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14/04/2018 16:38 CEST | Aktualisiert 14/04/2018 16:38 CEST

Vor lauter Wirtschaftswachstum übersehen wir, was das Leben lebenswert macht

"Größer ist besser“: Wir sind gefangen in der Denke, mehr Wachstum löse unsere Probleme.

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Eine saubere Umwelt, ein überschaubares Stresslevel: Es gibt so vieles, das das Leben lebenswert macht – und sich mit den üblichen ökonomischen Zahlen nicht messen lässt.

Ein paar Monate, bevor Robert Kennedy erschossen wurde, im März 1968, hielt er eine berühmte Wahlkampfrede an der Universität von Kansas. Darin zeigte der US-Präsidentschaftskandidat auf, wie gefährlich es ist, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Erfolgsmaßstab zu nutzen. Er sagte über das BIP:

Es misst weder unseren Verstand noch unseren Mut, weder unsere Weisheit noch unsere Bildung, weder unser Mitgefühl noch unsere Liebe zu unserem Land. Kurz: Es misst alles, nur nicht das, was unser Leben lebenswert macht.“

Gefangen in der Denke “größer ist besser”

50 Jahre später sind wir noch immer von dieser fehlerhaften Metrik besessen. Wir verwenden sie als Schlüsselindikator für ökonomischen Erfolg. Wir sind gefangen in der Denkweise, dass größer besser sei. Dass ein höheres Bruttoinlandsprodukt die Lösung unserer Probleme sei.

► Dabei hat sich Kennedys Analyse bestätigt: Wirtschaftswachstum ist kein Heilmittel gegen die weltweit wachsende Ungleichheit.

In China hat Wachstum zwar hunderten Millionen Menschen aus der Armut geholfen. Gleichzeitig wird die wachsende Ungleichheit – die Einkommenskluft zählt zu den größten in der Welt – toleriert, weil das BIP weiter stark wächst.

Ähnlich in den USA: Dort haben die Superreichen geradezu obszön viel Reichtum angehäuft. Menschen, die schlechter bezahlt und ausgebildet sind und zu den Globalisierungsverlierern zählen, profitieren davon überhaupt nicht.

Der Aufstieg der Rechten hat mit dem BIP als Synonym für Fortschritt zu tun

Die Präsidentschaft Donald Trumps, der Brexit und der weltweite Aufstieg der extremen Rechten gehen unmittelbar einher mit der Verwendung des BIP als Synonym für ökonomischen Fortschritt.

Viele Befürworter Trumps oder des Brexits leben in Gegenden, in denen Menschen wegen der Globalisierung ihre Arbeit verloren haben. Gleichzeitig sehen sie die Reichen weiter ihre Gewinne horten. 

Das Wirtschaftswachstum lässt viele in Ländern wie den USA übersehen, dass sich die Lage in manchen Regionen weiter verschlechtert. Regionen, in denen die “vergessenen Menschen“ leben.

► Der Grund: Wirtschaftswachstum misst den Geldwert von Gütern und Dienstleistungen,die eine Nation produziert.Ob es den Gemeinden wirklich besser geht, steht auf einem anderen Blatt geschrieben.

Ein Beispiel: Wenn ein Terrorist eine Bombe auf einem Marktplatz wirft, wird das BIP wegen des folgenden Wiederaufbaus wachsen. Niemand allerdings würde behaupten, dass sich die Lage der Nation wegen Terroranschlägen verbessert.

►  Das BIP bezieht auch nicht ein, wie die Gewinne verteilt sind.

Zwei unterschiedliche Volkswirtschaften können dasselbe Pro-Kopf-Einkommen haben – obwohl in der einen der Wohlstand völlig ungleich und in der anderen ausgeglichener verteilt ist.

► Genauso wenig sagt die Metrik etwas über Freizeit aus.

Stellt euch ein Land vor, in dem im Schnitt vier Stunden täglich gearbeitet wird – und eines mit einem Zwölf-Stunden-Tag. Wo würdet ihr lieber leben?

► Das BIP berücksichtigt unbezahlte Pflege und Hausarbeit – beides wichtige Stützen für die Wirtschaft – genauso wenig wie Schwarzmarkt-Aktivitäten.

Jene machen in weniger entwickelten Ländern einen signifikanten Teil der gesamten Wirtschaftstätigkeit aus.

► Ein wesentliches Manko ist außerdem, dass das BIP den Kosten für Umweltschutz keinerlei Beachtung schenkt.

Wenn zwei Volkswirtschaften das gleiche BIP pro Kopf haben, aber in der einen Boden, Luft und Wasser massiv verschmutzt sind und in der anderen nicht – dann ist das Wohlbefinden der Bevölkerung verschieden. Das Pro-Kopf-Einkommen bildet diesen Unterschied nicht ab. 

Der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Erik Brynjolfsson vom Massachusetts Institute of Technology stellten 2016 fest:

Das Bruttoinlandsprodukt ist ein armseliges Instrument, um die Gesundheit unserer Volkswirtschaften zu beurteilen. Wir benötigen dringend eine neue Messmethode.“

Es gibt Alternativen

Die gute Nachricht ist, dass Alternativen existieren.

