POLITIK
22/07/2018 23:21 CEST | Aktualisiert 02/08/2018 08:53 CEST

Mesut Özil: Warum Deutschland noch nicht bereit für ihn ist

Die HuffPost-These.

Im Video oben seht ihr die erste Stellungnahme von Özil zur Erdogan-Affäre im Wortlaut. 

Eins muss man Mesut Özil lassen: Sein Rücktritt als Nationalspieler hatte Stil.

Während beim DFB die Verantwortlichen für das WM-Desaster an ihren Stühlen kleben und Bundestrainer Joachim Löw mit fahrlässiger Ruhe die sportliche Aufbereitung verschleppt, liest Özil mit drei über den Sonntag verteilten Tweets der gesamten Nation die Leviten.

Besonders beschämend ist das, was er in seinem dritten Tweet schreibt, mit dem er am Ende sein Ausscheiden aus der DFB-Elf verkündet.

Dem Verbandschef Reinhard Grindel wirft Özil vor, er habe ihn nach dem WM-Aus der Öffentlichkeit zum Fraß vorgeworfen.

Doch auch die deutsche Fußball-Öffentlichkeit muss Kritik einstecken.

“In den Augen von Grindel und seinen Unterstützern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen. Aber wenn wir verlieren, bin ich Migrant”, schreibt Özil. “Gibt es Kriterien für das Deutschsein, die ich nicht erfülle? Meine Freunde Lukas Podolski und Miroslav Klose wurden niemals als Deutsch-Polen bezeichnet, warum bin ich also Deutsch-Türke?”

Und damit hat Özil Recht.

Özil bekam den Hass zu spüren – weil er Muslim ist

Sagen wir es doch ganz offen: Der Unterschied zwischen Miroslav Klose und Mesut Özil ist nicht ihr Migrationshintergrund, sondern ihre Religion. Der in Gelsenkirchen geborene Özil wird deswegen so viel stärker von den Deutschen angefeindet, weil er Muslim ist.

Özil schreibt das nicht so direkt. Aber er zitiert die Beleidigungen, die er nach seinem gemeinsamen Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan einstecken musste. Und die ihn offenbar so getroffen haben, dass er sich immer noch an sie erinnert.

Michael Regan - FIFA via Getty Images
Mesut Özil bei der WM in Russland. 

► Da wäre zum Beispiel der nordhessische SPD-Politiker Bernd Holzhauer. Er hat Özil einen “Ziegenficker” genannt – eine islamfeindliche Beleidigung, die einst vom Satiriker Jan Böhmermann in den Mainstream getragen wurde. Holzhauer hat sich dafür entschuldigt. Ungeschehen macht es das nicht.

► Oder der Chef des Deutschen Theaters in München, Werner Steer. Der Leiter einer der wichtigsten Kulturinstitutionen der bayerischen Landeshauptstadt hatte auf Twitter gepöbelt: “Hau ab nach Anatolien!”

Es ist bemerkenswert, dass Özil die Schreihälse von der AfD mit Missachtung straft und stattdessen zwei vermeintliche Stützen der Gesellschaft zitiert. Aber so lenkt er den Fokus auf die wahre Dimension des Problems.

Denn der Hass ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Dann schweigt das progressive Bürgertum

Und bei der deutschen Linken bricht er stets dann heraus, wenn der Name Erdogan fällt. Dann glauben auch sozialdemokratische Provinzpolitiker und kulturlose Theaterchefs, mal so richtig am Rad drehen zu können, ohne dabei von ihren linken Freunden zurecht gewiesen zu werden.

Wenn aber Lothar Matthäus sich lächelnd mit Russlands Präsident Wladimir Putin ablichten lässt, dann schweigt das progressive Bürgertum.

Natürlich war es falsch, dass Özil sich mit Erdogan getroffen hat. Der türkische Präsident ist ein Despot, der sein Land unterdrückt, Minderheiten drangsaliert und auf freiheitliche Werte einen feuchten Kehricht gibt.

Und auch Özils Erklärung hat Schwächen. So schreibt er beispielsweise, dass er den Fototermin mit Erdogan für unpolitisch gehalten habe. Ernsthaft? Vielleicht sollte man Özil mal klar machen, dass Gruppenbilder mit führenden Politikern im Wahlkampf niemals privat sind. Schon gar nicht, wenn sie der besagte Präsident stolz weiterverbreitet.

Wir halten einen Muslim in der Nationalmannschaft offenbar nicht aus

Özils Nationalmannschaftskarriere ist auch nicht nur an dem Alltagsrassismus der Deutschen zerbrochen. Für viele Fans war der Profi vom FC Arsenal, dessen Finanzgebaren im Zuge der “Panama-Papers” zum Politikum wurde, einfach kein brauchbares Vorbild. 

Mag sein, dass er deswegen auch verhältnismäßig wenig Rückendeckung bekommen hat.

Aber über das Islam-Problem in den Köpfen der Deutschen müssen wir reden. An dieser Stelle können wir Mesut Özil dankbar sein, dass er am Ende so offen über das spricht, was er persönlich an Diskriminierung erlebt hat.

Wir sollten uns schämen: Einer der bekanntesten deutschen Nationalspieler ist ein Muslim. Und wir halten das nicht aus.

Hier könnt ihr die Erklärungen von Özil im Wortlaut lesen: 

► Erste Stellungnahme

► Zweite Stellungnahme

► Dritte Stellungnahme