BLOG
09/02/2019 10:54 CET | Aktualisiert 09/02/2019 10:54 CET

Kind zur Adoption freigegeben: Das war die beste Entscheidung meines Lebens

Ich wusste seit Jahren, dass ich kein Kind wollte und sich das nie ändern würde.

Faylita Hicks

Die US-amerikanische Autorin Faylita Hicks kam lange Zeit nicht über den Tod ihres Verlobten hinweg – bis sie nach einer Affäre unerwartet schwanger wurde. Gleichzeitig erfuhr sie von dem unerfüllten Kinderwunsches eines befreundeten Paares.

Für Hicks stand von da an fest: Sie würde ihr Kind zur Adoption freigeben und von ihren beiden Freunden großziehen lassen. So lebt Hicks heute mit ihrer Entscheidung.

Nach der Geburt meiner Tochter im Oktober 2012 zündete ich mehrere Kerzen an und flüsterte ihr all meine Liebe ins Ohr. Ich drückte ihren Körper gegen meinen und versuchte, mir ihren Duft einzuprägen. Ich sah ihr tief in die Augen. Sie sah in meine. Ich betete mit all der Kraft, die ich noch hatte, dass wir eines Tages über alles reden würden.

Wenn dieser Zeitpunkt eintrifft, so stellte ich es mir vor, könnte ich ihr alles über ihre wunderbaren Eltern, meine eigenen Eltern und Ray erzählen: den Mann, den ich liebte, mit dem ich verlobt und der zwei Jahre zuvor gestorben war.

Die Frau, die die Mutter meiner Tochter werden sollte, lernte ich beim “Women of the World Poetry Slam 2012” im texanischen Denver kennen. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits schwanger. Als sie mir unter Tränen erzählte, dass sie und ihr Mann ein Adoptionsverfahren begonnen hatten, wusste ich, was ich ihr antworten würde. Meine Entscheidung fiel mir leicht. Ich fällte sie mit einer Klarheit, die ich nie zuvor und auch seitdem nicht mehr erlebt hatte.

Ich hätte das Baby allein großziehen müssen

Nachdem ich meine Entscheidung getroffen hatte, rief ich als erstes den leiblichen Vater meines ungeborenen Kindes an. Er war ein High-School-Freund, der mir dabei geholfen hatte, über den Tod meines Verlobten hinwegzukommen und zu erkennen, dass es um mehr im Leben ging, als Witwe zu sein.

In diesem abenteuerlischen Gespräch klärte er mich über seine Erwartungen an unsere Beziehung auf – für den Fall, dass ich das Baby doch behalten würde.

Er würde nicht so oft da sein, wie ich es mir wünschte. Er hätte kein Geld übrig, um zu helfen. Er und ich würden nie ein Paar sein. Ich müsste alles allein machen. Und während er es vermissen würde, in der Nähe seines Kindes zu sein, vertraute er mir, die beste Entscheidung für uns beide zu treffen.

Ich berichtete all das meinen Freunden, den zukünftigen Eltern meines Babys, und wir verbrachten den Rest der Woche in Denver, um alle weiteren Schritte gemeinsam durchzugehen.

Für die Frau wurde der Traum eines Babys wahr

Würde das Kind erfahren, wer seine leiblichen Eltern sind? Welche Religion sollte es haben? Ist Hintern versohlen erlaubt? Welche Ausbildung? Welche Namen? Wir besprachen alles, was mir in den Sinn kam. Und als mir keine Fragen mehr einfielen, rief ich meine Mutter an.

Meine Mutter wollte nicht, dass ich das Kind zur Adoption freigebe. Sie bot sogar an, es selbst aufzuziehen.

Meine Mutter wollte nicht, dass ich das Kind zur Adoption freigebe. Sie bot sogar an, es selbst aufzuziehen. Ich wusste, dass sie alles tat, um unsere Familie zusammenzuhalten.

Aber ich erklärte, dass es bei dieser Adoption nicht nur um mich und mein Trauma, den Tod Rays, ging. Die Frau, die die Mutter des Kindes werden sollte, Clara, bekam etwas, wovon sie schon lange geträumt hatte. Das Telefongespräch mit meiner Mutter endete unschön, aber es bestätigte mich noch einmal in meinem Vorhaben.

