WIRTSCHAFT
02/06/2018 21:02 CEST | Aktualisiert 02/06/2018 21:02 CEST

Facebook, Google, Amazon: Wie es ist, eine Maschine als Chef zu haben

Manche Angestellte haben keinen Kontakt mehr zu menschlichen Kollegen.

Tom McCarten

Shari Forrest hilft Robotern, die Welt um sich herum zu verstehen.

Aber Forrest ist keine Expertin für künstliche Intelligenz, die im Silicon Valley für einen Millionen-Bonus schuftet. Sie ist eine 55 Jahre alte Freiberuflerin und lebt in einer kleinen Stadt in Missouri.

Tagsüber schreibt sie Rechtschreiblernbücher für Kinder, in ihrer Freizeit arbeitet sie für ein paar Pennies an unserer autonomen Zukunft mit.

Forrest arbeitet für Mighty AI. Das Unternehmen setzt Menschen ein, um Robotersystemen das Fahren beizubringen. Forrest ist praktisch das “Gehirn” im selbstfahrenden Auto.

Dazu interpretiert sie Bilder und Videos, skizziert und beschriftet mühevoll Fahrzeuge, Menschen, Radfahrer, Verkehrsschilder und Bäume mit der Computermaus oder auf einem Smartphone mit dem Finger.

“Anfangs zögerte ich. Sollte ich das wirklich machen – für gerade mal ein paar Cent?”, erzählt sie.

“Aber dann dachte ich, wenn ich eine Pause von der Arbeit brauche und mich ein wenig entspannen will, kann ich das schon machen. Mal sehen, was das bringt.”

Digitalisierung und Automatisierung verändern unsere Arbeitswelt – nicht nur zum Guten

Ein Jahr später hatte Forrest damit insgesamt gerade einmal 307 Dollar verdient: “An manchen Tagen frage ich mich, wie viel Geld sie mit uns machen”, sagt sie. “Und dann gibt es Tage, an denen ich Spaß habe und etwas Taschengeld verdiene – reich macht das nicht.”

Forrest gehört zu der Gruppe neuer digitaler Arbeitskräfte, die mit und für künstliche Intelligenz (KI) ihren Lebensunterhalt oder ein Zubrot verdient.

Mehr zum Thema: Dieser Chef kürzte vor 3 Jahren sein Gehalt, damit seine Mitarbeiter mehr bekommen – so hat es ihr Leben verändert

Millionen Menschen sind bereits Crowdworker: Sie arbeiten auf Online-Marktplätzen von Mighty AI, Amazon Mechanical Turk oder Figure Eight. Und die Arbeitsplätze von vielen Millionen mehr sind beeinflusst von Automatisierung und künstlicher Intelligenz.

Die Gefahr, dass Roboter in Zukunft unsere Jobs stehlen, ist groß.

Bloomberg via Getty Images
Die Webseite von Amazon Mechanical Turk

Doch viel mehr muss uns sorgen, dass Automatisierung und Digitalisierung unsere Arbeitswelt bereits jetzt massiv verändern. Und zwar nicht nur zum Besseren.

Nach einer von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Auftrag gegebenen Studie ist wohl die Hälfte aller Arbeitsplätze erheblich von Automatisierung betroffen.

Wenn eine Stelle abgebaut wird, verändert sich dadurch die Arbeit von gleich zwei Angestellten, wie Forschungen ergaben.

Die Roboter-Revolution könnte zahlreiche Menschen ihren Job kosten

Neue Technologien haben schon immer wieder Beschäftigungsmuster verändert, Arbeitsplätze zerstört und neue geschaffen.

Die industrielle Revolution, die hat Handwerksbetriebe dezimiert, aber Fabrikarbeit geschaffen. Oder der Verbrennungsmotor: Er hat den Einsatz von Tieren für den Transport mehr oder weniger beendet, obwohl zusätzlich das Berufsbild des Fahrers entstand.

Die kommende Roboter-Revolution könnte die Beschäftigungszahlen allerdings radikal reduzieren.

Zum Beispiel selbstfahrende Autos: Der Branchenführer Waymo, eine Schwesterfirma von Google, wurde auf 40 bis 140 Milliarden Dollar geschätzt – mehr als die Ford Motor Company.

