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23/06/2018 21:09 CEST | Aktualisiert 23/06/2018 21:09 CEST

Waldsterben: Wie ein Projekt aus Münster unsere Natur retten will

Dem deutschen Wald geht es nicht gut, und mit dem Klimawandel wird es noch schlimmer. Deswegen müssen wir jetzt anfangen, unsere Wälder für ihre Zukunft vorzubereiten.

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Dem deutschen Wald geht es nicht gut, und mit dem Klimawandel wird es noch schlimmer.

Die Äste knacken unter deinen Füßen, die Vögel singen in den Zweigen. Du kickst einen Tannenzapfen den Waldweg hinunter. Die Luft riecht nach Harz und ein bisschen nach dem Pferd vom Reitweg in der Nähe.

Hast du einen bestimmten Wald vor Augen? Dann präge ihn dir gut ein, er wird nicht mehr lange so aussehen.

Denn dem deutschen Wald geht es nicht gut, und mit dem Klimawandel wird es noch schlimmer. Deswegen müssen wir jetzt anfangen, unsere Wälder für ihre Zukunft vorzubereiten.

Schließlich ist der Wald viel mehr als nur Rohstofflieferant oder die Kulisse für den Sonntagsspaziergang.

Darum leidet der Wald

Weißt du eigentlich, was der deutsche Wald alles leistet?

Auch wenn Stadtbewohner ihn nicht sehen können, ist der Wald für jeden von uns wichtig: Er speichert CO2 und erzeugt den Sauerstoff für gute Luft, reinigt das Grundwasser auf Trinkqualität, kühlt das Land bei Hitzewellen und bietet vielen Pflanzen sowie Tierarten einen Lebensraum.

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Keine Frage, der Wald ist ein zentrales Puzzlestück im Ökosystem. Doch wir behandeln unseren Wald heute oft so, als diene er nur einem einzigen Zweck: als Holzquelle. Förster Jörn Stanke vom Landesbetrieb Wald und Holz NRW kennt das Phänomen nur zu genau.

“Bei vielen Waldbesitzern ist das Motto: Der Wald muss sauber sein. Das bedeutet wenig Totholz und Bäume, die alle in Reih und Glied wachsen. Der Wald ist aber viel wertvoller, wenn er nicht sauber und ordentlich ist.” – Jörn Stanke, Förster beim Landesbetrieb Wald und Holz NRW

Im Wald ziehen wir Bäume in Massen groß, um sie anschließend als Rohstoff zu verarbeiten. Diese Struktur hat den Wald grundlegend verändert – und das wird vor allem in Zeiten des Klimawandels schwierig.

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Jörn Stanke erklärt die 4 großen Probleme, an denen der Wald heute krankt:

► 1. Der Wald ist zu jung: Bäume werden heute in großer Zahl gleichzeitig gepflanzt und gemeinsam abgeholzt, sobald sie den richtigen Durchmesser für die Verarbeitung haben.

Werden die Bäume gefällt, sind sie in der Regel wesentlich weniger alt, als sie werden können. Und damit hatten sie noch keine Chance, ein ausreichend großes Wurzelnetzwerk auszubilden.

Über dieses versorgen sich Bäume mit Nährstoffen und warnen einander vor Angriffen von Schädlingen. Ohne diese Netzwerke ist der deutsche Wald anfälliger für Veränderungen im Nährstoffkreislauf und für Krankheiten.

► 2. Es fehlt totes Holz: Der Abtransport zum Sägewerk unterbricht die natürlichen Lebensphasen der Bäume. Totes Holz findet man nur noch selten in deutschen Wäldern.

Doch gerade das wäre wichtig für Insekten, die ihre Eier gerne unter die Rinde der Baumkadaver legen. Sie wären normalerweise ein guter Schutz gegen gefräßige Feinde des Waldes wie den Borkenkäfer.

► 3. Der Wald ist zu gleichförmig: Wenn in einem Wald gleichmäßig Bäume einer Art und Höhe stehen, ist es einfacher, ihn zu bewirtschaften.

Doch solche Baumplantagen sind viel anfälliger für Stürme. Die Baumkronen auf gleicher Höhe können den Wind nicht effektiv ablenken.