Wir machten die Adoption auf Facebook öffentlich

Nur weil ich das Baby nicht selbst großziehen wollte, bedeutete es nicht, dass ich die Schwangerschaft nicht genießen, dem Kind keine Liebe schenken oder mit seinen Eltern nicht gemeinsam besondere Anlässe feiern wollte.

Anfang April kündigten wir die Adoption unseren Freunden über Facebook an. Binnen weniger Monaten zog ich von Texas nach Chicago, um bei Clara und ihrem Mann Brian zu wohnen, während sie sich auf das Baby vorbereiteten.

Gemeinsam lachten und weinten wir und fanden heraus, wie schrecklich Menschen sein können, wenn sie etwas nicht verstehen.

Während sich die meisten Leute für die neue Mama und den neuen Papa freuten, gab es ein paar, die Clara drangsalierten. Sie wollten ihr einreden, ich sei verrückt, weil ich mein Baby abgebe. Und dass das Baby auch verrückt sein würde.

Wir halfen gegenseitig uns vor der Geburt des Kindes

Andere Freunde von Clara und Brian befürchteten, dass ich sie ausnutzen und ihnen das Baby nie geben wollte. Sie behaupteten sogar, dass ich mit Brian schlief, und deuteten an, das Baby sei von ihm.

Die meisten Menschen betrachten die Adoption eines Kindes als eine schöne Sache, die leiblichen Eltern sehen sie allerdings selten in einem positiven Licht.

Die meisten Menschen betrachten die Adoption eines Kindes als eine schöne Sache, die leiblichen Eltern sehen sie allerdings selten in einem positiven Licht. Dahinter steckt die Annahme, dass es einem Menschen, der sein Kind abgibt, an Empathie, psychischer Stabilität oder einer anderen wichtigen Eigenschaft fehle.

Heute, Jahre später, bin ich froh, dass wir uns in den Monaten vor der Geburt des Babys gegenseitig unterstützt haben. Ich half beim Einrichten des Kinderzimmers, lernte die Familie der Eltern kennen und saß täglich mit der Frau zusammen, die mein Kind wie ihr eigenes großziehen würde.

Ich konnte dieses neue Leben feiern. Es ging mir bald besser, was dringend notwendig war.

Die Entscheidung, mein Kind zur Adoption freizugeben, war einfach

Die Entscheidung, mein Kind zur Adoption freizugeben, fiel mir leicht. Sie war die beste Entscheidung meines Lebens – und das ist für die meisten Menschen sehr schwer zu verstehen.

Einige sagen, ich habe die Wahl aus meiner Trauer über Ray heraus getroffen. Und ich verstehe, warum sie das denken.

Für die meisten Menschen ist es schwer nachzuvollziehen, dass ich keinen Kinderwunsch habe. Aber ich wusste bereits seit Jahren, dass ich keine Kinder haben wollte und dass ich meine Meinung in dieser Hinsicht nicht ändern würde.

Als mein Verlobter noch am Leben war, haben wir darüber nachgedacht, eine Familie zu gründen. Aber schon damals wusste ich, dass ein Kind großzuziehen meiner Einstellung widersprach. 

Die Eltern bestimmen die Zukunft ihrer Kinder

Die Verantwortung von Eltern geht weit über die Ernährung und das Einkleiden eines Kindes hinaus. Als Elternteil wird man zum moralischen Vorbild eines zukünftigen Mitglieds der Gesellschaft.

Jede Handlung und Untätigkeit beeinflusst die Zukunft eines Kindes und trägt zu seiner Persönlichkeitsentwicklung bei. Es bestimmt, welches Leben die Kinder mal führen werden, wen sie lieben, welche Karriere sie einschlagen.

Es ist eine Wahl mit weitreichenden Folgen. Die Entscheidung, Kinder zu bekommen, sollte nie auf die leichte Schulter genommen werden. Und ich wusste die meiste Zeit meines Erwachsenendaseins, dass ich diese Aufgabe nie übernehmen will.

Nur das Baby und ich würden leiden

Für Frauen, die Kinder wollen, aber nicht bekommen können, mag die Entscheidung einer Mutter, ihr eigenes Kind abzugeben, unvorstellbar sein.

Für Männer – wie den Vater meines Kindes – kann sie bedeuten, dass sie sich hilflos fühlen.

