im Büro.

Eigentlich wollte ich nach Bali fliegen, Sonne tanken, surfen, tanzen, mit einem Roller die Insel erkunden, auf einen Vulkan wandern. Aber dann, nur wenige Stunden vor Abflug, habe ich beschlossen, meinen 800-Euro-Flug einfach verfallen zu lassen und nicht zu fliegen.

Denn ich wollte nicht dort Urlaub machen, wo andere sterben.

Cn0ra via Getty Images
Reisfelder auf Bali.

Am 28. September hatte ein Erdbeben auf der Insel Sulawesi einen Tsunami mit sechs Meter hohen Wellen ausgelöst. Die Behörden gehen davon aus, dass rund 2000 Menschen dabei ums Leben kamen, rund 5000 werden noch vermisst, 86.000 Menschen sind nach der Katastrophe obdachlos.

Kurz darauf bebte die Erde zweimal auf der Insel Sumba, im August waren über 400 Menschen durch ein Erdbeben auf der Insel Lombok ums Leben gekommen. Ja, und dann in der Nacht vor meinem Abflug bebte die Erde auch auf Bali. Drei Menschen starben bei dem Beben, das auf Bali und Ost-Java zu spüren war.

Beim Gedanken, nach Bali zu fliegen, wurde mir schlecht

Als ich am Abflugtag aufwachte, noch kaum meine Augen öffnen konnte und die Meldung von dem Erdbeben auf meinem Smartphone aufleuchtete, zog sich alles in mir zusammen. Bei dem Gedanken, in ein paar Stunden in ein Flugzeug zu steigen, wurde mir schlecht.

An einen Ort zu reisen, wo die Menschen gerade damit zu tun haben, verschüttete Tsunami-Opfer zu bergen? Das fühlte sich einfach nur falsch an. Und erschien mir plötzlich wie der Gipfel der Perversion einer globalisierten Welt.

Barcroft Media via Getty Images
Ein Erdbeben hat im August im Norden Lomboks schwere Schäden angerichtet.

Indonesien ist eine der erdbebenreichsten Regionen der Erde, fast täglich kommt es irgendwo in der Inselregion zu Beben. Ein Großteil davon sorgt nicht für größere Schäden, die Indonesier sind es gewohnt, dass ihr Geschirr klirrt. Es ist Teil ihres Alltags. Aber durchschnittlich alle paar Jahre kommt es zu verheerenden Beben, bei denen Gebäude einstürzen und Tsunamis entstehen – und immer wieder viele, vor allem arme Menschen, verletzt werden, sterben und ihre Existenzgrundlage verlieren.

All das brachte mich zum Nachdenken. Ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der ich überall hin reisen kann, wohin ich möchte. Urlaub machen ist für einen Großteil der Menschen der westlichen Welt mit ein wenig Sparen fast überall hin auf der Welt erschwinglich.

Seit Jahren ist Indonesien Ziel von Massentourismus

Auch in Länder, die arm, korrupt und von Naturkatastrophen und Konflikten geplagt sind. 

Reisen bedeutet Abenteuer, entdecken, Horizont erweitern. Weil die Menschen reisen, konnten Offenheit für und Respekt vor anderen Kulturen und Gepflogenheiten wachsen.

Aber ist es richtig, in einem Land Urlaub zu machen, das mit existenziellen Alltags-Problemen zu kämpfen hat?

SONNY TUMBELAKA via Getty Images
Surfer am Strand von Kuta auf Bali.

Indonesien ist arm. Im Jahr 2016 verdienten 62,8 Prozent der Bevölkerung Indonesiens weniger als 5,50 US-Dollar am Tag. Beim Human Development Index – ein aus Lebenserwartung, Bildung und Lebensstandard gebildeter Indikator – liegt Indonesien auf Platz 113 und erreicht einen Wert von 0,689.

