POLITIK
09/08/2018 22:32 CEST | Aktualisiert 10/08/2018 12:32 CEST

Warum Berlin so schnell wie möglich wie München werden sollte

Berlin ist nicht cool. Berlin ist funktionsunfähig.

Michael Zwahlen / EyeEm via Getty Images
Das Brandenburger Tor im Herzen Berlins

Für die einen ist ein Ort der Sehnsucht. Für die anderen ein Jammertal: An kaum etwas scheiden sich die Geister in Deutschland so sehr wie an der Hauptstadt – Berlin.

Auch bei ihren Bewohnern.

Eine Umfrage der “Berliner Zeitung” belegt jüngst das Phänomen: Nur 70 Prozent der Berliner fühlen sich wohl in ihrer Stadt. Zum Vergleich: In Hamburg sind es 89 Prozent. In Köln, Düsseldorf und Frankfurt sind über 80 Prozent glücklich.

Erträglich wirken die Zustände vor allem den Alteingesessenen: 76 Prozent der in Berlin geborenen haben laut der Umfrage ein positives Verhältnis zur Stadt.

Bösartig könnte man fragen: Weil sie sich an den alltäglichen Irrsinn gewohnt haben und abgestumpft sind?

Von den nach 1999 zugezogenen würde fast jeder Zweite (44 Prozent) lieber wegziehen.

Besonders erstaunlicher Aspekt der Umfrage: Obwohl Berlin als Party-Hauptstadt und Anziehungspunkt für jüngere Publikum gilt, fühlen sich bei den 18- bis 29-jährigen nur unterdurchschnittliche 64 Prozent wohl – bei den Rentnern sind dagegen 80 Prozent glücklich an der Spree.

“Berlin wird immer mehr wie München – es wird die Stadt töten”, kommentierte Sebastian Christ die Umfrage hier in der HuffPost. Ich finde: Das Gegenteil ist der Fall.

München Zwei

Die Gefahr, die Berlin wirklich droht, ist, dass sie NICHT wie München wird. Berlin sollte möglichst schnell wie die bayerische Landeshauptstadt werden. Zumindest ein wenig – was die Arbeitsfähigkeit von Stadtregierung, Verwaltung und Behörden angeht. In München funktionieren die.

Die Hauptstadt an der Spree dagegen ist auf dem Weg zum „failed state“ – zum gescheiterten (Stadt-)Staat.

Die Hauptstadt an der Spree dagegen ist auf dem Weg zum „failed state“ – zum gescheiterten (Stadt-)Staat.

Christ sagt wegen der steigenden Lebenshaltungskosten eine „Münchner Entwicklung“ Berlins voraus: Einen Wegzug der Jungen, Kreativen, Alternativen – denen das Geld fehlt für die steigenden Lebenshaltungskosten.

Erst wenn Berlin „eines Tages zur Schlafstadt für den älteren und reicheren Teil der Bevölkerung geworden“ sei, werde man „merken, dass man sich ein positives Lebensgefühl nicht kaufen kann“, so die Warnung des Kollegen.

Ganz abgesehen davon, dass ein positives Lebensgefühl keine Altersfrage ist und für reifere Jahrgänge einfach anders aussehen mag als für Jüngere: Schon heute gibt es Stadtteile, in denen eher Ältere das Bild prägen – etwa das bürgerliche Charlottenburg.

So ist auch die relativ hohe Zufriedenheit der Älteren zu erklären. Viele hätten bei der Umfrage sicher ganz anders geantwortet, wenn sie in Friedrichshain ansässig wären. Schon allein wegen des Partylärms.

Karl Johaentges / LOOK-foto via Getty Images
Eine Dachparty in Prenzlauer Berg – mit Blick auf den Fernsehturm

Berlin setzt vor allem auf Party und Schöndenken

Tatsächlich steigen die vor einigen Jahren noch niedrigen Mieten an der Spree inzwischen in spektakuläre Höhen. Diese Entwicklung ist dramatisch und ein massives Problem.

Aber leider nicht nur in Berlin.

