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11/11/2018 10:16 CET

Warum Finnland einmal im Jahr die Einkommen all seiner Bürger veröffentlicht

Die Transparenz soll Demokratie fördern und Ungleichheit bekämpfen.

Lingxiao Xie via Getty Images
Jedes Jahr am 1. November veröffentlicht Finnland das Einkommen seiner Bürger.

“Was verdienst du eigentlich?”

Seien wir mal ehrlich, die Frage interessiert uns alle brennend. Aber sie zu beantworten, fällt oft nicht leicht. Geld ist etwas, das sich sehr persönlich anfühlt, zumal unsere Gesellschaft uns so oft vermittelt, dass unser Einkommen und unser Selbstwertgefühl untrennbar verbunden seien.

Nur wenige Menschen sprechen offen mit ihren Freunden oder sogar ihrer Familie darüber, wie viel sie verdienen.

In Finnland ist diese Information jedoch für jeden zugänglich.

Jedes Jahr am 1. November, dem “Nationalen Tag der Eifersucht“, wird das zu versteuernde Einkommen jedes finnischen Bürgers öffentlich gemacht und kann von jedem eingesehen werden.

Finnland feiert “Orgie des Finanz-Voyeurismus”

“Die jährliche Orgie des Finanz-Voyeurismus mag in anderen Teilen der Welt Stirnrunzeln hervorrufen, aber in Finnland ist sie zu einem wichtigen nationalen Event geworden”, berichtet der finnische Nachrichtensender Yle Uutiset.

Finnische Journalisten durchforsten die Daten, um herauszufinden, wer die bestbezahlten Finnen sind, wie Prominente bezahlt werden – und um Steuersünder an den Pranger zu stellen.

Einige derjenigen, die am meisten Steuern gezahlt haben, verspüren einen richtigen Stolz. Zu den Topverdienern in diesem Jahr und in der Tat seit mehreren Jahren gehören die Gründer von Supercell, einem finnischen Spieleentwickler.

Ilka Paananen und Mikko Kodisoja erzielten einen Gewinn von umgerechnet etwa 74 Millionen US-Dollar bzw. 65 Millionen US-Dollar. 2014 sagte Paananen:

“Wir haben so viel Hilfe von der (finnischen) Gesellschaft erhalten, dass wir an der Reihe sind, uns zu revanchieren.”

Natürlich haben die Superreichen ihre Wege und Möglichkeiten, um ihre Steuerabgaben möglichst gering zu halten und nicht alles wird in den finnischen Daten erfasst.

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Zum Beispiel ist die Aufstellung nicht in einzelne Einkommensbestandteile unterteilt und die meisten nicht steuerpflichtigen Einkünfte sind nicht aufgelistet. Dennoch ist es eine gute Momentaufnahme der Einkommensverteilung in dem 5,5 Millionen Einwohner zählenden Staat.

Was bringt die Transparenz?

Wenn man in der Lage ist, die Gehälter jedes Einzelnen herauszufinden, kann das also einem guten Zweck dienen.

Für die Befürworter der Transparenz ist die Offenheit Finnlands eine gute Sache, die eine offene und klare Debatte über das Einkommen erlaubt und dazu beiträgt, Diskriminierung zu verhindern. Außerdem outet das Land all diejenigen, die offenbar nicht bereit sind, ihren gerechten Anteil zu zahlen.

Finnland hat mit die niedrigste Einkommensungleichheit unter den Mitgliedsländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

In Finnland gibt es jedoch immer noch ein geschlechtsspezifisches Lohngefälle. Durchschnittlich verdient eine Frau 16,5 Prozent weniger als ein Mann.

Offenheit in Bezug darauf, wie viel Steuern die Menschen zahlen, ist nicht nur ein finnisches Phänomen. Schweden und Norwegen veröffentlichen ebenfalls die Steuererklärungen ihrer Bürger.

Ein Streben nach Transparenz in ganz Skandinavien

In Schweden muss man nur zum Hörer greifen, um sich nach den Finanzen einer anderen Person zu erkundigen – und die betroffene Person wird über die Nachfrage informiert.

Diese Politik könnte als Teil eines umfassenderen Strebens nach Vertrauen und Transparenz in Skandinavien gesehen werden.

Michael Birkjær, Analyst am Happiness Research Institute in Kopenhagen, sagte gegenüber der HuffPost US, dass “Vertrauen (sowohl in andere Menschen als auch in das System)” einer der Gründe dafür sei, dass diese Länder auf der ganzen Welt so gut gestellt und angesehen seien.

Die Vorteile dieser Transparenz sind jedoch nicht eindeutig, und es fehlen Daten zu ihren Auswirkungen auf die Gleichstellung.

Offenlegung könnte Demokratie fördern – oder Unzufriedenheit verstärken

“Ob die Herausgabe von Steuerlisten sich positiv oder negativ auf die Gesellschaft auswirkt, ist eine umstrittene Frage”, sagt Kristiina Äimä, Spezialistin für Steuerrecht an der Universität Helsinki.

“Einige Leute glauben, dass Transparenz die Demokratie in der Gesellschaft fördert, und andere meinen, dass sie den Schutz der Privatsphäre verletzt.”

Einige Kritiker verweisen auf die “Eifersucht” durch die Offenlegungen und argumentieren, dass das Wissen, was andere verdienen, eher das Gefühl von Glück mit dem Einkommen verbindet.

Eine Studie der University of California aus dem Jahr 2011 stellte fest, dass es einen insgesamt negativen Effekt hatte, wenn Beschäftigte die Gehälter ihrer Kollegen kennen. 

Diejenigen, die weniger als das Mediangehalt erzielten, gaben eine geringere Arbeitszufriedenheit an und wünschten sich eine berufliche Veränderung, während diejenigen, die über dem Median verdienen, sich gleichgültig zeigten.

Unternehmensintern wird Arbeitsmoral gesteigert

Es gibt jedoch andere Untersuchungen, die auf positive Effekte hinweisen. In einer Cornell-Studie von 2016 wurde beispielsweise festgestellt, dass es die Leistung eines Unternehmens steigern kann, wenn die Mitarbeiter wissen, was ihre Kollegen verdienen.

David Burkus, Professor für Führung und Innovation an der Oral Roberts University, sagt:

“Nicht jede Organisation kann totale Transparenz schaffen. Aber für den Anfang würde es schon reichen, wenn sie offenlegen, wie die Gehälter festgelegt werden und warum ein Mitarbeiter ein bestimmtes Gehalt erhält. Und wir wissen aus der Forschungsliteratur, dass dieses Wissen die Arbeitsmoral und Motivation der Mitarbeiter steigert.“

Zumindest auf Unternehmensebene scheint es eine Tendenz hin zu mehr Transparenz zu geben. Und das fordern vor allem auch Angestellte. Tausende Google-Mitarbeiter in internationalen Niederlassungen veranstalteten vor ein paar Tagen einen Massenprotest:

► Unter anderem forderten sie ein Ende der Lohnungleichheit.

Gegenüber dem Magazin “The Cut” sagten die Organisatoren: “Wir wollen mehr Informationen über die Kluft zwischen den Geschlechtern, der Rasse und der ethnischen Zugehörigkeit, und zwar auf allen Personalebenen und für alle zugänglich.” 

Dieser Artikel erschien zuerst in der HuffPost US und wurde von Anna Rinderspacher aus dem Englischen übersetzt und angepasst.

(ujo)