LIFE
19/07/2018 14:04 CEST | Aktualisiert 19/07/2018 14:28 CEST

An meinen Freund, der sich nicht meldet, seit er in einer Beziehung ist

Wenn man als Freund viel mehr in eine Freundschaft investiert, als man zurückbekommt, ist das nicht richtig.

Auf meinem Handy erschien vor einiger Zeit die Meldung, dass mein Speicher voll ist.

Ich beschloss, ein paar Fotos zu löschen. Minutenlang scrollte ich durch ein Sammelsurium an Schnappschnüssen, Selfies und WhatApp-Videos. Bei einem Foto blieb ich hängen.

Es zeigte zwei Menschen, die in einem dunklen Zimmer auf einer Matratze sitzen. Sie halten einen Ball in die Luft, der in unterschiedlichen Farben leuchtet. Sie lachen. 

Das Foto entstand an meinem Geburtstag und zeigt uns.

Du hattest mir bereits als einer der Ersten gratuliert. Du wusstest, dass mir Geburtstage sehr viel bedeuten.

Das ist ein halbes Jahr her. Ein halbes Jahr, seitdem Du wieder aus meinem Leben verschwunden bist.

Bevor Du gingst, verbrachten wir viel Zeit miteinander. Wir hatten keine Bilderbuch-Freundschaft, bei der wir uns jeden Tag anriefen. Das brauchten wir auch nicht.

Wir hatten ein Gespür dafür, wenn der Eine den Anderen brauchte. Es passierte oft, dass wir nach tagelanger Funkstille gleichzeitig nach einem Treffen fragten. Wir waren sehr stolz darauf, dass uns Qualität wichtiger war als Quantität.

Wahre Freundschaft bedeutete für uns, dass man sich nicht ständig melden musste, um zu beweisen, wie wichtig man füreinander ist.

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Unsere Freundschaft war für mich der größte Reichtum

Es gibt ein altes Sprichwort, das lautet: “Wer Freunde hat, braucht keine Reichtümer.“ Mit unserer Freundschaft glaubte ich meinen persönlichen Reichtum gefunden zu haben.

Wenn wir zusammen waren, regierte eine Leichtigkeit, die uns alles Schlechte in der Welt vergessen ließ. Ein angeknackstes Seelenheil behoben wir mit einem Mix aus philosophischen Gesprächen und Tiervideos auf Youtube.

All unsere Treffen waren erfüllt von Freude und Liebe.

Sehr oft lagen wir uns freundschaftlich in den Armen und schworen uns ewige Treue. Wir versprachen uns, auf unseren Hochzeiten die besten Reden füreinander zu halten.

Du warst mein bester Freund – bis Du plötzlich aus meinem Leben verschwandest.

Es war ein schleichender Prozess, der damit begann, dass deine Nachrichten kürzer und distanzierter wurden. Wenn wir uns treffen wollten, musste ich mehrmals nachfragen, wann Du Zeit für mich hast.

Dass mich das bereits verletzte, verschwieg ich.

Den Grund für Deinen Sinneswandel erahnte ich zu diesem Zeitpunkt schon. “Ich habe jemanden kennengelernt“, bekam ich irgendwann aus Dir heraus.

Das sagtest Du kleinlaut, weil Du irgendwie gemerkt hast, dass Dein Verhalten nicht richtig war. Du erzähltest davon, dass Du jetzt viel Zeit mit deiner neuen Bekanntschaft verbringst.

Ich freute mich für Dich, weil Du mir oft erzählt hattest, dass Du Dich einsam fühlst.

Schließlich konnte die Liebe zwischen zwei Freunden die Liebe in einer Beziehung doch nicht ersetzen.

Ich wusste auch, dass es für neue potentielle Partner schwierig sein kann, den besten Freund oder die beste Freundin nicht als Konkurrenz anzusehen. Deswegen sagte ich Dir meine vollste Unterstützung zu, damit die neue Frau in Deinem Leben nicht eifersüchtig wurde.

Ich fand mich auch damit ab, einige Zeit nichts von Dir zu hören, weil ich es normal fand, dass man als frisch verliebter Mensch jede Sekunde mit der Angebeteten verbringen will.

