POLITIK
24/08/2018 18:47 CEST | Aktualisiert 25/08/2018 08:20 CEST

Warum die Taliban kurz davor stehen, den Afghanistan-Krieg zu gewinnen

“Ein von den USA im Stich gelassenes Afghanistan bedeutet Instabilität in der gesamten Region.”

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Der Krieg in Afghanistan geht in sein 18. Jahr – es könnte zum entscheidenden in dem Konflikt werden. Im Bild: Ein afghanischer Polizist bewacht den Tatort nach einer Selbstmordattacke in Kabul. (Archivfoto vom September 2017)

Aschraf Ghani steht vor einem kleinen Podium im Zentrum von Kabul. Er hält eine Ansprache zum Start des muslimischen Opferfestes Eid ul-Adha.

“Unser Volk will Frieden, wir wollen Frieden”, sagt Afghanistans Präsident. Dann sind zwei Raketeneinschläge zu hören. Eine der Raketen geht nahe dem Präsidentenpalast nieder, die andere im Umfeld der US-Botschaft. Es gibt keine Opfer. Diesmal. 

Ghani wartet den Knall der Explosionen ab. Dann redet er weiter: “Wenn die Aufständischen glauben, dass unsere Nation aufgeben wird, weil sie uns mit Raketen angreifen, dann haben sie sich getäuscht.” 

Erst zwei Tage zuvor, am Sonntag, hat der von der Schutzmacht USA gestützte afghanische Staatschef diesen Aufständischen das Angebot eines dreimonatigen Waffenstillstands unterbreitet. 

Ghani möchte mit den Taliban reden; wie die Vereinigten Staaten ist er bereit dazu, Friedensverhandlungen mit den islamistischen Kämpfern zu führen. 

Die Antwort der Taliban auf Ghanis Angebot: Raketen. 

Mawlawi Hibatullah Achundsada, der Anführer der Miliz, sagte in seiner Ansprache zum Eid al-Adha, er werde keinen Waffenstillstand akzeptieren – und forderte das, was die Taliban in Afghanistan seit über 17 Jahren fordern: den Abzug der USA und aller ausländischen Truppen aus dem Land. 

Der politisch umstrittene Ghani versucht derweil, im Afghanistan-Krieg Stärke zu zeigen. Der verhasste Achundsada zeigt, dass er stark ist. 

Denn nie seit Beginn des Krieges im Jahr 2001 waren die Taliban so mächtig wie jetzt. Nie waren sie ihrem Ziel so nah. Auch, weil die USA unter ihrem Oberkommandanten Donald Trump kurz davor stehen, die Bevölkerung Afghanistans im Stich zu lassen.

Der ewige Krieg in Afghanistan findet seinen Sieger

Achundsada und seine Suchenden (“Taliban”) haben die vergangenen Jahre zu einigen der brutalsten des Afghanistan-Krieges gemacht.

Seit 2014 hat sich die Zahl der Kämpfer in der vor allem von Pakistan unterstützten Miliz verdreifacht – von 20.000 auf mindestens 60.000 Mudschahedin. Und mit der Zahl der Taliban-Kämpfer stieg auch die Zahl ihrer Opfer. 

Allein im ersten Halbjahr diesen Jahres starben nach UN-Angaben 1692 Zivilisten bei Kämpfen und Anschlägen in dem zentralasiatischen Land. So viele unschuldige Tote hatte es im gleichen Zeitraum zuletzt vor zehn Jahren gegeben. 

Den Taliban ist es seit 2016 zudem gelungen, große Gebiete in Afghanistan zu erobern. Weite Teile der westlichen Provinzen des Landes sind unter ihrer Kontrolle; hinzu kommt die Provinz Helmand, die Region um die Stadt Kunduz im Norden und Landstriche südlich der Hauptstadt Kabul. 

“Die afghanische Regierung kontrolliert den größeren Teil der Gebiete des Landes, doch die Taliban haben bewiesen, dass sie in der Lage sind, gerade im ländlichen Raum die territoriale Kontrolle zu übernehmen”, sagt Courtney Cooper, Afghanistan-Expertin bei der US-Denkfabrik Council of Foreign Relations, der HuffPost. 

Cooper mahnt zwar an, dass es für die Taliban schwer sei, diese Territorien langfristig zu besetzen oder sogar zu regieren.