In der Hauptstadt ist das Phänomen aber kaum in den Griff zu bekommen – mit einer Stadtregierung, die vor allem auf Party, Wegsehen und Schöndenken zu setzen scheint.

Berlin muss endlich aufhören, sein Versagen als Errungenschaft zu feiern.

Berlin muss endlich aufhören, sein Versagen als Errungenschaft zu feiern.

Die Stadtregierung muss wie in München konkrete Probleme in Angriff nehmen und pragmatisch sein, statt Wolkenschlösser zu bauen.

Würde die Stadtregierung aus ihrem Elfenbeinturm herabsteigen und ihre rosa Brille abnehmen, könnte sie genügend tun, um die Fehler von München zu vermeiden.

Denn Berlin hat zumindest auf absehbare Zeit eine Art Kasko-Versicherung gegen eine Entwicklung wie in München: Die Wirtschaft ist abseits der aktuellen Blase auf dem Immobilien-Markt für einen nachhaltigen Anstieg von Mieten und Lebenshaltungskosten viel zu schwach.  

Natürlich hat Berlin auch seine guten, unwiderstehlichen Seiten.

Für mich ganz persönlich ist das unter anderem die Tatsache, dass hier so viele Russen und Ukrainer leben. Und man sich in bestimmten Kiezen ein wenig wie in Moskau fühlen kann.

Iain Masterton via Getty Images
Fast wie in Moskau – die Frankfurter Allee. Die als „Arbeiterpaläste“ konzipierten Wohnblocks sollten die Stärke und Ingenieurskunst der DDR repräsentieren.

Back to the roots

Nachdem ich 16 Jahre in der russischen Hauptstadt gelebt habe, war Berlin für mich der ideale Ort zur „Resozialisierung“: Eine Mischung aus Post-Sozialismus und Westen.

Von der Unfreundlichkeit im Service und der Bürokratie auf den Ämtern über die Schwierigkeiten, Handwerker zu finden und deren demonstrativ zur Schau getragenen Unmut bis hin zur Aggression im Alltag (vor allem im Verkehr) bis hin zum Pfeifen auf Regeln aus Prinzip: Vieles an der Spree erinnert an Moskau.

Wenn auch nicht alles: Zwischen der Stadtreinigung in der deutschen und russischen Hauptstadt liegen inzwischen Welten – Moskau ist herausgeputzt.

Auch die Straßen sind in Moskau in einem besseren Zustand.

Und die Sicherheitskräfte an der Moskwa langen zwar auch bei Unschuldigen hart zu. Aber der Nebeneffekt ist, dass man sich auch mitten in der Nacht auf den Straßen sehr sicher fühlt.

In Moskau habe ich die Polizei gefürchtet. In Bayern hatte ich Respekt vor ihr.

Und in Berlin erwische ich mich immer wieder bei den Gedanken, wie ich Beamten, die jenseits der Pensionsgrenze zu sein scheinen, aus Mitgefühl am liebsten über die Straße helfen oder ein paar Euro zustecken würde.

Sieben Beispiele:

Die Ausfallrate bei den Polizisten liegt in Berlin bei rund 15 Prozent.

► Erst vor Kurzen war ich bei einer Zeugenbefragung. Die Beamten arbeiten seit Jahren in Containern.

► Die Polizeiakademie kam wegen angeblicher Missstände in die Schlagzeilen; von Respekt- und Disziplinlosigkeit war die Rede, sowie von mangelnde Deutschkenntnisse. Von drei Polizeischülern haben zwei im Diktat die Note 6.

► Die Justiz ist hoffnungslos überlastet. Ein Hilferuf der Präsidentin des Berliner Landgerichts stieß bei der Regierung auf taube Ohren. „Wir sind am Ende, wir können nicht mehr“ – so die Klage aus der Staatsanwaltschaft.

► Im Landeskriminalamt, das sich nur um schwere Straftaten kümmert, sind allein von 2017 55.000 Ermittlungsverfahren unbearbeitet liegen geblieben. Der Grund: zu hohe Arbeitsbelastung. (

► DHL hat zeitweise in drei Problemkiezen die Expresszustellung eingestellt – aus Sicherheitsgründen .