Ford beschäftigt über 200.000 Arbeiter, viele davon in anständigen, gewerkschaftlich organisierten Arbeitsverhältnissen. Waymo hat weniger als 1000 Vollzeitmitarbeiter.

Mehr zum Thema: “Wie mein Laptop dafür sorgte, dass aus drei Monaten Weltreise neun wurden”

In der Branche sind natürlich viele hochbezahlte KI- und Robotik-Experten angestellt. Aber ein Großteil der Daten, die die die Firmen nutzen, stammt von Menschen, die weltweit an ihren Rechnern sitzen oder in computergesteuerten Autos durch die Städte fahren. Sie alle haben wenig Arbeitsplatzsicherheit.

Die Herrschaft der Algorithmen

Ähnlich verhält es sich mit Content-Plattformen wie Facebook und Instagram: Sie verfügen über Systeme, die automatisch nach Hassreden oder sexistischen Bildern suchen, aber jemand muss diese Systeme trainieren und im Grenzfall entscheiden.

Einige dieser Menschen sind freischaffende Crowdworker. Andere arbeiten für Sub-Unternehmen, die die Aufgaben nach Indien und anderswohin auslagern.

Aufgrund der Datenmassen, mit denen die Menschen arbeiten – Millionen von Straßen und Milliarden von Social-Media-Posts – sind viele Beschäftigte in der neuen digitalen Wirtschaft eher der Herrschaft der Algorithmen ausgeliefert als einem menschlichen Chef.

Selten sind sie geschützt, wenn etwas schiefgeht.

“Die Belegschaft von Mechanical Turk wechselt kontinuierlich”, sagt Michael Bernstein, Privatdozent für Informatik an der Stanford University in Kalifornien.

“Ständig kommen neue Leute. Selbst wenn eine Gruppe von Arbeitern sagt: ‘Wir wollen nicht mehr und hören auf’, werden die anderen weiterarbeiten. Den Beschäftigten in den USA gefällt es nicht, die indischen Arbeiter haben aber nichts dagegen.”

Bei Uber ist jeder Fahrer von Algorithmen abhängig 

Bernstein versuchte 2014, die Crowdworker in einer Interessenvertretung namens Dynamo zu organisieren, aber Amazon ging erfolgreich dagegen vor.

Eine ähnliche Problematik gibt es in einem weiteren wachsenden Arbeitsbereich, in dem künstliche Intelligenz komplexe Systeme verwaltet und überwacht: im so genannten Ride Hailing, das Uber praktiziert.

Jeder Uber-Fahrer ist von den Algorithmen des Unternehmens abhängig. Fahrer, die zu viele Fahrten ablehnen oder absagen, werden aus der App ausgeschlossen. Oder ihr Konto wird deaktiviert.

Mlenny via Getty Images
Bei Uber ist jeder Fahrer von Algorithmen abhängig.

Die Bemühungen von Uber- und Lyft-Fahrern in Seattle, sich gewerkschaftlich zu organisieren, werden von der US-Handelskammer angefochten – Uber und Lyft sind dort Mitglied. Die Begründung: Es laufe den Bundeskartellregeln zuwider, wenn Fahrer über ihre Bezahlung verhandeln dürfen.

“Kartellgesetze wurden eingeführt, um den kleinen Mann vor monopolistischen Praktiken der Großkonzerne zu schützen – nicht um ein Unternehmen wie Uber, das auf über 70 Milliarden Dollar geschätzt wird, vor Verhandlungen mit seinen Mitarbeitern über gerechte Bezahlung und Arbeitsbedingungen zu bewahren“, sagt der Uber- und Lyft-Fahrer Don Creery.

Kein direkter Kontakt zu Kollegen oder Managern

Was alle Auftragsarbeiten der digitalen Wirtschaft – auch Gig genannt – charakterisiert ist, dass Arbeiter niemals direkten Kontakt zu menschlichen Kollegen oder Managern haben. Stattdessen müssen sie Algorithmen gerecht werden.