“Doch sie halten den militärischen Druck auf die afghanische Regierung und die internationalen Verbündeten Kabuls extrem hoch”, sagt die Expertin. “Und das, obwohl der Kampf gegen die Taliban seit dem vergangenen Jahr massiv intensiviert wurde.”  

Wie hoch dieser Druck durch die Taliban auf die afghanische Armee und die Streitkräfte der USA ist, zeigte sich erst am Donnerstag in der zentralafghanischen Stadt Gasni, etwa 100 Kilometer südwestlich von Kabul. 

Die Warnschüsse der Taliban in

Gasni und Farah

Aufständische griffen mehrere Kontrollposten des Sicherheitsrings um Gasni an und lieferten sich in einigen Außenbezirken der Stadt sporadische Gefechte mit den Sicherheitskräften, sagte der Provinzrat Nasir Ahmad Fakiri.

“Die Menschen in der Stadt sind sehr nervös”, sagte Fakiri. Er befürchte, die Scharmützel könnten der Anfang eines Großangriffes sein. 

Es wäre der zweite innerhalb nur einen Monats.

Schon in der Nacht zum 10. August hatten die Taliban die Provinzhauptstadt überrannt. Sie lieferten sich fünf Tage lang erbitterte Straßenkämpfe mit Einheiten der afghanischen Armee. 

70 afghanische Sicherheitskräfte wurden bei dem Angriff getötet. Die Vereinten Nationen schätzen, dass es 200 bis 250 zivile Opfer gab. Nach wie vor ist die Versorgung der etwa 150.000 Einwohner Gasnis mit Wasser und Nahrung nicht vollkommen gewährleistet. 

Mustafa Andalib / Reuters
Ein afghanischer Feuerwehrmann löscht nach dem Angriff der Taliban Brände in den Ruinen von Gasni.

Gasni ist ein Warnschuss der Taliban – schon der zweite in diesem Jahr, nachdem die Miliz im Frühjahr vorübergehend die westafghanische Stadt Farah eroberte. 

“Der Angriff auf Gasni hat gezeigt, dass die Taliban jetzt in der Lage sind, eine Großstadt einzunehmen”, sagt Vanda Felbab-Brown, Afghanistan-Expertin am Washingtoner Brookings Institute, der HuffPost. 

“Auch wenn sie Gasni nicht halten konnten, die Drohkulisse genügt. Die Taliban haben ihre Stärke demonstriert”, betont Felbab-Brown.

Stärke, die der Miliz bei kommenden Verhandlungen helfen soll. Denn tatsächlich sind die Taliban zu Gesprächen über ein Ende des Kriegs bereit – allerdings nur zu den eigenen Bedingungen. 

Was die Taliban wollen:

 

Die Grundforderung der islamistischen Miliz ist weiterhin der komplette Abzug der US-Truppen aus Afghanistan.

Die zweite Kernforderung der Taliban war stets, dass Afghanistan zu einem Scharia-Staat werden müsse – doch laut Experten ist die Führung der Miliz hier zu Zugeständnissen bereit

Die Miliz soll nun vor allem ein vereintes Afghanistan fordern, das von einer alle Afghanen repräsentierenden, islamischen Regierung beherrscht werden soll.

Die Taliban verlangen in diesem Fall jedoch sowohl Zugang zur Politik in Afghanistan – ähnlich wie ihn die islamistische Hezbollah im Libanon genießt –, als auch, dass ihre Kämpfer ins afghanische Militär integriert werden. 

“Es ist möglich, dass in Afghanistan noch jahrelang Blut fließt” 

Die wichtigste dieser Bedingungen: Die Taliban wollen nur direkt mit den USA verhandeln. Sie erkennen die afghanische Regierung nicht als handlungsfähigen Gesprächspartner an. 

“Sie werden nach sehr viel politischer und militärischer Macht fragen”, sagt die Politikwissenschaftlerin Felbab-Brown. 

Es sei ein Irrglaube, darauf zu hoffen, dass sich die afghanische Miliz auf einen Deal einlassen würde, wie ihn die Guerillabewegung der FARC in Kolumbien einging. Die FARC hatte ihre Waffen niedergelegt, einige Gefängnisstrafen für führende Mitglieder akzeptiert und dafür Zugang zum politischen System bekommen. 

“Die Taliban sind weit stärker als die FARC”, erklärt Felbab-Brown. “Sie werden sich nicht entwaffnen lassen. Sie werden keine Strafen akzeptieren. Sie wollen, dass ihre Macht in Afghanistan anerkannt wird.” 