Nach der “rosaroten-Brillen-Zeit” wird er sich schon von alleine melden, dachte ich mir.

Von der besten Freundin zur Stalkerin

Es vergingen Tagen. Wochen. Monate.

In der Zwischenzeit war ich dazu übergangen, Dein Leben in den sozialen Medien verfolgen.

Wenn Du ab und zu ein “Like“ unter meinen Fotos hinterließt, freute ich mich darüber, weil es mir zeigte, dass es mich in Deinem Universum irgendwo noch gab.

Ein paar Mal versuchte ich dir zu sagen, dass ich Dein Verhalten nicht okay finde. Ich sagte, dass Du mir sehr wichtig bist und ich Dich vermisse.

Du versprachst, Dich bei mir zu melden. Du seist gerade sehr beschäftigt. Wieder kam wochenlang kein Lebenszeichen von Dir.

Einige Nächte verbrachte ich schlaflos, immer darüber nachdenkend, was ich hätte anders machen sollen.

Meine Mutter riet mir dazu, deine Abkehr als Lauf der Dinge zu sehen, um keine Fehler bei mir zu suchen. Eine Zeit lang fuhr ich gut damit: Menschen geraten in Beziehungen und verlagern ihren Lebensmittelpunkt.

Bis ich andere Pärchen in meinem Freundeskreis sah, die sich immer noch regelmäßig mit ihren Freunden trafen.

Irgendwann wandelte sich meine Trauer in Wut um.

Ich ließ Dich wissen, dass Du in meinen Augen faul warst und mir Unrecht tatest. Ich schwang sogar die “Ich-habe-so-viel-für-Dich-getan-und-jetzt-das“-Keule, weil ich so sauer auf Dich war.

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Ich sagte, dass man Freundschaften pflegen muss und nicht wie ein Stück Papier wegwerfen kann.

“Ich melde mich”, hast du mir versichert.

Dann trafen wir uns wieder. Du warst versteift und abweisend, ich auch.
Nach diesem Tag beschloss ich schweren Herzens, unsere Freundschaft ruhen zu lassen.

Vom besten Freund zum Bekannten

Bis Du eines Tages unverhofft vor meiner Tür standest – von Deiner Freundin hattest du dich vor Kurzem getrennt.  

Die Euphorie über das Wiedersehen überdeckte meine Wut. Wir drückten den Resetknopf und es war wirklich alles wie früher. Ich verzieh Dir und Du versprachst, nie wieder so abweisend zu sein.

Ich glaubte Dir.

Du verschwandest wieder.

Wieder hattest Du jemanden kennengelernt, wieder hattest Du mich dafür auf das Abstellgleis gestellt.

Es verletzte mich, weil ich gehofft hatte, dass Du aus Deinen Fehlern gelernt hattest.

Meine Hoffnung wich der Erkenntnis, dass ich Dein Verhalten endgültig akzeptieren musste. Allerdings musste ich auch akzeptieren, dass dies das endgültige Ende unserer Freundschaft besiegelte.

► Unsere Freundschaft litt unter den Erwartungen, die sie nicht erfüllen konnte. Es war ein notwendiger Schritt, sie endgültig zu beenden, damit alle glücklich sein konnten.

► Wenn man als Freund viel mehr in eine Freundschaft investiert, als man zurückbekommt, ist das nicht richtig.

► Schließlich beruht eine Freundschaft immer auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit.

► Es ist immer besser, eine Freundschaft als schöne Erinnerung im Herzen zu tragen, als sie mit viel Energie aufrechtzuerhalten.

Ich stufte Dich von einem Freund zu einem Bekannten herab. Nur so konnte ich mich vor meinen eigenen Erwartungen an Dich schützen.

Trotzdem denke ich noch oft an Dich.

Vor Kurzem schickte ich Dir das Foto mit dem Ball von meinem Geburtstag.

“Wir müssen uns wiedersehen“, sagtest Du.

“Ja“, sagte ich.

Dann löschte ich Deine Nummer.

(amr)