► 4. Es werden die falschen Baumarten gepflanzt: Heute nehmen Fichten und Kiefern 50 Prozent der gesamten Waldfläche ein – sie wachsen schnell, gerade und lassen sich gut zu Holz verarbeiten.

Ursprünglich deutsche Baumarten wie Buchen und Eichen machen nur noch 25 Prozent der Fläche aus. An den Lebensraum hierzulande sind Fichten und Kiefern aber nicht angepasst: Sie verlieren im Winter ihre Nadeln nicht.

Das macht sie angreifbarer für Stürme, da der Wind gegen die Nadeln drückt. Ihre flachen Wurzeln können sich nur schlecht im Boden festhalten und kommen bei Trockenheit im Sommer nicht mehr an das tiefer im Boden gespeicherte Wasser.

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Wir behandeln unseren Wald heute oft so, als diene er nur einem einzigen Zweck: als Holzquelle.

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Was für die Holzindustrie von Vorteil ist, schadet dem deutschen Wald – oder sollte man mittlerweile besser von einer Plantage sprechen?

Nun steht er jedenfalls vor seiner größten Herausforderung: den Auswirkungen der menschengemachten Erderwärmung. Und die kann auch deinen Wald das Leben kosten.

Diese Probleme kommen auf den Wald zusätzlich noch zu

Der Klimawandel ist längst in Deutschland angekommen. In den vergangenen Jahrzehnten ist zum Beispiel die Durchschnittstemperatur in Nordrhein-Westfalen schon um 1 Grad Celsius gestiegen.

Das ist aber erst der Anfang, denn die Erderwärmung bringt Veränderungen für alle Elemente:

  • Waldbrände: Durch höhere Temperaturen und stärkere Trockenheit werden Waldbrände wahrscheinlicher. Da kann schon eine weggeschnippte Zigarette oder ein Funke vom Grill einen Wald entzünden – vor allem Plantagen aus Nadelhölzern. Sie brennen viel schneller als Laubbäume.

  • Heftigere Stürme: Statistische Berechnungen zur Erderwärmung zeigen, dass Stürme häufiger und heftiger werden. Diese entwurzeln dann noch mehr junge Nadelbäume, die sich nur mit flachen Wurzeln im Boden halten können.

  • Unfruchtbare Böden: Durch die Erderwärmung werden die Waldböden wärmer, was dazu führt, dass Humus schneller abgebaut wird. Das macht die Böden unfruchtbarer, da Humus viele Nährstoffe und Wasser speichert. Die wichtigen Lebensgrundlagen für Pflanzen werden also knapper.

  • Weniger Wasser: Auch das Verhältnis von Niederschlag und der Verdunstung – die klimatische Wasserbilanz – verändert sich. In Zukunft gibt es nicht unbedingt weniger Regen, aber durch die höheren Temperaturen verdunstet mehr Wasser, das den Bäumen vor allem im Sommer und Frühling fehlt – also in den Jahreszeiten, in denen sie wachsen.

Die so geschwächten Bäume sind ein gefundenes Fressen für ihre Erzfeinde: die Insekten.

Insekten haben vor allem eine Chance, sich massenhaft auszubreiten, wenn es den Bäumen nicht gut geht." – Jörn Stanke

Gesunde Bäume schütteln solche Plagen ab oder bilden Abwehrmechanismen aus. Wälder jedoch, die bereits durch ihren Aufbau und den Klimawandel stark gestresst sind, verlieren schnell den Kampf.

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Und ihre Feinde – schädliche Insekten – profitieren noch von der Erderwärmung, wie der Landschaftsökologe Michael Elmer vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) Münsterland erklärt:

“Wir wissen, dass Insekten temperaturgesteuert sind. Durch die höheren Temperaturen können sie sich schneller entwickeln. Dabei kommt es dazu, dass einige Arten nicht nur eine Generation pro Jahr ausbilden, sondern 2.”

Die Bäume können darauf nicht reagieren und sterben reihenweise ab.