Damit zählt der Inselstaat zwar nicht zu den ärmsten und unterentwickeltsten der Erde. Aber ein sorgenfreies Leben mit einer gesicherten Existenz führt dort wohl nur eine Minderheit.

Gleichzeitig ist Indonesien schon lange Ziel von Touristen aus der ganzen Welt, Zentrum und seit Jahren Ort von Massentourismus ist Bali.

Touristen bringen Geld – aber wo landet das?

Natürlich kann man sagen, ist doch super, dass so viele Touristen in ein armes Land wie Indonesien reisen. Schließlich bringen Touristen Geld mit.

Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) kam in einem Gutachten im Jahr 2015 zu dem Schluss, dass deutsche Touristen in Entwicklungs- und Schwellenländern auf der ganzen Welt insgesamt im Jahr 13,5 Milliarden Euro ausgeben.

Doch sorgt das Geld auch wirklich für Arbeitsplätze? Auch hier kommt das Gutachten zu dem Schluss: Ja. Insgesamt schaffen deutsche Touristen mit ihren Urlauben in Schwellen- und Entwicklungsländern 1,8 Millionen Arbeitsplätze. Anders gerechnet sichern demnach 15 Deutsche einen Arbeitsplatz im jeweiligen Urlaubsland.

Der Tourismus schafft auch auf Bali tausenden Arbeitsplätze, nicht nur für Hochqualifizierte, sondern auch für Niedrigqualifzierte und lockt Arbeiter aus ganz Indonesien an und Investoren aus der ganzen Welt. Der Wirtschaftszweig wächst und sorgt dafür, dass die Balinesen insgesamt wohlständiger sind als die Menschen im Rest Indonesiens. 

Auch die Bundesregierung erklärte bereits im Jahr 2004, dass für Länder, die über wenig Rohstoffe und eine rudimentäre Industrie verfügen, die nicht auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig ist, Tourismus ein wichtiges wirtschaftliches Potenzial bietet.

Das klingt erstmal nicht so schlecht. Wenn die Touristen allerdings plötzlich wegbleiben sollten – sei es wegen Naturkatastrophen, Terror-Gefahr (auch das ein reales Problem in Indonesien), Epidemien, kriegerischen Konflikten oder anderen unvorhersehbaren Ereignissen, bricht alles zusammen.

Und das Gutachten des IW weist noch auf eine weitere Problematik hin. Denn Tourismus hilft keinesfalls, die Ungleichheit zwischen Arm und Reich anzugleichen. Stattdessen sorgt eine zunehmende Zahl an Touristen dafür, dass die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinanderdriftet. 

Bauern verlieren ihre Lebensgrundlage

Auf Bali leiden darunter unter anderem Landwirte. Jedes Jahr weichen auf Bali rund 1000 Hektar Agrarfläche, vor allem für Hotelanlagen. Indonesischen Statistiken zufolge ist beispielsweise im Jahr 2012 der Immobiliensektor um 20 Prozent gestiegen, die Landwirtschaft um 4,3 Prozent.

Matthias Graben via Getty Images
Immer mehr Reisbauern verlieren ihre Existenzgrundlage.

Eine Studie der Universität Udayana in Denpasar kam zu dem Schluss, dass das durchschnittliche Einkommen eines balinesischen Bauern 2,2 Millionen Rupiah (umgerechnet rund 125 Euro) beträgt – das eines Bettlers in einer Touristenregion 2,4 Millionen Rupiah (umgerechnet rund 137 Euro). Immer mehr Bauern verkaufen ihr Land aus Verzweiflung an Investoren.

“Das Wachstum im Tourismus hat die Landwirtschaft nicht gefördert, obwohl dies die Grundannahme im Tourismuskonzept von Bali ist”, sagte Wayan Windia, Professor für Agronomie an der Universität Udayana dem Reiseportal “fairunterwegs”.