Für Eltern wie die meinen – die sehr jung gewesen sind, als sie mich bekommen haben – mag sie egoistisch sein.

Ich wünsche allerdings niemandem solche Gedanken und Gefühle – wieso sollte ich?

Die Entscheidung, Kinder zu bekommen, sollte nie auf die leichte Schulter genommen werden.

Ich wollte niemanden verletzen, aber ich wusste: Wenn ich das Kind behalten würde, würden nicht die anderen leiden. Sondern das Baby und ich.

Mit dem Tod meines Verlobten brach eine Welt für mich zusammen

Nach dem plötzlichen Tod meines Verlobten im Jahr 2010 war ich am Boden zerstört. Ich war wirklich überrascht, als ich anderthalb Jahre nach Rays Beerdigung wegen Bauchschmerzen in die Notaufnahme ging, um zu erfahren, dass ich mit dem Kind eines anderen Mannes schwanger war.

Obwohl ich wusste, dass es nicht seins war, war es in meinem Herzen das kleine Mädchen, das sich Ray immer gewünscht hatte – aber das ich ihm nicht mehr geben konnte.

Ein Teil in mir wusste, dass ich eines Tages über Rays Tod hinwegkommen würde, aber dass ich nie die Verantwortung für die Erziehung eines Kindes übernehmen wollte.

Es gibt Menschen, die besser geeignet sind, ein Kind großzuziehen

Vor der Schwangerschaft und meiner Beziehung zu Ray war ich Künstlerin und Dichterin. Wenngleich meine Träume damals noch nicht genauer definiert waren, zählte ein Kind zu bekommen nicht dazu.

Mich ängstigte der Gedanke, einen Job zu haben, den ich nicht mochte (der aber nötig war, um die Rechnungen zu bezahlen), und nach einem langen Arbeitstag nach Hause zu einem Kind zu kommen, das mit hoher Wahrscheinlichkeit so sein würde wie ich. Ich hatte Angst, dass dieses Kind von seiner Mutter enttäuscht sein würde.

Wäre mein Kind gesünder oder glücklicher oder geliebter mit mir? Oder gab es jemanden, der für diese Aufgabe besser geeignet war? Jemand, der nicht drohte, mit dieser Aufgabe vor die Hunde zu gehen? Jemand, der verzweifelt etwas wollte, das ich geben konnte?

Das Kind hat mich aus der Trauer zurückgeholt

Das Kind freut sich jedes Mal, wenn ich das Geld für den Besuch zusammenbekomme und es besuche. Und ich versuche, aufmerksam und locker zu wirken: So wie ich mir eine “Tante” vorstelle, die ihre wichtigste “Nichte” besucht.

Ich sehe zu, wie Clara und Brian sie ins Bett bringen. Ich höre von der Tür aus zu, wenn sie ihr ein Buch vorlesen. Wenngleich ich weiß, wie schwierig es manchmal für sie ist, ist es doch wunderschön, diese Familie zu erleben, die von Anfang an füreinander bestimmt war.

In vielerlei Hinsicht hat mich die Geburt dieses kleinen Mädchens gerettet, mich aus der unermesslichen Trauer über den Verlust meines Verlobten ins Leben zurückgeholt.

Das Kind und seine Eltern geben mir Hoffnung

Nach ihrer Geburt kam ich endlich wieder auf die Beine. Ich fand eine Anstellung in einem Call Center, wo ich ein paar Jahre blieb, bevor ich meine eigene Unterhaltungsfirma gründete.

Ich schloss ein Aufbaustudium ab, und dieses Jahr kommt mein erster Gedichtband heraus. Ich glaube sogar, dass ich mich bald wieder verlieben könnte.  

Das Kind und seine Eltern geben mir Hoffnung. Sie erinnern mich daran, dass ich selbst in meinen dunkelsten Stunden Erstaunliches tun kann. Ich hoffe, dass meine kleine Tochter sich dessen bewusst ist, egal wohin das Leben sie führt.

Wenn wir eines Tages darüber reden können, wenn sie eines Tages darüber reden möchte, wird sie hoffentlich wissen, dass ich meine Entscheidung nicht aus Trauer, sondern aus Liebe getroffen habe.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Sandra Tjong aus dem Englischen übersetzt sowie leicht gekürzt und redaktionell überarbeitet.

(ak)