► Im Görlitzer Park ist der Drogenhandel quasi legalisiert. Die Polizei schaut weg

aluxum via Getty Images
Der Görlitzer Park im Stadtteil Kreuzberg

“Alles Absicht”

Dafür kontrollieren die Behörden, ob Eltern in ihrer Not nicht einen falschen Wohnsitz anmelden, um eine halbwegs erträgliche Grundschule für ihre Kinder zu finden.

Erfahrene Lehrer raten inzwischen nachdringlich, Kinder auf private Schulen zu schicken – weil viele der staatlichen kollabieren. Auch buchstäblich – es fehlen Milliarden für die Instandhaltung und Infrastruktur

Für Behördengänge wartet man ewig auf Termine – selbst wenn es nur um einen neuen Pass geht. Die Stadtregierung sieht sich bei dem Problem auf „einem guten Weg“ – dabei beträgt die Wartezeit in der Regel immer noch mehrere Wochen.

Legendär sind die Pannen beim Bau des Berliner Flughafens. Der soll nun statt wie geplant 2012 im Jahr 2020 eröffnet werden. „Bauruine BER – ein Lexikon des Wahnsinns“ – titelte die Welt.

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) münzen in ihrer Reklame inzwischen ihre Probleme einfach in Errungenschaft um – “Alles Absicht”:

Viele finden das lustig. Ich komme mir veräppelt vor. Fürs Lachen sind nicht Bus und Bahn zuständig. Der BVG-Werbesong „Ist mir egal“ ist inzwischen zur inoffiziellen Hymne der Stadt geworden.

Berlins Flughafen Tegel ist wohl der einzige auf der Welt, in der die Beförderung von Gepäck zu den Passagieren regelmäßig länger dauert als manche Flüge.

Auch hier scheint das Motto der Stadtregierung: „Ist mir egal“.

Die Aufzählung des Versagens ließe sich schier endlos fortsetzen.

Der Reiz des Chaos

Das Chaos in Berlin macht für manchen Westler wohl genau den Reiz der Stadt aus: die Flucht aus der vermeintlichen Spießigkeit. Mit den Jahren ist das vermeintlich Chaos aber vor allem eins: nervenaufreibend. Und zermürbend.

Berlin ist nicht cool. Berlin ist funktionsunfähig.

Berlin ist nicht cool. Berlin ist funktionsunfähig.

Und zunehmend amerikanisiert. Sicherheit und Bildung wird zur Privatsache. Es gibt No-Go-Areas. Rechtsfreie Räume.

Wohnungsnot und Miet-Albtraum hin oder her – das Tempelhofer Feld darf nicht bebaut werden.

Und den Volksentscheid, in dem sich eine Mehrheit der Berliner für den Weiterbetrieb des Flughafens Tegel aussprach, ignoriert die Stadtregierung einfach. Obwohl der Flughafen-Neubau, wenn er jemals fertig werden sollte, schon heute viel zu klein wäre.

An keinem anderen Ort in Deutschland klaffen Realität und Anspruch so weit auseinander wie in Berlin.

Berlin ist Utopia.

Ein Traumschiff.

Die Stadt des und der Guten.

Auf dem Papier.

Finanziert und überlebensfähig ist Berlin nur dank der Finanztransfers aus anderen Bundesländern. Allen voran BayernDie Steuerzahler dort müssen teuer für ihre Kindergärten bezahlen – in Berlin sind sie kostenfrei.

Eine tolle Sache. Solange die Bayern dafür bezahlen. Und man sich in Berlin auch noch über sie lustig machen kann. Etwa über das „spießige München.“ Dabei sind es die Spießer in München, die die Party in Berlin finanzieren. Auf fremde Kosten lässt sich schön feiern. Es ist Zeit, dass die Hauptstadt lernt, auf eigenen Füßen zu stehen.

Berlin muss erwachsen werden.

(mf)