Die Expertin glaubt, dass sich die afghanische Regierung niemals auf so einen Deal einlassen wird. “Es ist gut möglich, dass es nun jahrelange Verhandlungen geben wird, während weiter Blut fließt”, sagt sie. “Viel wird darauf ankommen, wie sich die Situation auf dem Schlachtfeld verändern wird.” 

Hier liegt der Schlüssel zur Strategie der Taliban. Die Miliz ist der afghanischen Armee überlegen. Diese schafft es nur dank der Unterstützung durch die USA, die Islamisten wieder und wieder zurückzuschlagen. 

Doch nach 17 Jahren Krieg sind die USA mürbe und kriegsmüde. Im Juli führten die Vereinigten Staaten bereits erste Vorgespräche mit Vertretern der Taliban.

“Wir gewinnen nicht, wir verlieren nicht”, sagt Sarah Kreps der HuffPost. Sie ist eine der renommiertesten Militärexpertinnen der USA und Veteranin der US-Airforce. 

Kreps spricht von einem “endlosen Krieg” am Hindukusch. Einem, für den es in den USA wenig Rückhalt gebe. “Dennoch wäre ein Rückzug aus Afghanistan keine populäre Maßnahme”, sagt Kreps. “Amerikaner mögen es einfach nicht, zu verlieren.” 

Sie mögen es jedoch auch nicht, nicht zu gewinnen. Das gilt besonders für den Mann, der über die Zukunft des Afghanistan-Kriegs entscheiden wird: Donald Trump. 

Der “Krieg der Notwendigkeit” wird zur Last

Dessen Vorgänger Barack Obama hatte den Afghanistan-Krieg einst einen “Krieg der Notwendigkeit” im Kampf gegen den Terror genannt.

Doch in seinen letzten Amtsjahren war auch Obama nicht mehr sicher, ob die USA ihr Engagement in Afghanistan fortführen sollten. Er orderte den Rückzug eines Großteils der Streitkräfte aus dem Land an – nur, um diesen schließlich doch zurückzunehmen

Auch Trump wollte schon kurz nach seinem Amtsantritt einen Rückzug aus Afghanistan anordnen. Sein damaliger Nationaler Sicherheitsberater H.R. McMaster und sein Verteidigungsminister John Mattis hielten ihn davon ab. 

Vor einem Jahr verkündete der US-Präsident dann seine Afghanistan-Strategie: Die US-Truppen sollten im Land bleiben, ein Rückzug wäre eine Wiederholung der Fehler im Irak-Krieg, die zur Entstehung der Terrororganisation IS beigetragen hätten. 

Nun, ein Jahr später, kontrollieren oder unterwandern die islamistischen Taliban laut der US-Regierung nahezu die Hälfte der afghanischen Provinzen.

Die bevorstehenden Parlamentswahlen am 15. Oktober könnten zudem dazu beitragen, dass die Gewalt im Land noch weiter eskaliert – und in einem offenen Bürgerkrieg mündet. 

Es ist gut möglich, dass der innenpolitisch enorm unter Druck stehende Trump seine Strategie dann neu ausrichten und einen Rückzug aus Afghanistan anordnen würde. 

“Wenn die Trump-Regierung nach den Zwischenwahlen in eine politische Krise stürzt, ist es denkbar, dass sie einen Deal mit den Taliban eingeht, um schnell aus Afghanistan abzuziehen – einen, wie Nixon ihn mit den Ho Chi Minh abschloss, die danach ganz Vietnam eroberten”, sagt die Expertin Felbab-Brown. 

Zurück bliebe ein Machtvakuum, in das schon jetzt nicht nur die Taliban, sondern auch andere Mächte drängen. Ein Rückzug der US-Truppen aus Afghanistan könnte so die gesamte Region destabilisieren.

Droht eine Wiederholung des “Great Game”, des Konflikts im 19. Jahrhundert zwischen den Vereinigten Königreich und dem Russischen Zarenreich um die Vorherrschaft in Zentralasien? 

Afghanistan, das Land der Suchenden

“Die Unsicherheit über den Fortgang des Konflikts in Afghanistan hat dafür gesorgt, dass sich viele regionale Mächte verstärkt in das Geschehen einmischen”, sagt Brookings-Expertin Cooper. 

