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08/09/2018 19:29 CEST | Aktualisiert 09/09/2018 07:04 CEST

In Australien spielt sich eine schleichende Katastrophe ab – Touristen könnten sie stoppen

Aber Fürsprecher meinen, es sei noch zu früh, dass Riff komplett abzuschreiben.

Ho New / Reuters

So sollte es nicht aussehen”, murmelt John Rumney, als er aus dem Ozean kommt.

Wir hatten gerade zum ersten Mal das Great-Barrier-Riff gesehen. Ein 1400 Meilen langer Koloss aus Korallen, vor der Küste von Queensland im Nordosten Australiens.

Ein Riff so groß wie Japan

Das Riff deckt einen Bereich ab, der ungefähr die Größe von Japan hat. Es beherbergt eine Fülle von Tieren, darunter mehr als 1500 Fischarten. Sechs der sieben weltweit bedrohten Arten von Meeresschildkröten und mindestens 30 Arten von Säugetieren leben hier.

Rumney ist Reiseleiter und Fischer und arbeitet seit den 1970ern in diesem Gebiet. Er hat das Great Barrier Riff schon unzählige Male gesehen. So oft, dass er sich selbst mehr als Bewohner des Riffs denn als Bewohner Australiens sieht.

Wer sein Gesicht unter Wasser hält, hat sofort einen majestätischen Ausblick: türkisfarbene Papageifische, gelbe Korallenbrocken, schillernde Riesenmuscheln, pulsierendes Leben.

Aber mit jedem Schwung der Taucherflossen erscheinen unnatürliche weiße Blitze im Wasser. Ein Zeichen für ein Riff in Not. Für die physischen Manifestationen des Klimawandels. 

Die Folgen des Klimawandels sind unbestreitbar 

Und die Besucher merken das. Ein immer stärker werdender Trend zeichnet sich ab, der “Last Chance Tourismus”. Leute kommen und besuchen das Riff, für den Fall, dass es ihre letzte Gelegenheit ist.

Das Great Barrier hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt und ist nicht mehr wiederzuerkennen. Im Jahr 2016 und auch 2017 gab es mehrere aufeinanderfolgenden Massen-Korallenbleichen. Weite Teile der einst farbenfrohen Korallen liegen seitdem im Sterben oder sind bereits tot.

Was Korallenbleiche bedeutet

Als Folge der ersten Korallenbleiche starb fast ein Drittel des Riffs. Und das folgende Jahr war wie ein Schlag in die Magengrube, der eines der weltweit größten, lebenden Organismen noch weiter kaputtgemacht hat.

Zur Bleiche kommt es, wenn Korallen in Wasser, das wärmer als gewöhnlich ist. Die Ozeane auf der ganzen Welt erwärmen sich, wegen der von Menschen verursachten Treibhausgase in der Atmosphäre.

Bei zu viel Wärme geben die mikroskopisch kleinen Lebewesen, die in Symbiose mit den Korallen leben und ihnen ihre Farbenpracht verleihen, Gift ab. Die Korallen stoßen die Mikroorganismen ab, werden geisterhaft weiß und bekommen keine Nahrung, keinen Zucker mehr von den Mikroorganismen.

Korallen können sich erholen, wenn sie die Zeit bekommen, sich zu regenerieren. Bekommen sie diese Erholung nicht, dann sind die jahrhundertealten Strukturen erledigt. 

Panik unter den Touristen 

Einige Reiseveranstalter sagen, dass viele ihrer Kunden nur noch an die Korallenbleiche denken können.

“Ich war dabei, als Leute noch gesagt haben: ‘Oh, erwähne nicht das Bleichen, weil das den Tourismus zum Erliegen bringen wird.’ Und ich habe erlebt, wie die Leute eines Tages kamen und gesagt haben: ‘Oh, wir sind hier um das Great-Barrier-Riff zu sehen, bevor es stirbt’”, sagt Lorna Howlett, Reiseführerin des lokalen Reiseveranstalters “Wavelength”.

Die Firma bietet Schnorchelausflüge in Port Douglas an. Als die letzte Korallenbleiche stattfand, wurde der Ozean so heiß, “dass du praktisch im Wasser geschwitzt hast”, sagt sie.