“Es ist frustrierend ist, wie die Aufgaben verteilt werden“, sagt Forrest. “Die Plattform zeigt, dass ein Auftrag verfügbar ist. Und wenn du draufklickst, heißt es auf einmal, dass es keine weiteren Aufträge gibt. Es klicken einfach so viele Menschen gleichzeitig.” 

Mehr zum Thema: Was macht einen guten Digital Leader aus? - Top-Experten antworten

Forrest wird wegen ihrer Auffassungsgabe und Geschicklichkeit geschätzt. Doch die digitalen Systeme der Crowdwork lassen wenig Raum für menschliche Kreativität oder Mehrdeutigkeit. Was sie den Maschinen liefert, muss möglichst einfach sein.

Dass zunehmend Roboter in digitalen Systemen eingesetzt werden, hat inzwischen direkte Auswirkungen auf die physische Arbeitswelt.

Roboter können kreativen Freiraum für die menschliche Arbeitskräfte schaffen

Im Januar ließ sich Amazon Armbänder patentieren, die den Standort von Mitarbeitern in den riesigen Lagerhallen des Unternehmens bestimmen können. Wenn ein Mitarbeiter einen falschen Artikel zum Verpacken auswählt, summt es.

Unsere automatisierte Zukunft bedeutet allerdings nicht für jeden digitale Akkordarbeit.

Es gibt auch Arbeitnehmer, denen Roboter die alltägliche Arbeit abnehmen, so dass sie sich auf anspruchsvollere oder angenehmere Aufgaben konzentrieren können.

Leo Tsurankou arbeitet wie Shari Forrest mit hochautomatisierten Autos – aber am anderen Ende der Algorithmus-Pipeline. Er übernimmt, wenn die Software versagt, die Forrest oder jemand anderes trainiert hat.

Tsurankou sitzt jedoch nicht im Auto, sondern in einem bequemen Schreibtischstuhl im Bürogebäude von Phantom Auto, einem Startup im Silicon Valley. Phantom hat ein ferngesteuertes System entwickelt, mit dem die Fahrer in der Zentrale ein Hunderte Kilometer entferntes Fahrzeug bedienen.

Das funktioniert über Mobilfunk und mithilfe von Monitoren, einem simulierten Lenkrad und einem Game-Controller.

Tsurankou war früher Testfahrer für Ubers selbstfahrende Fahrzeuge und weiß seine jetzige Arbeit zu schätzen: “Ich bevorzuge den Komfort eines Büros, wo ich mehr Sozialkontakte habe. Wenn ich eine Pause brauche, kann ich jemanden bitten mich abzulösen.”

Automatisierung bedroht die Arbeitsplätze von gering Qualifizierten

Obwohl Tsurankou nur ein Fahrzeug auf einmal steuert, rechnet Phantom damit, dass ein einzelner Mensch eines Tages fünf oder mehr automatisierte Fahrzeuge beaufsichtigen kann.

Der Fahrer würde nur in kniffligen Situationen übernehmen. Jeder Operator aus der Ferne könnte dann zur Folge haben, dass vier der heutigen Fahrer ihren Job verlieren.

Tatsächlich sagt der OECD-Bericht voraus, dass Robotik und künstliche Intelligenz mehr gering qualifizierte Arbeitsplätze gefährden als es je zuvor bei technischem Fortschritt der Fall war.

Mehr zum ThemaUS-Professorin: Wenn wir mehr Frauen in der Wirtschaft hätten, wäre die Welt sozialer

Von wenigen Ausnahmen abgesehen – etwa in der Pflege – bedroht die Automatisierung am stärksten die Arbeitsplätze, die die geringste Ausbildung erfordern.

Insofern wird in naher Zukunft gerade von den Menschen, die am wenigsten für die Arbeit mit und für Algorithmen und Roboter gerüstet sind, erwartet werden, dass sie damit umgehen können.

Die Firma Uber steht für das Teilen von Dienstleistungen und die Gig Economy. Ihre größte Auswirkung auf die Gesellschaft könnte allerdings sein, dass der Chef auf der Serverfarm statt im Eckbüro zur Normalität wird. Und dass alles, was einem Karriereweg ähnelt, verschwindet.

Der Text ist zuerst bei der HuffPost US erschienen und wurde von Sandra Tjong aus dem Englischen übersetzt.

(ujo)