Davon würde vor allem ein Akteur profitieren: die Taliban.

“In den vergangenen zehn Jahren haben sie ihre Allianzen im Ausland stark ausgebaut”, sagt Cooper. Die Miliz sei längst nicht mehr nur von Pakistan abhängig, sondern erhalte auch Unterstützung aus dem Iran, China und Russland. 

Tatsächlich hat etwa das Regime von Präsident Wladimir Putin bereits offen angekündigt, dass es die Taliban mit Waffen beliefern will. In den vergangenen Tagen wurde zudem über ein mögliches Treffen zwischen Vertretern der Islamisten und des Kremls verhandelt. 

Im Angesicht einer unentschlossenen USA erlebe Afghanistan laut Cooper somit ein “regionales Vertrauensvotum, indem verschiedene Mächte darauf setzen, dass die Taliban in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zu einem ernstzunehmenden politischem Akteur im Land werden.” 

Was die verschiedenen Akteure im Afghanistan-Krieg wollen:

 

  • Pakistan: Das Land war lange der größte Förderer der Taliban und unterstützt die Miliz noch immer durch seine Geheimdienste in Afghanistan. Die USA nutzen Pakistan als Vermittler zu den Taliban – doch die betrachten das Nachbarland mittlerweile als unliebsamen Bewacher, den es loszuwerden gilt. 
  • Iran: Das schiitische Land ist der regionale Gegenspieler Pakistans im Afghanistan-Konflikt und baut seit einem Jahrzehnt Verbindungen zu den sunnitischen Taliban auf – mehr aus Pragmatismus, als aus Überzeugung. Seit dem Austritt der USA aus dem Iran-Deal wird Afghanistan für den Iran zudem noch mehr als früher zum Stellvertreter-Schlachtfeld gegen die USA. 
  • China: China hat seinen Einfluss in Afghanistan in den vergangenen Jahren stetig ausgebaut – auch, indem sich das Land dem Taliban-Verbündeten Pakistan und der Miliz selber annähert. Hoffnungen, dass China als Mediator im Konflikt dienen könnte sind verfrüht, denn noch sind die Intentionen der Supermacht in Afghanistan unklar. 
  • Russland: Afghanistan ist das russische Equivalent zum Vietnam-Trauma der USA. Bis heute ist der Einfluss des Landes am Hindukusch geringer, als es sich Putin wünscht. Der Kreml versucht nun, enge Beziehungen zu den Taliban aufzubauen, indem es sie mit Informationen und Waffen unterstützt. Das Ziel: Die Vormachtstellung der USA in der Region anzugreifen. 

Egal, welches Land die größte Nähe zu den Taliban gewinnt – der bloße Umstand, dass die islamistische Miliz kurz davor steht, internationale Legitimität verliehen zu bekommen, ist eine geopolitische Katastrophe. 

“Ein von den USA im Stich gelassenes Afghanistan bedeutet Instabilität in der gesamten Region”, sagt die Politikwissenschaftlerin Felbab-Brown. 

“Es wird stets davon ausgegangen, dass es Pakistan sei, das Afghanistan destabilisiere. Doch ein von den Taliban regiertes Afghanistan würde vor allem Pakistan destabilisieren”, sagt sie.

Die afghanischen Islamisten würden schon jetzt mit verschiedenen Terrorgruppierungen im Norden Pakistans kooperieren. Diese Zusammenarbeit könnte sich laut Felbab-Brown ausweiten, wenn die Taliban an Macht gewinnen.

In der Folge sei eine Radikalisierung der pakistanischen Politik möglich, die bis hin zu einer Eskalation des Kashmir-Konflikts mit Indien führen könne. 

“Und all das in einer Region, in der die weltweit größte Wahrscheinlichkeit besteht, dass nukleare Waffen in den Händen von Terroristen landen könnten”, warnt Felbab-Brown.  

Der Druck, dieses Schreckensszenario zu verhindern, liegt nun auf der afghanischen Regierungen. Es ist an ihr, an Aschraf Ghani, die USA zum Bleiben oder die Taliban zu einem echten Waffenstillstand zu überreden. Die Chancen sind gering. 

“Unser Volk will Frieden”, hatte Ghani in Kabul gesagt. Doch die Realität in Afghanistan bleibt der Krieg. 

Und die Taliban sind dabei, diesen zu gewinnen. 

(mf)