Kürzlich auf einem Tagesausflug zum äußeren Riff, anderthalb Stunden mit dem Boot von der Küste entfernt, fragten die Teilnehmer Howlett und andere Meeresbiologen an Bord am laufenden Band über die Korallenbleiche aus. Sie seien überrascht, dass das Riff nicht so gut aussehe, wie sie es erwartet hätten.

“Was die Korallen und die Fische anbelangt, hat es sich wirklich verändert”, sagt Audrea Keinath, eine Touristin aus München, der HuffPost. Sie habe zum ersten Mal 1987 das Great Barrier besucht.

Damals, sagt sie, “sah es wirklich aus, wie man es aus den Büchern kennt. Alles, was du gesehen hast, war blau und gelb und in hellen Farben.”

Mehr als 30 Jahre später kehrte sie mit ihrer Tochter zurück zum Riff. “Wir waren etwas enttäuscht, weil es in unserer Erinnerung besser ausgesehen hat”, sagt sie.

Anzeichen für die Bleichen sind überall zu finden, selbst in den unberührtesten Teilen des Riffs. Und die Einschätzungen der Wissenschaftler lassen nichts Gutes ahnen.

Sie meinen, dass bis zu den 2030er-Jahren das Great Barrier alle zwei Jahre einer Massenbleiche ausgesetzt sein könnte, sollte der Planet weiterhin Treibhausgase im gleichen Maße freisetzen.

Angesichts dieser schauderhaften Prognosen strömen Horden von Menschen in die Region. Sie sorgen für fast fünf Milliarden Dollar an Einnahmen pro Jahr und sichern 64.000 Arbeitsplätze.

Die Besucherzahlen des Meeresparks, der das Great Barrier umgibt, sind in den vergangenen zwei Jahren gleich geblieben. Laut der Parkbehörde des Great Barrier Riffs haben die Besucherzahlen 2016 und 2017 eine Rekordmarke erreicht. Die Zahlen für 2018 wurden noch nicht veröffentlicht.

Reiseveranstalter in Zugzwang

Trotz der Bedenken wegen der Lebenserwartung des Riffs ist ein großer Teil des Great Barrier noch atemberaubend schön.

Und das ist die Botschaft, die Reiseveranstalter in den vergangenen Jahren versucht haben, zu vermitteln. Sie befürchten, wenn Wissenschaftler zu laut Alarm schlagen, würde es die Besucher vertreiben. Sie könnten den Eindruck gewinnen, dass das Great Barrier schon zu kaputt ist.

Col McKenzie ist Geschäftsführer eines der führenden Touristikgruppen des Great Barrier. Im Januar bezeichnete er einen angesehenen Riff-Forscher wegen seiner Warnung vor den Schäden am Riff sogar als “einen Dödel ”.

Imogen Zethoven ist Leiterin der Riff-Kampagne der “Australien Marine Conservation Society” und Mitunterzeichnerin der Erklärung. Sie sagt, dass Reiseveranstalter versucht hätten, die Realität nach der Bleiche von 2016 zu ignorieren.

“Sie waren sauer, dass das Riff als Aushängeschild für die Notwendigkeit von Gegenmaßnahmen zum Klimawandel genutzt wurde”, sagt sie. “Sie meinten, das könnte sich auf die Buchungen für das kommende Jahr auswirken.”

Als es 2017, nur wenige Monate später, zu dem Vorfall kam und diesmal hunderte Meilen des Riffs vor der Küste von Cairns betroffen waren, sei es ihnen schnell wie Schuppen von den Augen gefallen, sagt Zethoven.

“Niemand sagt mehr, es gebe derzeit kein Problem”, sagt Rumney. “Niemand.”

Im Juli 2018 veröffentlichte ein Bündnis der größten Reiseveranstalter des Great Barrier, inklusive McKenzie, eine noch nie da gewesene Verlautbarung. Darin forderten sie die australische Regierung dazu auf, dass Riff im Namen “der ganzen Menschheit und der zukünftigen Generationen” zu schützen.

Dieser offene Brief mit dem Titel “Reef Climate Declaration” machte unumwunden den vom Menschen verursachten Klimawandel verantwortlich und nannte ihn die “mit Abstand größte Gefahr” für das Great Barrier.

