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06/07/2018 17:23 CEST | Aktualisiert 08/07/2018 12:26 CEST

Warum der Erfinder des World Wide Web es jetzt wieder zerstören will

"Wir bauen ein komplettes Ökosystem auf."

Vincent West / Reuters
Tim Berners-Lee hat vor rund 30 Jahren das World Wide Web erfunden – und ist entsetzt, was daraus geworden ist.

Es ist der 6. August 1991. Ein junger britischer Informatiker namens Tim Berners-Lee veröffentlicht den Link zu dieser Webseite. Es ist die erste Webseite der Welt, die erste und damals einzige Seite des World Wide Web.

Der damals 36-Jährige sitzt in seinem Büro im europäischen Kernforschungszentrum Cern, schreibt die erste Vision eines weltweit verbundenen Informationssystems – und zunächst interessiert das fast niemanden.

Das World Wide Web ist nicht das Internet. Internet meint die Verbindung zwischen Computern – die gibt es bereits seit 1969, entstanden aus einem Projekt des US-Verteidigungsministeriums.

Das World Wide Web ist hingegen ein System bzw. eine Anwendung, die das Internet nutzt bzw. über das Internet abrufbar ist – ein System von elektronischen Hypertext-Dokumenten, sprich Webseiten. Die sind durch Hyperlinks verknüpft und werden im Internet über HTTP- oder HTTPS-Protokolle übertragen.

Seine Innovation sollte Wissenschaftlern helfen, Daten auszutauschen. Später entschied er sich, den Quellcode freizugeben und das Web so zu einer offenen und demokratischen Plattform für alle zu machen – und hat damit die Welt für immer verändert.

Er wusste, dass seine Erfindung die Welt zerstören könnte

Heute ist Berners-Lee 63 Jahre alt und vier Milliarden Menschen auf der Welt nutzen seine Erfindung – doch sie machte ihn nie reich und auch nicht so berühmt wie Microsoft-Mitgründer Bill Gates oder Facebook-Chef Mark Zuckerberg.

Er wollte nie im Rampenlicht stehen und hat nie wirklich von seiner Erfindung profitiert – aber es sich zur Lebensaufgabe gemacht, darüber zu wachen.

Ich bin am Boden zerstört. Mein Körper und mein Geist sind in einem anderen Zustand." Tim Berners-Lee

Im Jahr 2009 hat er die World Wide Web Foundation ins Leben gerufen, um die Menschenrechte in der digitalen Welt zu schützen, denn die sieht er schon lange gefährdet.  

SEBASTIAN DERUNGS via Getty Images
Mitglieder der World Wide Web Foundation stehen 2009 mit Tim Berners-Lee vor dem ersten World Wide Web Server.

Ohne Frage: Das Internet ist eine der wichtigsten Errungenschaften der Menschheit. Es hat den sekundenschnellen Austausch von Daten und Informationen und die Kommunikation von Menschen auf der ganzen Welt möglich gemacht. Das Wort Globalisierung würde ohne das World Wide Web wohl nicht existieren.

Aber Berners-Lee ist dennoch entsetzt, wie sich das Web entwickelt hat, wie es immer mehr missbraucht wird. 

In einem Interview mit der “Vanity Fair” sagt er jetzt: “Ich bin am Boden zerstört.” Wenn er an die jüngsten Missbrauchsskandale im Web denke, sagt er: “mein Körper und mein Geist sind in einem anderen Zustand”.

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Er wusste von Anfang an, dass das World Wide Web epische Kräfte freisetzen, Politik, Wirtschaft, Gesellschaften für immer grundlegend verändern könnte – und dass seine Erfindung, wenn sie in die falschen Hände geraten würde, die Welt zerstören könnte. Genauso wie das auch Robert Oppenheimer, der Erfinder der Atombombe, wusste.

Facebook und Google verschärfen Ungleichheit in der Welt

Und Berners-Lees schlimmste Befürchtungen wurden wahr: Russische Hacker haben die US-Wahl 2016 manipuliert, die Datenanalyse-Firma Cambridge Analytica hat die Daten von mehr als 80 Millionen Menschen missbraucht, Facebook 2012 die Daten von 700.000 Usern für psychologische Experimente genutzt, Fake News infiltrieren soziale Medien und das World Wide Web.

Denn das World Wide Web diene nicht mehr den einzelnen Menschen, sondern die Macht über Daten und Informationen liege bei Konzernen.

Giganten wie Facebook und Google hätten das Web nicht zu einem Werkzeug für Demokratie, sondern für die Verschärfung von Ungleichheit in der Welt gemacht, sagt Berners-Lee.

