POLITIK
14/10/2018 12:55 CEST | Aktualisiert 16/10/2018 10:19 CEST

Fall Skripal: Warum die Enthüllungen für Putin alles andere als blamabel sind

Der Westen lacht über den Kreml – aber wer lacht zuletzt?

Im Video oben: Putin – Verdächtige im Fall Skripal sind Zivilisten.

Für viele Beobachter im Westen ist klar: Moskaus Dienste haben sich in der Skripal-Affäre blamiert. Doch was auf den ersten Blick ob der vielen peinlich erscheinenden Enthüllungen logisch scheint, ist es auf den zweiten alles andere als eindeutig. 

Wer lacht in der Causa Skripal also über wen? Und wer hat wirklich Gründe, zu lachen?

Eigentlich ist die Affäre ein Grund zum Heulen: Der Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julia wurde Anfang März im südenglischen Salisbury mit dem Nervengift Nowitschok vergiftet. Wochenlang kämpften Ärzte um ihr Leben.

dpa
Russlands Präsident Wladimir Putin.

Im Juli kamen dann eine Frau und ihr Lebensgefährte mit Resten des Nervengiftes in Kontakt. Die Täter hatten es in einem Altkleider-Behälter entsorgt. Die Frau starb. 

Dann die erste Wende im Fall: Anfang September präsentierte die britische Polizei die Bilder von zwei Verdächtigen – die aus Russland eingereist waren. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa reagierte auf die Enthüllungen betont gleichgültig: „Das sagt uns nichts“, kommentierte sie die Aufnahmen, und sprach von „Manipulation“.

“Wir wissen, wer sie sind”

Darauf folgte nur fünf Tage später die zweite überraschende Wende. Russlands Präsident Wladimir Putin äußerte sich höchst selbst zum Fall. „Wir wissen, wer sie sind“, sagte er über die beiden Verdächtigen – und fuhr damit der sich unwissend gebenden Außenamts-Sprecherin in die Parade.

Es handle sich um „zwei Zivilisten“, erklärte Putin. Er forderte die beiden auf, sich in den Medien zu melden und ihre Version der Geschichte zu erzählen.  Tatsächlich erschienen wenige Tage später die beiden Männer vor den Kameras von Putins Propagandasender RT; interviewt wurden sie von Margarita Simonjan, einer von Putins Chef-Propagandistinnen, persönlich.

Putins Puppenshow  

Die Aufnahmen erinnerten an absurdes Theater: Die beiden auffallend ähnlich gekleideten Männer hätten in jedem Fernsehfilm ohne weitere Kostümierung oder Schminken russische Agenten spielen können.

Sie wirkten aufgerührt, ja fast etwas verzweifelt; sie erzählten aufgeregt von ihrer Liebe zur Kultur – dass sie nur nach Salisbury gefahren seien, um sich dort die berühmte Kathedrale anzusehen.

Statt ihnen mit ihren Fragen zu assistieren, trieb sie Simonjan sogar in die Enge, wies auf Widersprüche hin. Das, was man im Boxen den Knock-Out nennt, also den Schlag, der umhaut, verpasste Simonjan den beiden dann, als sie demonstrativ die Klimaanlage anschaltete und darauf hinwies, dass die beiden offenbar ins Schwitzen geraten seien.

Man kann der russischen Propaganda viel vorwerfen – doch derart unprofessionell agiert sie nicht.

Eine große Lachnummer?

Simonjan, Putins Sprachrohr, wollte die beiden Männer nicht reinwaschen; sie wollte sie entblößen. Wenig später veröffentliche die bestens mit dem britischen Geheimdienst in Kontakt stehende Internet-Plattform Bellingcat die wahre Identität der beiden Tatverdächtigen.

Dank Leaks in den russischen Behörden kam heraus, dass es sich bei den Männern um Offiziere des Militärgeheimdienstes GRU handelt. Einer ist sogar ein Oberst, der mit dem höchsten Orden des Landes ausgezeichnet wurde – als „Held Russlands“.

