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13/12/2017 21:41 CET | Aktualisiert 13/12/2017 21:41 CET

Warum ich als Leiter einer katholischen Schule eine Lehrerin mit Kopftuch eingestellt habe

Fabrizio Bensch / Reuters
Das Canisius-Kolleg in Berlin

In unserem katholischen Gymnasium hängt in jedem Klassenzimmer ein Kreuz. Und seit Kurzem steht darunter auch eine muslimische Lehrerin, die Kopftuch trägt.

Als Leiter des Canisius-Kollegs und Jesuitenpater habe ich sie zum Schuljahresbeginn eingestellt. Jetzt werde ich dauernd gefragt, warum ich das getan habe.

Und ich frage immer zurück: Warum nicht?

Die Schüler müssen die Freiheit haben, sich eine eigene Meinung zu bilden 

Sie hat mich fachlich überzeugt, unterrichtet mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer.

Die Vielfalt, die wir in der Gesellschaft haben, muss ich auch bis zu einem gewissen Grad in der Lehrerschaft abbilden, damit Schüler lernen, sich mit dieser Pluralität von Kulturen, Weltsichten und Religionen auseinanderzusetzen. Und dann müssen Schüler natürlich die Freiheit haben und sich erwerben, sich eine eigene Meinung zu bilden. 

Das macht für uns gute Schulbildung aus. Dafür stehen wir als Canisius-Kolleg mit unserer Pädagogik.

Es reicht nicht, die Kinder wie im Museum vor Glaskästen zu setzen und zu sagen: “Schau mal, hier hast du die Antwort eines Christen auf die großen Fragen des Lebens, wie den Tod, die Liebe, das Glück. Und da die eines Muslims. In der nächsten Vitrine siehst du dann einen Juden oder einen Agnostiker.” Wir brauchen Menschen, die zu ihrem Glauben oder ihrer Weltanschauung stehen und die bereit sind, sich den Kindern mit ihren Überzeugungen zu zeigen. 

Der Streit im Berliner Senat zwingt mich, Position zu beziehen

Für mich war das also eine erzieherische Entscheidung, ich wollte nie eine politische daraus machen. Jetzt muss ich doch dafür in die Bütt steigen.

Der Berliner Senat streitet gerade wieder über das Neutralitätsgesetz von 2005, nach dem unter anderem Lehrer im Dienst keine religiösen Symbole tragen dürfen. Als Privatschule ist das Canisius-Kolleg daran nicht gebunden. Ich halte die Berliner Lesart der Neutralität aber auch für einen bildungspolitischen Irrweg!

Es ist falsch, Religion ins Private zu verbannen 

Ich finde es falsch, die Religion ins Private zu verbannen, als rückständig oder unerwünscht zu brandmarken. Denn wir sehen, dass der Wunsch der Menschen nach religiösem Halt groß ist.

Aber wir haben ein Bildungsproblem. Menschen lernen nicht mehr, sich selbstkritisch damit auseinanderzusetzen, was sie unter Glück verstehen und was für sie zu “gutem” Leben gehört. Und sie lernen nicht, Dissens in diesen Fragen als Chance zum Lernen zu begreifen. Deshalb werden Menschen mit anderen Überzeugungen primär als Bedrohung erlebt. Wo aber sollen Menschen lernen, sich gemeinsam damit auseinanderzusetzen, wenn nicht in der Schule?

Es kommt darauf an, ob eine Frau ein Kopftuch freiwillig trägt

Von unseren Schülern und Eltern habe ich sehr viele ermutigende Reaktionen auf unsere Haltung in dieser Debatte bekommen. Von außen dagegen kam natürlich auch Kritik.

Darunter Kritik, die ich ernst nehme. Etwa von Frauen, die sich aus geschlossenen patriarchalen Strukturen befreien mussten und die das Kopftuch primär als Symbol der Unterdrückung erleben.

Für mich kommt es darauf an, ob eine Frau das Kopftuch freiwillig trägt. Abzulehnen ist der Zwang zum Kopftuch.

Aber ich weigere mich jeder Frau, die Kopftuch trägt, zu unterstellen, sie müsse ein Opfer sein, oder fragwürdige Ferndiagnosen über sie aufzustellen: ein Fall von Selbstunterwerfung, nicht integriert oder so.