CO2-Emissionen, Plastikmüll und Trinkwasserknappheit

Auch Gusti Murjaya Yasa, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Udayana sagt: “Eigentlich sollte der Tourismus sich auf die Landwirtschaft stützen, doch Bali hat noch keine nachhaltige Tourismuspolitik entwickelt. Der Tourismus hat Bali und Indonesien zwar viel Geld gebracht und Arbeitsplätze geschaffen, doch sollte deswegen die Landwirtschaft nicht geopfert werden.”

Eine große Abhängigkeit vom Tourismus ist Fluch und Segen zugleich.

Doch bei alldem geht es nicht nur ums Geld. Es geht auch um vieles, das nach Bali Reisende zerstören.

Es gibt viele Projekte und Organisationen, die helfen, die Situation auf Bali verbessern. Hier einige Beispiele:

 

Armut und Erdbeben: Wenn ihr vor Ort seid, könnt ihr euch informieren, wo ihr direkt cash Geld spenden könnt. Momentan wird jeder Rupiah in den Erdbebenregion gebraucht. Von Deutschland aus könnt ihr Geld an verschiedene Hilfsorganisationen spenden, wie zum Beispiel an GoFundMe, Aktion Deutschland Hilft oder Save the Children.

Müll: Seit 2006 gibt es die Organisation ecoBali. Die Mitglieder helfen, Müll zu beseitigen und über Recycling und Kompostierung in Workshops und Schulungen aufzuklären. Außerdem bieten sie Hotels, Unternehmen und Bürgern eine wöchentliche Müllabfuhr an, die die Abfälle trennt. Außerdem stellt ecoBali zum einen selbst Produkte aus recycelten Stoffen her und liefert zum anderen Müll an lokale Initiativen, die daraus neue Produkte herstellen.

Nachhaltiger Tourismus: Die Exo-Foundation entwickelt langfristige Strategien, die einen verantwortungsbewussten Tourismus fördern, der den Balinesen nutzt und gleichzeitig Natur und Kultur auf der Insel schützen soll. Auch setzt sich die NGO für die Verbesserung der am stärksten benachteiligten Bevölkerungsgruppen ein und versucht, die negativen ökologischen und sozialen Auswirkungen der Tourismusbranche zu bremsen.

Laut Weltklimarat sollte jeder Mensch nicht mehr als zwei Tonnen CO2 ausstoßen – nur so wäre es möglich, die weltweiten Treibhausgase drastisch zu senken und die Klimaziele bis 2050 noch zu erreichen.

Doch wer von Deutschland aus nach Indonesien fliegt, sorgt für rund 8.500 Kilogramm CO2-Emissionen– das ist mehr als das Vierfache des CO2-Ausstoßes, den wir verbrauchen dürften.

Hinzu kommt, dass so viele Menschen durch die Tourismusbranche auf Bali arbeiten und reisen, dass immer mehr importiert werden muss, um den Bedarf an Konsumgütern zu decken. Transportschiffe und -flugzeuge verursachen weitere Unmengen an Treibhausgasemissionen.

Ein Drittel der Balinesen hat keinen angemessenen Zugang zu Trinkwasser 

Ein weiteres Problem: Das Trinkwasser wird knapp. Jahrzehntelang seien die Wasserreserven übernutzt worden – und es wurde nichts dagegen unternehmen, schreibt der Informationsdienst Tourismus und Entwicklung “Tourism Watch” in Bezug auf eine Studie von Stroma Cole, Dozentin für Tourismus, Kultur und Entwicklung.

Schuld daran ist der Tourismus. Derzeit verbrauche die Branche auf Bali 65 Prozent des verfügbaren Wassers. Gleichzeitig haben auf der Insel rund 1,7 der insgesamt 4,2 Millionen Einwohner keinen angemessenen Zugang zu sauberem Trinkwasser, Landwirten fehlt Wasser zur Bewässerung ihrer Felder.

