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17/09/2018 14:20 CEST | Aktualisiert 18/09/2018 08:16 CEST

Umweltschutz: Diese kleine Insel zeigt, was einzelne Menschen erreichen können

Statt aufs Ende der Welt, NGOs oder ihre Regierungen zu warten, stellen sich die Inselbewohner den Herausforderungen.

Doris Neubauer
Auf Frédéric Chatelains Farm soll Aquaponik eine Vorbildfunktion für die Lebensmittelversorgung aller südlichen Pazifikinseln erfüllen.

Gierige Weltkonzerne. Korrupte Regierungen. Steigender Meeresspiegel. Wetterextreme. Plastikmüllberge.

Angesichts solcher Probleme könnten die Menschen darauf warten, dass sich große NGOs um die gigantischen Aufgaben kümmern. Oder selbst anpacken.

Wie die Menschen im Südpazifik. Von den Inseln dort hören wir, dass sie in Zeiten des Klimawandels untergehen werden. Doch statt aufs Ende der Welt, NGOs oder ihre Regierungen zu warten, stellen sich Inselbewohner den Herausforderungen.

Frédéric Chatelain schwärmt. Von seinen “Ladys”. Von ihrer “Persönlichkeit”. Davon, wie sie ihm die Augen für die Umwelt geöffnet hätten.

Der ehemalige Hoteldirektor spricht von seinen 200.000 Bienen. Seit drei Jahren züchtet er sie auf dem väterlichen Bauernhof auf Mont Mou bei der Stadt Paita auf Neukaledonien, einer zu Frankreich gehörenden Inselgruppe im Pazifik.

Der Klimawandel setzt den Neukaledonen zu

Den rohen Naturhonig verkauft er auf dem heimischen Markt, exportiert ihn nach Frankreich und Japan. 

Die Bienen, so sagt es Chatelain, hätten ihn gelehrt, auf die Natur zu hören und deren Signale zu dekodieren. Letztlich hätten sie ihn zu seiner Berufung gebracht. Und das sei eben nicht die Gastronomie. Sondern eine Landwirtschaft, wie sie in Neukaledonien bislang völlig unbekannt gewesen sei. 

Doris Neubauer
Frédéric Chatelains Partner Jordan Lilloux stellt Seifen aus Bienenwachs her. 

“Wie all unsere Nachbarn im Südpazifik spüren wir die Auswirkungen des Klimawandels besonders“, sagt Chatelain. Heftige Regenfälle in der Trockenzeit zwischen Juni und November, gefolgt von Hitzeperioden, die die Wasservorräte austrocknen, dazu kommen noch andere Wetterkapriolen. 

“Die Folge sind Missernten und stark variierende Gemüsepreise. Jetzt zahlen wir zwei Euro für Salat, aber in Spitzenzeiten sind es zehn Euro.“ Neukaledonien, sagt er, sei von importierten Lebensmitteln abhängig: 13.563 Tonnen eingeführtes Gemüse und Obst stünden 18.194 Tonnen lokal Produziertem gegenüber.

Chatelain fand sein Vorbild auf Youtube

Im Netz sah Chatelain schließlich ein Konzept, das ihm als die Lösung all dieser Probleme erschien. “Auf YouTube habe ich die Aquaponik-Methode entdeckt“, sagt er. 

Das war 2015. Heute stehen wir in eben diesem 20 Meter langen Eigenbau, und der 38-Jährige zeigt, wie das “effizienteste Landwirtschaftssystem der Welt“ funktioniert.

Dabei werden in einer Anlage mit geschlossenem Kreislauf gleichzeitig Fische gezüchtet und Nutzpflanzen kultiviert, deren Wurzeln in wassergefüllten Behältern stecken. Das Wasser geht dabei nicht verloren, sondern wird automatisch von einem Becken ins Nächste gepumpt. Auf chemische Düngemittel kann man verzichten, liefern doch die Exkremente der Fische sämtliche Nährstoffe.

“Du konservierst Wasser, produzierst keinen Abfall und bist von Wetter- oder Temperaturschwankungen unabhängig“, sagt Chatelain, “nur die Fische musst du regelmäßig füttern.“

Bio-Lebensmittel für zehn Familien

Chatelain und sein Business-Partner Jordan Lilloux versorgen so zehn Familien wöchentlich zu einem Fixpreis mit biologischen Lebensmitteln. Interessenten gibt es bei weitem mehr – allein es fehlt an finanziellen Mitteln.

Mit der Finanzspritze der neukaledonischen Regierung, die das Potenzial seines Aquaponik-Systems erkannt hat, konnten zwar die Wasserpumpen bezahlt werden. Um ein größeres Gewächshaus zu errichten, braucht der Geschäftsmann aber weitere 200.000 Euro.

Nachdem es für seinen revolutionären Ansatz seitens der Banken bisher nur Absagen regnete, hat Chatelain jetzt eine andere Idee: “Ich möchte Anteile meines Unternehmens an private Investoren verkaufen.“

Erste Interessenten aus Belgien waren bereits auf seinem Bauernhof zu Besuch. “Und wenn das große Gewächshaus fertig ist, benötigen wir fünf Vollzeit-Angestellte“, so der Halb-Vietnamese, der von rotierendem Bio-Sojaanbau bis Eco-Lodges schon die nächsten Pläne auf Lager hat. “Drei dieser Positionen sollen von Frauen besetzt werden, zwei von Menschen mit Behinderung. Ich möchte einen Ort der Vielfalt schaffen.“

Auch das hat er von der Biodiversität des Waldes und seiner Bienen gelernt. 

