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04/05/2018 16:40 CEST | Aktualisiert 04/05/2018 16:40 CEST

Von Sucht, Selbstzerstörung und dem verzweifelten Wunsch zu helfen

Rezension

Sigrid Rausing, Verlegerin von Granta Books und Portobello Books sowie Herausgeberin des Granta Magazine, stammt aus einer sehr begüterten schwedischen Familie. Ihr Bruder Hans und seine Frau Eva hatten sich in einer Entzugsklinik kennengelernt, geheiratet, Kinder bekommen, sich für Suchtkranke eingesetzt und dann, nach Jahren, einen Rückfall erlitten, den er überlebt, sie jedoch nicht. Darüber und wie die Familie mit der Sucht der beiden umgegangen ist, berichtet Sigrid Rausing in Desaster (S. Fischer; Frankfurt am Main 2018)“Dieses Buch handelt davon, was es heisst, Zeuge einer Sucht zu werden.”

Nicht nur das, will ich da gleich einwerfen, denn es erzählt darüber hinaus auch vom Leben, den Schwierigkeiten, Bedürfnissen und Freuden der Autorin. Und das ist gut so, denn allzu häufig handeln Bücher über Sucht fast ausschliesslich von den Problemen der Süchtigen.

Sigrid Rausing schreibt von ihrer Depression: “Wenn man depressiv ist, gibt es kein Echo im Kopf. Der Kopf bleibt stumm. Ich muss mich korrigieren: In meinem depressiven Kopf gab es kein Echo. Was weiss ich schon über die Erfahrung anderer.” Sie beschreibt sich als Skeptikerin und für eine solche kann eine Klinik nur begrenzt was tun. Sie hat gelernt, sich selber zu helfen, mit langen Spaziergängen, Lesen, Schreiben und dem Recherchieren für ihre Doktorarbeit.

Hätte sie sehen müssen, was mit ihrem Bruder und seiner Frau los war? Hätte es ihre Familie sehen müssen? Und falls ja, was genau? Und was hätte man tun sollen, tun können? “Und obwohl ich wusste, wie fehlbar eine Gruppentherapie war, und überhaupt, wie begrenzt die Handlungsmöglichkeiten, glaubte ich auch weiterhin, dass solche Kliniken für Hans und Eva das Richtige waren. Es ist ähnlich wie mit der Schule für die Kinder, an die man ja auch glaubt – einfach, weil es keine Alternativen gibt.” 

Die Familie will Hans und Eva helfen, die einen tendieren zu Strenge, die anderen zu Verständnis. “Hans und Eva schwankten hin und her, manchmal leugneten sie vehement, dass irgendetwas nicht stimmte, dann wieder gaben sie uns die Schuld an allem, was nicht stimmte – dieser Mechanismus erscheint den meisten Menschen, die sich mit Sucht auseinandersetzen müssen, bestimmt bekannt.” In der Tat! Genauso wie die Frage, ob Süchtige Opfer oder Täter sind, denn sie zerstören nicht nur sich selber, sie zerstören auch Familien und Freunde – sie sind beides, Opfer und Täter.

Desaster ist teils Familiengeschichte, teils Auseinandersetzung mit dem Phänomen Sucht. Sigrid Rausing hat sich breit informiert, weiss, wie wenig Konkretes man darüber weiss,  spekuliert, wie alle anderen auch. Und sie erkennt: “Es ist gefährlich, Narrative des Unglücks zu schaffen, die möglicherweise den emotionalen Teil der Sucht erklären, ihn unter Umständen aber auch verstärken. Deshalb meiden die Zwölf-Schritte-Programme jede Art von Kausalkette.”

Desaster klärt auch vielfältig auf. Etwa darüber, wie die Rechtssprechung wohlhabende Drogenkonsumenten begünstigt. Oder darüber, dass es Handlungen gibt, die irreversibel sind. Oder darüber, dass es keine Rolle spielt, ob sich jemand freiwillig für eine Therapie entscheidet oder gerichtlich dazu verdonnert wird. “Wenn jemand erst einmal in einer Entzugsklinik ist, kann die Wende eintreten. Man muss es sich wie einen Prozess der Entradikalisierung vorstellen. Sucht ist nämlich mindestens genauso eine Kultur der Rebellion, wie sie eine Erbkrankheit ist oder eine psychische Störung.”

Es sei das Schicksal von Angehörigen leidender Menschen, notiert Sigrid Rausing, “dass sie sich immer überlegen müssen: Was hast du getan – und was hast du nicht getan.” Sicher, das auch, doch zu diesem Schicksal gehört auch noch etwas anderes – die Auseinandersetzung mit sich selber, mit seinem eigenen Leben. Auch davon handelt dieses Buch. 

Desaster ist ein höchst differenziertes und beeindruckend aufrichtiges Werk.