Berners-Lee sieht die Zerstörung seiner Erfindung vor sich – und will etwas Neues schaffen. “Für die Leute, die sicherstellen wollen, dass das Web der Menschheit dient, müssen wir uns darum kümmern, was die Menschen darauf aufbauen.”

Berners-Lee will mit einer neuen Plattform Konzernen die Macht entreißen 

Seit geraumer Zeit arbeitet er deshalb an einer neuen Plattform namens Solid. Mit ihr will er das Web von Konzernen zurückgewinnen, den Nutzern die Kontrolle über ihre Daten zurückgeben und das World Wide Web zu seinen demokratischen Wurzeln zurückführen. 

Die zunehmende Zentralisierung des Webs hat zu einem gigantischen Phänomen geführt, das anti-menschlich ist." Tim Berners-Lee

Das Web habe der Menschheit dienen sollen, aber das sei gescheitert und das an vielen Orten, sagt Berners-Lee der “Vanity Fair”.

“Die zunehmende Zentralisierung des Webs hat – ohne bewusstes Zutun der Erfinder – zu einem gigantischen Phänomen geführt, das anti-menschlich ist.”

Das Ziel des 63-Jährigen: Der gesamten Menschheit die volle Macht im Web geben. 

Ein komplettes Ökosystem

Allzu viel verrät Berners-Lee noch nicht über Solid, aber: 

“Im Labor arbeiten Leute, die versuchen, sich vorzustellen, wie das Web anders sein könnte. Wie die Gesellschaft im Web anders aussehen könnte.

Was könnte passieren, wenn wir den Menschen Privatsphäre gewähren und den Menschen die Kontrolle über ihre Daten geben? Wir bauen ein komplettes Ökosystem auf.”

Es ist ein ehrgeiziger Plan. Solid ist nicht das einzige Projekt ist, das das Web wieder dezentralisieren will. In Deutschland wurde mit Mastodon eine Alternative zu Twitter entwickelt, in Frankreich ist mit Peertube ein Gegenpart zu Youtube entstanden – doch wirklich durchgesetzt hat sich bislang nichts davon.

Amazon, Google und Facebook werden nicht leicht zu bezwingen sein und schon gar nicht kampflos aufgeben. Und Berners-Lee weiß, dass es viel schwerer sein wird, das Web grundlegend zu verändern, als es zu erfinden.

Jaron Lanier ist Informatiker, Unternehmer und einer der größten Netzvordenker unserer Zeit und gleichzeitig schärfster Kritiker des digitalen Kapitalismus. In seinem im Frühjahr erschienenen Buch fordert er die Menschen auf, all ihre Social-Media-Profile zu löschen.

Kai Pfaffenbach / Reuters
Jaron Lanier

Früher habe die allgemeine Ansicht geherrscht, dass ein Staat, der einmal demokratisch wurde, nicht nur demokratisch bleiben, sondern auch immer demokratischer werden würde, weil das Volk es so verlangte.

Einige von ihnen haben von Solides Versprechen gehört, und sie sind entschlossen, die Welt auf den Kopf zu stellen." Tim Berners-Lee

Doch: “Leider ist das nicht mehr der Fall, und zwar erst seit Kurzem. Etwas entfremdet junge Menschen von der Demokratie. Trotz all des hoffnungsvollen Eigenlobs der Social-Media-Unternehmen scheint es so, als ob durch die Schwächung der Demokratie auch das Internet hässlich und betrügerisch geworden ist.” 

Der Erfinder des WWW könnte den Menschen die Macht über ihre Daten zurückgeben

Die verdeckte Manipulation in sozialen Medien wie Facebook und Google hält er für ein perverses Geschäftsmodell.

Eine Machtdynamik, die auch Berners-Lee fürchtet. Doch wenn seine Vision funktioniert, könnte sie diese Dynamik des Internets radikal verändern. Mit der Plattform hätten Nutzer wieder Zugriff auf und Kontrolle über Inhalte und Daten, die sie generieren.

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Der Code und die Technologie von Solid stehen jedem offen. Jeder, der Zugang zum Internet hat, kann in seinen Chat-Room kommen und mit der Programmierung beginnen.

“Einige von ihnen haben von Solides Versprechen gehört, und sie sind entschlossen, die Welt auf den Kopf zu stellen”, sagt Berners-Lee.  

Er ist keine Revolutionsfüher, aber vielleicht ist der Erfinder des World Wide Web der Einzige, der den Menschen wieder die Macht über sich selbst im Internet zurückgeben kann.

(sk)