Die Zukunft des deutschen Waldes sieht düster aus. Eine schnelle Lösung kann es nicht geben, denn Bäume wachsen nur langsam. Doch die Natur besitzt auch ein enormes Anpassungspotenzial:

“Wir verändern sehr schnell die Rahmenbedingungen für die Wälder. Ich nehme an, dass Wälder sich sehr gut an Veränderungen anpassen können, aber wir fordern sie sehr mit unserem Tempo.” – Michael Elmer, Landschaftsökologe von ‘Fit für den Klimawandel’

Wie also lässt sich auch dein Wald unterstützen, sodass er besser auf den Klimawandel vorbereitet ist? Ein Projekt aus dem Münsterland macht es vor. 

Der Wald der Zukunft wächst im Süden von Münster

Fit für den Klimawandel ist der Name eines Projektes, das vom NABU Münsterland unterstützt und vom Bund mit Mitteln des Waldklimafonds gefördert wird.

Sein Ziel: Die Wälder im Süden Münsters zu stärken, damit sie sich an die Klimaveränderungen anpassen können.

Dabei steht es vor einer besonderen Herausforderung, denn die Böden vor Ort sind sehr sumpfig. Entwässerungsgräben leiten das Wasser ab und ermöglichten, dass dort überhaupt erst Bäume wachsen konnten.

Doch genau diese werden mit der Erderwärmung zu einem neuen Problem: Die Fichten kommen im Sommer mit ihren flachen Wurzeln nicht mehr an genug Wasser, da die Gräben zu viel davon ableiten.

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Das Projekt “Fit für den Klimawandel” hat das Problem erkannt und schließt die Entwässerungsgräben in ausgewählten Bereichen, um den Bäumen während ihrer Wachstumszeit ihr Wasser zurückzugeben.

Doch das ist nur der Anfang. Landschaftsökologe Michael Elmer skizziert, wie die Wälder der Zukunft aussehen müssen:

Wir müssen die Baumarten auswählen, von denen wir wissen, dass sie auf ihren Standorten klarkommen. Das sind zunächst einmal die heimischen und standortgerechten Baumarten." – Michael Elmer

Vorbild dafür sind andere Waldumbau-Projekte in ganz Deutschland, etwa das Programm LÖWE aus Niedersachsen. Innerhalb von 15 Jahren verdoppelte es die Zahl der Laubbäume.

Doch Michael Elmer will den Wald im Süden von Münster noch weiter umbauen und denkt auch an die Zusammensetzung der Wälder – frei nach dem Motto: Unser Wald muss vielschichtiger werden.

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Denn Baumkronen in unterschiedlichen Stufen schaffen Windverwirbelungen, die Stürmen ihre Kraft nehmen. Die Bäume dazu will er nicht alle aus Baumschulen holen – wie es andernorts die Regel ist – , sondern wachsen lassen. “Naturverjüngung” nennen das die Förster.

Das spart den Bäumen unnötigen Transport, der die Wurzeln schädigen kann. Neue Bäume entstehen stattdessen aus den Früchten der alten Bäume, um den Bestand aufzubessern.

So sind ihre Wurzeln gesünder sowie stabiler und halten die Bäume fest im sumpfigen Boden.

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Rettet die Wälder!

Auch an totes Holz als Lebensraum denkt “Fit für den Klimawandel” und baut sogenannte “Totholz-Inseln” auf, also kleine Waldgebiete, die vollständig sich selbst überlassen werden.

Die Bäume werden mit Aluminiumplättchen gekennzeichnet und dürfen dann zu ihrer eigenen Zeit auf natürliche Weise zerfallen.

Die dort lebenden Insekten und Nützlinge schützen den Wald vor Plagen und leisten gleichzeitig einen wichtigen Beitrag gegen das Insektensterben.

Wir brauchen Wälder ohne forstliche Nutzung, da diese uns helfen, zu sehen, wie sich Wälder natürlicherweise entwickeln und wie sie auf Veränderungen reagieren." – Michael Elmer

Auch Michael Elmer ist klar, dass sich unsere Wälder in Zukunft weiter verändern werden, so oder so.

In welche Richtung es mit ihnen geht, haben wir noch in der Hand – und damit die Möglichkeit, viele neue Erinnerungen an den Lieblingswald entstehen zu lassen.

Dieser Artikel ist zuerst bei Perspective Daily erschienen.