“Es ist noch nicht zu spät, unser Riff zu retten. Aber die Zeit ist ein wichtiger Faktor”, heißt es in der Verlautbarung. “Die Bundesregierung steht in der Verantwortung, das Abkommen von Paris zu respektieren und das Riff zu schützen.”

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Die zweifelhafte Rolle der Regierung 

Australien hat Anstrengungen unternommen, um der steigenden Bedrohung des Great Barrier entgegenzuwirken. Im Juli hat das Land den Erhaltungsplan 2050 für das Riff aktualisiert.

Dieser legt den allgemeinen Rahmen für den Schutz und die Verwaltung des Riffs fest. Während der Plan anerkennt, dass der Klimawandel die schwerwiegendste und eine stetig wachsende Bedrohung für das Riff darstellt sagen Kritiker, dass er nicht weit genug reiche.

“Wir sind zutiefst beunruhigt, weil in dem Plan immer noch nicht die offensichtliche Wahrheit anerkannt wird, dass Australien viel mehr tun muss, um die eigenen Emissionen zu reduzieren, um dem Riff eine Chance zum Überleben zu geben”, sagt Richard Leck, Verantwortlicher für die Ozeane beim WWF-Australien.

Es gibt andere, deutliche Anzeichen dafür, dass die Politiker des Landes den Klimawandel nicht ernst nehmen. Sowohl die Bundes- als auch die Landesregierungen unterstützen den Bau einer riesigen, neuen Kohlemine in Queensland.

Wenn sie gebaut ist, könnte sie zu den größten Kohleminen der Welt zählen. Durch die Verbrennung von Kohle werden Treibhausgase in die Atmosphäre freigesetzt. Diese sind ein zentraler Verursacher des Klimawandels.

Im April kündigte die Regierung an, 365 Millionen Dollar für den Schutz der Riffe ausgeben zu wollen. Aber bei diesen Zuschüssen wird der Klimawandel weitestgehend ignoriert.

Stattdessen konzentriert man sich auf die Wasserqualität und auf räuberische Seesterne (beide stellen eine Bedrohung für die Korallen dar, aber eher eine kleine). Die Naturschützer zeigten sich wenig beeindruckt.

“Das ist so, als würde man deinen gebrochenen Arm behandeln, indem man dir weiterhin das Gift verabreicht, das bei dir Krebs verursacht”, sagt Rumney.

Es wird nicht mehr so werden, wie es einmal war 

Zethoven von der “Australian Marine Conservation Society” sagt, die Fürsprecher des Riffs würden versuchen, dem wachsenden Empfinden von “Last-Chance-Tourismus” entgegenzuwirken.

Stattdessen sollten sie die Besucher dazu ermutigen, dass sie nach ihrem Besuch den Schutz der Region unterstützen und nicht wie Voyeure ihrem Untergang beiwohnen. Das Riff jetzt abzuschreiben, würde das Schicksal des Great Barrier endgültig besiegeln, sagt sie.

“Wir wollen nicht, dass diese ‘Last-Chance Mentalität’ weiter wächst und zu einer allgemeinen Erwartungshaltung wird, weil wir dieses Weltwunder nicht verlieren wollen”, sagt sie. “Wir wollen nicht das Gefühl erzeugen, es wäre unausweichlich.”

Rumney seinerseits glaubt an die Macht des Tourismus. Er sagt, dass das viele Geld, das in dieser Industrie stecke, mit dem Umsatz der Kohle- und Bergbauindustrie konkurrieren könne.

Er bleibe optimistisch, auch wenn er überzeugt sei, dass das Great Barrier, das er in den 1970er-Jahren zum ersten Mal gesehen habe, nie wieder so sein werde wie damals.

“Die Natur findet immer einen Weg”, sagt er, als wir unsere Tour beenden, die Anfang des Monats stattfand. Es zeigt, dass er seine Hoffnung für das Great Barrier nicht verloren hat, auch wenn die Menschheit dem Riff schon das schlimmste angetan hat.

“Aber es wird wohl nicht mehr so werden, wie es einmal war.” 

Dieser Artikel erschien zuerst bei der HuffPost USA und wurde von Patrick Steinke aus dem Englischen übersetzt und von Susanne Klaiber bearbeitet.

(sk)