►  Lasst uns nach Bhutan schauen. Seit den 70ern gilt in dem kleinen Königreich im Himalaja das Bruttoinlandsprodukt nicht mehr als einziger Maßstab für Fortschritt. Stattdessen führte es das Bruttonationalglück als Index ein.

Dahinter steht die Sehnsucht nach einer Politik und einem Leben, das nicht auf enge ökonomische Messeinheiten reduziert wird. Die Indikatoren, auf denen das System beruht, reichen von psychologischem Wohlbefinden über Kultur und Bildung bis hin zu Umweltschutz und einem vitalen Gemeinschaftsleben. 

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Eine Frau aus Bhutan beobachtet im Sommer 2015 den Staatsbesuch der japanischen Prinzessin.

► Internationale Organisationen suchen ebenfalls nach besseren Wegen, um Wohlstand zu messen. Seit 1990 veröffentlicht das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen den Human Development Index (Index der menschlichen Entwicklung).

Dieser wertet Faktoren, die ein gutes Leben jenseits des Einkommens ausmachen. Zu ihnen zählen Lebenserwartung, Alphabetisierungsrate und Lebensstandard.

► DerWorld Happiness Report des UN-Netzwerks für Nachhaltige Entwicklung bewertet in seinem jährlichen Länder-Ranking außer dem Einkommen die Hilfe für Bedürftige, Lebenserwartung, gefühlte Freiheit, Vertrauen in die Strukturen und Spendenbereitschaft.

► Und die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) gibt einen Better Life Index heraus, in dem Menschen das Wohlbefinden in den verschiedenen Ländern vergleichen können. Er basiert unter anderem auf Wohnverhältnissen, zivilem Engagement, Gesundheit und Umweltschutz-Faktoren, die die OECD als essentiell für die Lebensqualität erachtet.

Wir brauchen keine neuen Indikatoren, sondern ein neues Denken

Wir sehen: Das Problem ist nicht, dass es keine besseren Maßstäbe und Indikatoren gäbe. Das Problem ist, dass wir die Mittel nicht ausreichend nutzen – trotz der Herausforderungen, vor denen wir unmittelbar stehen: Das Gefälle wächst in ökologischer, sozialwirtschaftlicher und kultureller Hinsicht.

Was können wir tun? Wir müssen weg vom Erfinden neuer Indikatoren hin zu einem fundamentalen Wandel im Denken.

Charakteristisch für das ökonomische Denken im vergangenen Jahrhundert bis heute ist es, eng begrenzte Eigeninteressen zu verfolgen – egal, ob sie eine Person, Organisation oder ein Land betreffen.

► Angesichts der bevorstehenden Herausforderungen brauchen wir aber ein Bewusstsein, das weit über das eigene Selbst hinausgeht und das gesamte ökonomische System umfasst. 

Wir müssen neu definieren, wie wir über Wirtschaft sprechen. Das heißt ausarbeiten, was Bildungseinrichtungen lehren, und ändern, wie die Medien diese Problematik diskutieren.

Traditionelle Ökonomen haben einen riesigen blinden Fleck, wenn es um die Wichtigkeit ökologischer, sozialer und kultureller Faktoren geht. Häufig als “externe Effekte“ bezeichnet, werden sie als nebensächlich eingestuft und puren ökonomischen Metriken wie dem Bruttoinlandsprodukt untergeordnet.

Aber all diese Faktoren zusammen ergeben das System, in dem wir leben.

Wir brauchen einen neuen Typ Medien und Bildung, der das gesamte System betrachtet, damit die aktuellen Herausforderungen breit diskutiert werden.

Dafür benötigen wir dringend eine institutionelle Erneuerung. Es bedarf Mechanismen, die Menschen unterschiedlicher Kulturen und Fachgebiete zusammenbringen, damit wir mit den komplexen globalen Herausforderungen umgehen lernen und die aufkommenden Probleme in den Griff bekommen.

Auf lokalen und regionalen Ebenen gibt es bereits viele Beispiele – etwa das Sustainable Food Lab. Darin haben sich mehr als 70 Organisationen zusammengeschlossen, um nachhaltige Vertriebsstrukturen für Lebensmittel zu ermöglichen.

Das auf andere Bereiche und Regionen auszuweiten, würde den ökonomischen Wandel beschleunigen, den die meisten Menschen für notwendig erachten. Wir müssen klären, wie die Netzwerke arbeiten – sei es über Berichterstattung oder Ausbildungswege.

Mit diesen ökonomischen Narrativen, Methoden und Werkzeuge könnten wir - in großem Maßstab eingesetzt – die grundlegenden Probleme angehen, die Robert Kennedy vor Jahren so eloquent kritisiert hat.

Der Text erschien zunächst in der HuffPost USA und wurde von Sandra Tjong aus dem Englischen übersetzt.

(jg)