Die zahlreichen Ungeschicklichkeiten und das vermeintlich unprofessionelle Vorgehen der russischen Dienste löste bei Politikern und Journalisten im Westen Lachen und Häme aus.

„Wie Russlands stümperhafte Agenten Wladimir Putin blamierten“, titelte etwa der “Spiegel” und schrieb weiter: „Wladimir Putins Topagenten haben sich nicht nur bei einem Giftanschlag in England erwischen lassen – jetzt kommt heraus, wie grotesk die Russen versagt haben. Eine große Lachnummer.“ 

Der “Spiegel” versteigert sich sogar zu der Schlussfolgerung, Putin müsse so beschämt gewesen sein, dass er es ein Leben lang nicht vergesse, als er öffentlich bei einem Mini-Gipfel mit anderen Staatschefs auf den Fall angesprochen wurde.

Dabei zeigt schon die Tatsache, dass Putin „schmunzelnd“ antwortete, wie diese Einschätzung völlig an Putins Wesen vorbei geht. Den russischen Staatschef als Verlierer, als den Blamierten in der Causa Skripal zu sehen, ist eine ebenso naive wie fatale Fehleinschätzung.

“Dahinter kann nur Absicht stecken”

Zwar haben in den Wirren des Umbruchs auch die zahlreichen russischen Geheimdienste gelitten. Bei vielen von ihnen geht es heute den Offizieren mehr um gute Geschäfte als um den Schutz der Regierung.

Dennoch: „Man kann den russischen Diensten, insbesondere dem GRU, viel nachsagen, aber nicht, dass sie unprofessionell sind oder dumm“, kommentiert ein westlicher Geheimdienst-Insider, der anonym bleiben möchte, die Causa Skripal gegenüber der HuffPost.

Genauso wie bei allen anderen Diensten wisse man auch beim GRU, dass es in Großbritannien eine breite Videoüberwachung im öffentlichen Raum gebe. Es gebe diverse Methoden, diese Videoüberwachung zu überlisten – von Baseball-Kappen und wechselnden Kopfbedeckungen über „Personal-Rochaden“ bis hin zur Vorab-Aufklärung, wie man an sein Ziel kommen kann um möglichst wenig oder gar nicht überwacht zu werden.

Die verdächtigen GRU-Agenten dagegen agierten, als gebe es keine Videoüberwachung – sie sind wiederholt bestens auf den Aufnahmen zu sehen „Dahinter kann nur Absicht stecken“, meint der westliche Geheimdienst-Insider: „Es war erwünscht, dass die Spuren gefunden werden, und nach Moskau zeigen. Oder es wurde zumindest absichtlich in Kauf genommen.”

Sein Erklärungsversuch: Bestimmte Kräfte in den russischen Geheimdiensten hätten Putin schaden wollen, indem sie wenige Monate vor dessen Lieblings-Projekt, der Fußball-WM, eine derartige Mord-Aktion starteten, mit klaren Spuren nach Moskau.

Dazu, so der Geheimdienst-Experte, würde auch passen, dass etwa die wahren Identitäten der Verdächtigen später aus Moskau durchgestochen wurden. Es spricht alles dafür, dass die undichten Stellen ebenfalls bei einem der zahlreichen russischen Geheimdienste zu finden sind.

Doch auch diese Version, eine Sabotage der Dienste, um Putin zu schaden, wirkt ebenso kurz gegriffen wie die Perspektive des “Spiegel” mit der „Lachnummer“ und „Stümperhaftigkeit“.

Majestätsbeleidigung

Viel wahrscheinlicher ist eine ganz andere Erklärung: Dass der Kreml seine Dienste absichtlich Spuren legen ließ – um ein Zeichen zu setzen. Gegenüber potentiellen künftigen Überläufern, nach dem Motto: Wir kriegen Euch überall, Ihr seid nirgends sicher, wenn Ihr uns verratet. Und auch gegenüber dem Westen – den Moskau, wieder einmal – zum Narren machte.

