POLITIK
01/11/2018 18:44 CET | Aktualisiert 01/11/2018 19:03 CET

Warum diese Helfer den Kampf um die Trump-Hochburg Texas entscheiden könnten

Sie glauben, einen Weg gefunden zu haben, die Republikaner zu schlagen. Aber es wird alles andere als leicht.

HuffPost
Danny Diaz (ganz vorne) und seine Helfer in Texas. 

Es steht immer ein Zaun zwischen Danny Diaz und den Wählern, die er erreichen will. 

Normalerweise ist es ein Maschendrahtzaun. Manchmal ist er auch mit Stacheldraht überzogen. Es gibt Lattenzäune, Zäune aus Steinblöcken und welche, die Metallspitzen haben. 

Eines der prächtigsten Häuser in der Nachbarschaft, in der Diaz an Türen klopft, ist von einem Zaun aus weißen Backsteinen umgeben. Gesäumt von Löwenstatuen. Und hinter fast jedem Zaun wartet mindestens einen Hund.

“Sie machen es uns schwer, bis zur Tür zu kommen”, sagt Diaz.

Diaz’ Mission ist es, an den Zäunen vorbei zu den Familien im Inneren zu gelangen. Er ist kein Einbrecher, sondern Gründer von Cabio Texas. Die Gruppe will die historisch niedrige Wahlbeteiligung von Hispano-Amerikanern in Südtexas anheben. 

Für die Demokraten ist der Erfolg von Wahlhelfern wie Diaz enorm wichtig. Ihr Kandidat für die anstehenden Kongresswahlen, der junge Überflieger Beto O’Rourke, braucht jede  Stimme, will er den amtierenden Senator von Texas, den Republikaner Ted Cruz, aus dem Amt werfen. 

Bei den sogenannten Midterms wählen die Amerikaner ein neues Repräsentantenhaus und insgesamt 35 neue Senatoren. Die Republikaner von US-Präsident Donald Trump haben nur eine knappe Mehrheit im Senat von zwei Sitzen. Sollten die Demokraten diese Posten erobern, sie könnten Trumps Leben zur Hölle machen und seine Pläne sabotieren. 

Das Problem nur: Abgestimmt wird am 6. November vor allem über Senatssitze in Bundesstaaten, die Trump-Hochburgen sind. 2016 erhielt der jetzige US-Präsident hier in Texas 52 Prozent, neun Prozentpunkte mehr als seine demokratische Herausforderin Hillary Clinton. 

In Texas zählt für Kandidat Beto O’Rourke also jede Stimme.

Die Progressiven hoffen, dass die Feindseligkeit Trumps gegen Einwanderer aus Mexiko Hispano-Amerikaner in die Arme der Demokraten treibt. Aber dazu müssen sie erst einmal wählen gehen. 

Und hier kommt Danny Diaz und seine Fähigkeit, Zäune zu überwinden und ins Gespräch zu kommen, ins Spiel. 

Mühsame Arbeit

Cambio Texas ist eine von mehreren Gruppen, die versuchen, Wähler hispanischer Abstammung in Texas zu mobilisieren. Sie ist auch bei weitem nicht die größte. 

Aber Diaz, der Sohn von Farmern und langjähriger Aktivist im Rio Grande Valley in Südtexas, glaubt: Seine Gruppe ist einer der Schlüsselfaktoren für den Erfolg. 

Die niedrige Wahlbeteiligung von Hispano-Amerikanern und Latinos sind zu einer existentiellen Bedrohung für die Demokraten geworden. Gerade in einem Staat wie Texas, dessen Demographie ihnen eigentlich entgegen kommen sollte. 

Ein Fünftel aller Hispano-Amerikaner und Latinos in den gesamten USA lebt in Texas, nur in Kalifornien sind es mehr. Die Gruppe wird traditionell den Demokraten zugerechnet. Dennoch stellen die Republikaner in Texas den Gouverneur, halten die Mehrheit in beiden Parlamentskammern des Bundesstaates – und haben seit 1994 hier keine Wahl mehr verloren.

Kein anderer Staat im tiefen Süden kann sich einer so langjährigen konservativen Kontrolle rühmen.

Bereits 2014 versuchten die Demokraten unter dem Einsatz von Millionen von US-Dollar, die Wahlbeteiligung dieser Wählergruppe zu stärken. Nicht einmal 40 Prozent der Wählergruppe tauchte an den Urnen auf, den Demokraten fehlten am Ende 20 Prozentpunkte im Rennen um das Gouverneursamt. 

Aus den Fehlern gelernt

Auch Diaz war damals im Einsatz. Er glaubt nicht, dass die Arbeit ein kompletter Flop war. Aber er kennt ein zentrales Problem: Die Wahlhelfer waren größtenteils nicht mit den Orten vertraut, an denen sie werben sollten. 