Doris Neubauer
Das Aquaponik-System soll in Zukunft die südpazifischen Inseln mit biologischen Lebensmitteln versorgen. Hier im Bild: Jordan Lilloux.

Chatelain geht in Schulen und Unis

Tatsächlich hofft Chatelain, dass sein Modell auch auf anderen Inseln im Südpazifik funktioniert und letztlich den Zugang zu Lebensmitteln dort sicher.

Allerdings wolle er nicht sein System verkaufen, betont der Vater zweier Grundschulkinder, er wolle vielmehr sein Know-how teilen. “Ich möchte Menschen Werkzeuge in die Hand geben, damit sie wirtschaftlich unabhängig werden“, meint er, “dazu gehört, sich selbst versorgen zu können.“

Deshalb gibt er sein Wissen in Schulklassen sowie Universitäten weiter und lädt Praktikanten auf seinen Bauernhof ein. Sie lernen, im Aquaponik-Gewächshaus Pflanzen zu züchten.

Lernen durch Beobachten auf den Salomonen

Morgan Jimuru bemüht sich ebenfalls, sein Wissen an die Kinder weiterzugeben. Er lebt in der Marovo-Lagune auf den Salomonen, nordwestlich Neukaledoniens. Es ist die größte Salzwasserlagune der Welt.

“Es ist fantastisch zu sehen, wie die Kinder mit der Natur vertraut werden“, sagt der siebenfache Vater. Er hat ein Programm für Volks- und Mittelschulen ins Leben gerufen. 

“Ich lasse die Kinder Fische zählen und verschiedene Spezies beobachten”, erzählt Jimuru. “Vielleicht sind unsere Dorfkinder nicht so erfolgreich in der Schule, aber hinschauen und aus ihren Beobachtungen lernen, das können sie.”

Als Forschungslabor dient dabei das Meer vor seinem Haus. “Siehst du den Pfosten dort”, fragt der passionierte Taucher und Speerfischer und zeigt aufs Wasser. “Von dort bis zur nächsten Bucht reicht mein Meeresschutzgebiet“.

Schutzgebiet auf eigene Initiative 

Dass ein Solches notwendig ist, überrascht, ist die Marovo-Lagune der Welt doch als Unesco Weltkulturerbe anerkannt. Aber auch hier beeinträchtigen die Abholzung der Wälder sowie Überfischung das Ökosystem.

“Die Registrierung einer Meeresschutzzone dauert 30 Jahre. Abholzlizenzen werden innerhalb von drei Monaten vergeben“, kritisiert Jimuru die Regierung.

Doch der Schulabbrecher, der als Skipper beim “International Water Program“ viel übers Meer gelernt hat, zieht seine Mitbürger gleichermaßen zur Verantwortung: Zwar leide die Bevölkerung unter Wassermangel, sie klage über Missernten und darüber, immer weniger Meerestiere aus der Lagune zu fischen. Doch ihr Verhalten ändere sie nicht.

Er will nicht warten, bis die Ressourcen aufgebraucht sind, unwiderruflich verloren.

Nachdem Morgan jahrelang vergeblich versucht hatte, vor seinem Hauptdorf Chuchula eine Meeresschutzzone zu errichten, erklärte er kurzerhand das Gewässer vor seiner Haustür zur “No-take“-Zone. “Ich wollte mit gutem Beispiel vorangehen“, erzählt er und hofft, die positiven Auswirkungen bis 2020 mit Zahlen zu belegen, “dann wird den Menschen hoffentlich klar, dass Geld nicht alles ist.“

Im eigenen Haus scheint Morgans Botschaft bereits Früchte zu tragen: “Wenn meine Kinder jemanden im Kanu zu nahe ans Gebiet heranpaddeln sehen, rufen sie: Daddy, hier fischt jemand“, sagt er stolz. Auch in Chuchula klopft man ihm immer häufiger auf die Schultern und freut sich, dass rund um sein “Hausmeer“ Fischreichtum zu beobachten ist und die Seegurkenpopulation wächst. 

Doris Neubauer
Morgan Jimuru hat kurzerhand das Gewässer vor seiner Haustür zur Schutzzone erklärt. So will er gegen die Überfischung der Meere vorgehen. 

“Denkt an die zukünftige Generation”

Chatelain und Morgan sind nur zwei von vielen, denen ich auf meiner Reise im Südpazifik begegnet bin.

So unterschiedlich die Menschen, ihre Lebenssituationen und ihre Ideen sind, sie warten weder aufs Ende der Welt, noch auf ihre Regierungen oder auf westliche Nonprofit-Organisationen.

Sie stellen sich mit offenen Augen wie Herzen den Herausforderungen. “Wir müssen alles dafür tun, um unsere Ressourcen zu bewahren.”

(sk)