Das nächste Umweltproblem: Plastik. Rund vier Millionen Menschen produzieren jeden Tag Verpackungsmüll auf der Insel, die Strände und das Meer sind zugemüllt wie kaum anderswo auf der Welt. Und daran sind vor allem Touristen schuld.

Wie schlimm die Vermüllung im Meer ist filmte der Taucher Rich Horner im März 2018 eindrucksvoll:

 

Die Weltbank hat in ihrem Bericht “What a Waste 2.0” im September erst dargelegt, dass die Bürger aus hoch entwickelten Staaten ein Drittel allen Mülls auf der Erde produzieren, obwohl sie lediglich 16 Prozent der Weltbevölkerung abdecken. Wer mehr Geld hat, kauft und konsumiert mehr und produziert so auch mehr Verpackungsmüll – auch in Ländern, in denen er Urlaub macht.

Das Versorgungssystem ist überlastet und nicht ausreichend ausgebaut

Früher nutzten die Balinesen traditionell Bananenblätter als Verpackungsmittel und tranken Wasser aus Kokosnüssen – das änderte sich seit 1970ern als der Tourismus auf die Insel kam. Auf die veränderten Konsumbedingungen wurde auch seitens der Regierung zu nachlässig reagiert. Umweltschutz und Nachhaltigkeit haben in Ländern, die mit Korruption und Armut zu kämpfen haben, wenig Priorität. Und Tourismus lässt die Probleme exponentiell wachsen.

Es ist ein Dilemma: Der schnell wachsende Tourismus hat insgesamt dafür gesorgt, dass das Versorungssystem an vielen Stellen überlastet ist: Es fehlt ein gutes Stromnetz, ausreichend Wasserleitungen, Kanalisation, Straßen und Verkehrsinfrastruktur sowie ein geregeltes Müllentsorgungssystem. Gleichzeitig würden hunderttausende Arbeitsplätze wegbrechen und das Land vielleicht noch in mehr Armut stürzen, wenn niemand mehr auf Bali Urlaub macht. 

SONNY TUMBELAKA via Getty Images
Eine Freiwillige sammelt im Dezember 2017 Müll am Strand von Kuta ein.

Es gibt kein richtig oder falsch

Es gibt kein schwarz oder weiß, richtig oder falsch. Und jeder muss diese Entscheidung für sich selbst treffen. Und ich werde auch niemanden dafür verurteilen, der in Entwicklungs- oder Schwellenländer reist, um dort Urlaub zu machen. Denn nicht alles ist schlecht daran. 

Außerdem gibt es auch Länder, die zeigen, wie Massentourismus in Schwellenländern nachhaltig sein kann, so zum Beispiel Costa Rica. Der Karibikstaat gilt als Vorbild in Sachen “Reisen mit gutem Gewissen”. So haben Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und NGOs für Tourismusbetriebe bereits 1999 das Siegel “Certificación de Turismos Sostenible” (Zertifikat für nachhaltigen Tourismus, CST) entwickelt und eingeführt.

Costa Rica ist eines der ersten Länder der Erde, das nachhaltigen Tourismus auf die politische Agenda gesetzt hat. Das CST-Zertifikat soll dafür sorgen, dass natürliche und kulturelle Ressourcen angemessen genutzt, die Lebensqualität im Lokalen verbessert und gleichzeitig wirtschaftlicher Erfolg garantiert werden. Um all das zu erfüllen, müssen Reiseagenturen, Hotels, Restaurants, Mietwagenanbieter und Airlines unterschiedliche Anforderungen erfüllen. Der Vorstoß funktioniert und zeigt: Massentourismus kann auch in vielen Bereichen Gutes bringen.

Wenn ihr nach Bali fliegen wollt, tut das! Ich war jetzt stattdessen am Wochenende in den Alpen wandern. Das war auch schön und dank des goldenen Oktobers hat sich die Sonne auf meiner Haut fast angefühlt wie am Strand in Südostasien.

(ben/tb)