Er erinnert sich an einen Grillabend, den er damals organisierte. Einer der Aktivisten aus dem Nordosten habe versucht, die anderen Gäste zum Vegetarismus zu bekehren. Eine unmögliche Mission. 

Die Freiwilligen von Cambio hingegen sind Einheimische. Sie sprechen meist Spanisch und sie sehen aus wie die Menschen, mit denen sie sprechen. Ein Element, das die Politikwissenschaften im Allgemeinen als einen Schlüssen zum Erfolg bei der Wählerwerbung ausmachen.

So gehen die Cambio-Helfer vor: Sie arbeiten mit einer App. Darin tauchen die Namen von Personen auf, die zum Wählen zwar registriert sind, aber bisher nicht abgestimmt haben.

Die Helfer verbringen ihre Zeit meist in Arbeitervierteln oder in den nicht eingetragenen Siedlungen entlang der Grenze, die als “Kolonien” im Kreis Hidalgo bekannt sind. Sie sprechen mit Menschen, die meist noch nie von einem Wahlhelfer kontaktiert wurden. 

Eine Begegnung, ein kleiner Erfolg 

Die demokratische Wahlkampagne in Texas fällt nicht durch außerordentliche finanzielle Anstrengungen auf. Aber kleinere Gruppen wie Cambio haben sich gebildet, um die Drecksarbeit zu erledigen. Und Begeisterung für den demokratischen Prozess der Stimmabgabe und für die Demokraten zu wecken. 

Aber die Klinkenputzer von Cambio erzielten genügend Erfolge, um trotz des deutlichen Rückstands von O’Rourke – die letzte Umfrage sah ihn sieben Prozentpunkte hinten – motiviert zu bleiben, sagen die Helfer. 

Als María Díaz – nicht Verwandt mit Danny – vergangene Woche ihre Tür für einen Cambio-Werber öffnete, wirkte sie zunächst skeptisch.

Auf Spanisch erklärte ihr José Coronado, dass O’Rourke die Gehälter der Lehrer erhöhen und die Gesundheitsversorgung erschwinglicher machen wolle. Er sagte ihr, dass der Gouverneurskandidat auch an diesem Nachmittag in der Nähe auftreten werde.

Diaz nickte höflich, sichtlich nicht beeindruckt.

Aber ihre Augen leuchtete auf, als Coronado sagte, dass O’Rourke in den USA geborene Kinder von illegalen Immigranten vor Abschiebungen schützen wolle.

Trump hatte ein Programm für beendet erklärt, das diese Abschiebungen verhindert. Bundesrichter haben die Entscheidung mit mehreren Klagen blockiert. 

“Ich leide für sie, weil ich Leute kenne, die davon betroffen sind”, sagte Díaz. Und sie kündigte an, für O’Rourke zu stimmen. Diese eine Information über O’Rourkes Position zu den Einwandererkindern reichte ihr offenbar. “Meine Kinder haben solche Angst”, sagte die potenzielle Wählerin.

Vor welchen Hindernissen die Helfer stehen 

Momente wie diese sind jedoch die Ausnahme. Während den zwei Stunden, die wir die Helfer an diesem Tag begleiten, öffnen nur wenige ihre Haustür. Einige der Häuser waren wegen der Zäune erst gar nicht zugänglich. Ein Rudel Hunde jagte einen Helfer einmal von einem Grundstück. 

Die Wahlhelfer haben eine ganze Liste von Gründen, warum Hispano- und Latino-Amerikaner so selten wählen gehen. Die Texaner dieser Gruppe sind unverhältnismäßig jung und entstammen der Arbeiterklasse. Zwei Merkmale, die häufig bei Nichtwählern zu finden sind, unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit.

Laut Diaz ist eine der größten Herausforderungen: Wie überzeugt man Menschen, dass es sich lohnt, zu einem Treffen oder einem Wahlkampfauftritt zu gehen, wenn sie mehrere Jobs haben?

Auch die Dynamik zwischen den Parteien spielt eine Rolle.

Ein harter Kurs bei der Einwanderungspolitik gegrault viele Hispanoamerikaner. Aber deswegen werden sie noch nicht zu Wählern der Demokraten. Laut einer Studie der Demokraten-Bürgerinitiative Jolt identifiziert sich nur jeder dritte Latino in Texas als Demokrat. Die meisten sehen sich als Parteiunabhängige oder wussten schlicht nicht, welche Partei sie bevorzugen. 

Die Helfer sind optimistisch

Trotz allem sagen Aktivisten wie Diaz: Es gebe Gründe, optimistisch zu sein.

► Seine Gruppe haben im vergangenen Monat rund 13.000 Wähler in Hidalgo County im Süden von Texas erreicht. 