Unsere Lehrerin hat zum Beispiel den Eindruck einer selbstbewussten Frau vermittelt, die sich selbst für das Kopftuch entschieden hat. Und sie hat ein nicht ganz einfaches, akademisches Studium erfolgreich abgeschlossen. Das kann man doch einfach mal anerkennen, und sie dann ernst nehmen. 

Vollverschleierung hätte ich nicht akzeptiert

Nicht akzeptiert hätte ich eine Lehrerin, die ihr Gesicht mit Burka oder Nikab verschleiert – egal, ob sie dies freiwillig tut oder nicht. Der Lehrerberuf hat nach meinem Verständnis wesentlich mit Interaktion zu tun. Dazu gehört auch, dass man das Gesicht des anderen sieht. Wenn das nicht geht, kann man eben nicht Lehrer werden.

Mir ist wohl bewusst, dass in gewissen Traditionen des Islam mit diversen Kleiderregeln nur für Frauen Rollenmodelle propagiert werden, die unter dem Aspekt der Gleichberechtigung diskussionswürdig sind. Aber geschlossene, patriarchale Systeme gibt es in unserer Gesellschaft nicht nur im Islam.

Als Schule müssen wir hier anwaltlich nicht selten und in sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus gegen Gewalt und Druck intervenieren. Und im Blick auf die gesellschaftliche Debatte müssen wir uns als Außenstehende sorgfältig prüfen, wo wir in den Diskurs von außen eingreifen müssen und dürfen.

Wir müssen es, wenn zum Beispiel grundsätzliche Fragen der Gleichheit, der Freiheit und der Würde aller Menschen bedroht sind.

Wir können nicht als Christen Muslimen vorschreiben, wie sie ihr Leben führen sollen

Es gibt aber auch Diskurse, die nur innerhalb der islamischen – im Übrigen sehr vielfältigen – Traditionen ausdiskutiert werden können. Wir können ja schlecht als Christen oder als säkulare Menschen Muslimen vorschreiben, wie man in Entsprechung mit der eigenen religiösen Überzeugung sein Leben als Frau oder als Mann führen möchte und kann.

Diese Diskussionen gibt es auch unter uns Christen. Ich sehe zum Beispiel überhaupt nicht ein, warum Frauen keine Priester werden können. Aber diese Diskussion müssen wir als Christen führen, und tun dies im weltweiten Kontext.

Wir erwarten, dass Lehrer und Schüler an Gebeten teilnehmen

Die neue Kollegin ist auch nicht die erste Nicht-Christin an unserer Schule. Wir haben viele muslimische Schüler – nicht zuletzt durch unsere zwei Willkommensklassen für Flüchtlinge -, und wir haben, zum Beispiel typisch für Berlin, natürlich auch Lehrende, die ohne Religion aufgewachsen sind und keiner Konfession angehören.  

Für Schüler wie Lehrer gilt: Sie müssen bereit sein, das Profil unserer Schule mitzutragen. Dazu gehört, sich mit Religion auseinanderzusetzen, zum Beispiel auch an unseren Schulgebeten und Gottesdiensten teilzunehmen. 

Öffentliches Beten ist im Übrigen eine große Herausforderung selbst für uns christliche Lehrer. “Religion ist reine Privatsache!“ Mit diesem Dogma sind wir eben groß geworden. 

Wir wünschen uns dagegen, dass junge Menschen sich zum Beispiel der Erfahrung der Stille stellen. Wir verlangen aber natürlich von niemandem ein Bekenntnis. Es ist absolut in Ordnung, einfach nur still dabei zu stehen und zu sehen, ob da Gedanken dabei sind, mit denen man etwas anfangen kann.

Die Welt verändert sich. Das müssen wir auch

Für die Angehörigen anderer Religionen haben wir geklärt, wo in der Schule ein guter Ort für sie zum Beten ist. Einen eigenen Gebetsraum haben wir noch nicht. Ob ein gemeinsamer Raum für alle oder verschiedene … Was da sinnvoll ist? Auch wir werden noch viel zu besprechen haben.

Denn wir behaupten nicht, dass unser Modell schon toll funktioniert. Wir haben viel Erfahrung im ökumenischen Dialog. Im interreligiösen Bereich lernen wir erst. Die Welt verändert sich. Das müssen wir auch. Das ist Leben und das ist gut so.