Dieses für Menschen schwer zu verstehende Phänomen habe ich einst im Kreml selbst kennen gelernt: Auf meine Frage, warum entgegen seinen öffentlichen Erklärungen die Korruption nicht abnehme, antwortete mir Putin Anfang der 2000er Jahre bei einem Treffen im kleinen Kreis im Kreml mit der Versicherung, ich würde nie mehr ein Bestechungsgeld in Russland bezahlen müssen.

Eine ganz offensichtlich absurde Aussage, an die weder der Präsident, noch ich, noch irgend jemand, der Russland kennt, glauben konnte. Ein Kreml-Insider erklärte mir später, was dahintersteckt: “Dafür, dass du mit Deiner Frage Majestätsbeleidigung begangen hast, hat er dich nach seinen Spielregeln zum Narren gemacht. Seine Stärke gezeigt, und deine Schwäche. Vor allen, öffentlich!“

Die Taktik dahinter: “Jeder Russe, der das hörte, wusste – er bindet dir einen Bären auf. Und da du seine Lüge schlucken musstest, hat er dich erniedrigt.“ Und sich selbst als starker Mann präsentiert.

Putin steht als starker Mann da

An diese Logik muss ich seither bei vielen Aussagen und Handlungen von Putin denken:

► Etwa, als er sagte, was seine Truppen im syrischen Aleppo angerichtet haben, sei “die größte humanitäre Rettungsaktion der Neuzeit“.

► Oder als er erklärte, er habe keine Männer auf der Krim. Und genau diese Männer später auszeichnete.

► Oder als sein Pressesprecher 2017 plötzlich zugab, den angeblichen Hilfsbrief des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch nach Moskau, mit dem man 2014 seine Intervention mit rechtfertigte, habe es gar nicht gegeben.

► Oder eben jetzt, als Putin öffentlich sagte, er kenne die beiden Tatverdächtigen von Salisbury, und es seien einfache Zivilisten. Was sich als eine der zahlreichen Lügen des Kreml-Chefs herausstellte.

 Vor seinen Landsleuten ist er damit aber nicht etwa blamiert, wie das viele im Westen sehen. Im Gegenteil: Putin steht als starker Mann da, der demonstrierte, dass wir ihm alles ohne ernsthafte Konsequenten durchgehen lassen – selbst wenn sich seine Mörder völlig dämlich (oder dreist?) anstellen und sich erwischen lassen.

Der starke Zar

Die Botschaft ans eigene Volk: Unser Zar ist so stark, dass er dem Westen den größten Bären aufbinden kann, und die dort sind so zahnlos/blind/feige, das zu schlucken.

Über die bisherige Reaktion des Westens – die Ausweisung von Diplomaten – kann Putin nur lachen – nicht nur, weil er ohnehin keinen Hehl aus seiner Verachtung für Diplomaten acht. Kürzlich bezeichnete Putin Skripal als „Abschaum“ und machte sich lächerlich über die Entsorgung des Giftes in einem Altkleider-Behälter – die zum tragischen Tod einer unbeteiligten Britin geführt hat.

Putin liebt es, die vermeintliche Schwäche westlicher Demokratien derart vorzuführen. Was wir gerade beim Besuch des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan erlebten, war ein ähnliches Schauspiel. Der Autokrat vom Bosporus hat die Bundesregierung und den Bundespräsidenten geradezu gedemütigt.

Auf einem Staatsbankett zog er vor Steinmeier über Deutschland her – und alle blieben schön brav sitzen, viele lächelten.

Es ist wie damals bei meinem Treffen mit Putin im Kreml. Es geht darum, uns Kröten schlucken zu lassen – demonstrativ, öffentlich. In den Augen von Autokraten – und nicht nur von denen – machen wir uns so zu naiven Schwächlingen, die sie verachten.

(mf)