► Die Organisation Voto Latino zählte in diesem Jahr rund 52.000 neu registrierte Wähler. Knapp ein Drittel mehr als vor der Präsidentschaftswahl 2016. Private Unternehmen wie Lyft helfen der Organisation, diesen Wählern eine kostenlose Fahrt zum Wahllokal zu ermöglichen.

► Auch Jolt hat laut eigenen Angaben in Austin und in Dallas an 40.000 Türen geklopft. Bisher belaufen sich die Wahlkampfspenden in dem Bundesstaat für die Demokraten auf rund acht Millionen US-Dollar, 15 Prozent weniger als 15 Prozent. 

Die Demokraten setzen nicht auf Geld. Sondern auf den direkten Kontakt im Haustürwahlkampf. Laut dem Bericht von Jolt ist das die beste Methode, um die Wahlbeteiligung zu erhöhen. 

Gibt es eine “Wähler-Revolution” in Texas?

Diese Behauptung wird von Lisa Garcia Bedolla gestützt, einer Politikwissenschaftlerin, die die Mobilisierungskampagne für Latino-Wähler in den 1990er Jahren untersucht hat. Damals wechselte der Staat zuletzt von rot zu blau, von republikanisch zu mehrheitlich demokratisch bei einer Wahl. 

“Wir wissen: Wenn man Menschen zuhause trifft und Gespräche kulturell kompetent führt, dann funktioniert es”, sagt García Bedolla der HuffPost. “Die Leute sagen immer wieder, die Latinos würden wählen gehen, weil sie wütend seien und sich bedroht fühlten. Aber das ist nicht passiert.”

Aber die Demokraten haben mit Beto O’Rourke auch einen Kandidaten, der wettbewerbsfähig ist. Lag seine Vorgängerin bei den letzten Senatswahlen 20 Prozentpunkte zurück, ist das Rennen jetzt viel enger. 

Eine vorübergehende Begeisterung sei aber kein Ersatz für langfristige Bemühungen um neue Wähler, sagt die Direktorin von Jolt, Cristina Tzintzún. Ihre Anstrengungen, aber auch die von Gruppen wie Cambio Texas könnten den Staat auf lange Sicht verändern.

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Beto O'Rourke, der junge Hoffnungsträger der Demokraten in Texas. 

“Beto macht so viele Fortschritte nicht wegen der Strukturen hier – sondern trotz ihnen”, sagt Tzintzún. “Wenn man Texas ändern will, braucht jeder Kandidat Graswurzel-Bewegungen, die Latinos in den Jahren zwischen den Wahlen registrieren. Und die besten Gruppen, die das tun können, sind Gruppen aus der Nachbarschaft.”

Wie erfolgreich die Demokraten damit sein werden, wird erst am 6. November klar sein. Derzeit liegt O’Rourke in den Umfrage zwischen sieben und zehn Prozentpunkte hinten. 

“O’Rourkes einzige Hoffnung ist, dass sich die Wahlbeteiligung erheblich erhöht”, sagt der Politologe der Rice University, Mark Jones, der HuffPost. “Am Ende des Tages müssen all diese neuen Leute, die sich registriert haben, tatsächlich auch wählen.”

Das größte Hindernis: der Zynismus 

Cambios Werber klopfen weiter an Türen. Doch oft ist der Zynismus der Bewohner dahinter das größte Hindernis. 

Diaz probiert es bei einem jungen Mann, der zwar registriert ist, aber bei der letzten Wahl nicht zu Abstimmung gegangen ist. Diaz trifft nur seine Mutter an. Die sagt, ihr Sohn sei zum Militärdienst gegangen und würde nicht vor dem 6. November zurück sein. Aber auch die Frau ist als Wähler registriert.

Also versucht Diaz sein Glück bei ihr, sucht ein Thema, das sie interessiert. 

Er denkt, eines gefunden zu haben, als sie ihm sagt, sie sei nicht versichert. Ob sie von Beto O’Rourke gehört hat? Hat sie, aber er interessiert sie nicht.

Die Frau betont, sie wolle nicht wählen gehen. “Sie rauben uns aus”, sagt sie über Politiker. “Es macht mich wütend. Ich habe seit Jahren nicht mehr gewählt.”

Diaz gibt nicht auf ihm und startet noch einen Versuch. Die Region ihr an der Grenze zu Mexiko werde vernachlässigt, sagt er.

“Und das liegt daran, dass nur 20 Prozent von uns wählen. Ich weiß, dass Sie frustriert sind, aber bitte bedenken Sie das.” Dann dankt er ihr für ihre Zeit und geht zum nächsten Haus mit dem nächsten Zaun.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der HuffPost US und wurde von Leonhard Landes übersetzt und editiert. 

(lp)