POLITIK
14/01/2018 21:59 CET | Aktualisiert 15/01/2018 07:09 CET

Diese Tweets zeigen den rasanten Aufstieg und Fall des Martin Schulz

Wie der berüchtigte "Schulz-Zug" losdampfte – und aufs Abstellgleis geriet.

dpa/Reuters/Twitter
  • Die SPD hat Martin Schulz erst als Messias gefeiert, der Schulz-Zug düste durchs Land – nun steht er auf dem Abstellgleis
  • Tweets zeigen Schulz’ kometenhaften Aufstieg - und langen Abstieg

Deutschland hat einen Mann aus Würselen gesehen, der als Messias und SPD-Retter gefeiert wurde. Der später wie der Ochs neben der Krippe stand, aus der sich andere bedienten. Und dessen Botschaft schließlich viele nicht mehr hören wollten.

Wir dokumentieren den kometenhaften Aufstieg und langen Abstieg des Martin Schulz in den vergangenen 14 Monaten in Tweets:

24. November 2016: Ein Satz und die Spekulation geht los

Die Deutschen kennen Schulz – wenn sie ihn denn überhaupt kennen – als Klartext-Präsidenten des Europäischen Parlaments. 

Am 24. November sagt Schulz, er trete für das Amt nicht wieder an – und will stattdessen in die Bundespolitik. Das Rätsel ist: Was genau will er da machen?

Die Spekulationen dauern zwei Monate.


24. Januar 2017: Gabriel verkündet Rücktritt, der Schulz-Zug rollt los

Dann kündigt SPD-Chef Sigmar Gabriel an, dass er weder Parteichef bleiben, noch Kanzlerkandidat werden will. Schulz soll’s machen.

Eigentlich eine Nachricht, über die sich viele in der SPD freuen - doch es gibt Knatsch, weil er das erst dem Magazin “Stern” sagt und dann der Partei.

Der Hype um Schulz beginnt. Und im Autoland Deutschland bricht das Eisenbahnzeitalter an. Der #Schulzzug fährt los, rollt, mancher fürchtet gar, er habe gar keine Bremsen mehr. 

Das nervige Sprachbild soll übrigens auf Nutzer der Plattform Reddit zurückgehen.


29. Januar 2017: Nominierung als Kanzlerkandidat

Der SPD-Vorstand nominiert Schulz zum Kanzlerkandidaten, einstimmig, wie es heißt. “Ein irres Gefühl”, twittert Schulz, er sei “demütig und dankbar”. 

Jetzt fehlt nur noch die Zustimmung der Delegierten auf dem Parteitag im März.


3. Februar 2017: Run aufs SPD-Parteibuch

Seit Schulz für die SPD auftritt, reißen sich die Menschen ums Parteibuch. Allein die SPD Berlin meldet 704 Eintritte seit Jahresbeginn.

Februar 2017: SPD überholt die Union

Beide Daumen hoch: Im Februar überholt die SPD in Umfragen. Laut dem Umfrageinstitut Infratest Dimap etwa liegt die SPD mit 32 Prozent einen Punkt vor der Union. Das gab es zuletzt 2006.

Auch im direkten Vergleich punktet Schulz. Also: “Der Schulzzog rollt an Merkel vorbei.”

 

19. März 2017: Der Messias wird Chef und Kanzlerkandidat

Die SPD wählt Schulz auf dem Parteitag mit 100 Prozent der Stimmen zum Parteivorsitzenden und 100 Prozent der Stimmen zum Kanzlerkandidaten. “Mister 100 Prozent” nennt man ihn auf Twitter.

 Der Schulz-Zug mutiert zum “Schulz-ICE”.

Mancher hatte allerdings das Gefühl, dass so ein bisschen Zug nicht ausreicht, um die Euphorie zu beschreiben. Kommentatoren und die Konkurrenz von der CDU frotzeln: “Es fehlte nicht viel, und ein Awo-Funktionär hätte die Krücken von sich geworfen und gerufen: Ich kann wieder gehen.” 

 

24. März 2017: Der letzte schöne Umfrage-Tag

Es ist der letzte Tag, an dem Union und SPD in der Umfrage von Infratest Dimap gleichauf liegen, bei 32 Prozent. Von da an bleibt die SPD abgeschlagen. 

 

26. März 2017: Landtagswahl-Debakel, Teil 1 im Saarland

Die Landtagswahl im Saarland ist der erste Test für Schulz. Und er fällt durch. Die CDU gewinnt ordentlich dazu und kommt auf gut 40 Prozent, die SPD bleibt unter 30.

Schulz bemüht einen Fußball-Vergleich und sagt, die SPD habe das 1:0 erlebt, aber das Spiel dauere 90 Minuten und die SPD sei ein kampfstarke Truppe. 

Ein SPD-Kollege beschwichtigt, der Schulzzug sei schließlich kein Hogwarts-Express, sprich: Wunder gibt’s nicht. Ein ARD-Journalist diagnostiziert “Störungen im Betriebsablauf”. 

 

7. Mai 2017: Landtagswahl-Debakel, Teil 2 in Schleswig-Holstein

Die SPD-Feierlaune sinkt weiter. Die SPD landet in Schleswig-Holstein mit gut 27 Prozent hinter der CDU mit knapp 32 Prozent.

Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) twittert: “Strahlend schönes Wetter in Schleswig-Holstein! Einige gingen baden!” Stimmt.

Jep, auch hier gibt’s wieder die üblich Eisenbahn-Dosis: Die Laune im Schulzzug ist mies. 

 

14. Mai 2017: Landtagswahl-Debakel, Teil 3 in Nordrhein-Westfalen

Schulz wirbt auf Twitter für SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Wer sie wolle, müsse SPD wählen.

Bloß wollen die Wähler in NRW nicht. Die CDU zieht an der SPD mit ihren gut 31 Prozent vorbei und kommt auf knapp 33 Prozent.

Die SPD, abgewählt im bevölkerungsreichsten Bundesland. Das ist nicht mehr schönzureden. Die Ursachenforschung ist schwierig, viele vermuten, dass die SPD zu sehr auf die Person Schulz statt auf Inhalte gesetzt hat.

Die CSU freut’s, ihr Generalsekretär Andreas Scheuer twittert, der Schulz-Zug “steckt tief im Gleisbett”.

 

22. Mai 2017: Das Wahlprogramm steht … nicht

Schulz bräuchte dringend konkrete Vorschläge und Inhalte. Am 22. Mai gibt’s deswegen Eckpunkte zum Wahlprogramm. “Vielleicht das beste seit Willy Brandt”, twittert SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann. 

Das echte Wahlprogramm folgt dann, nach einigem Durcheinander, am 25. Juni.


August 2017: Wahlkampf an der Basis

Schulz macht fleißigst Wahlkampf, hetzt von Stadt zu Stadt, telefoniert und rödelt. Bloß sieht man ihn nicht auf der bundesweiten Bühne.


4. September 2017: Das “TV-Duett”

Eigentlich sollten sich Merkel und Schulz zoffen beim TV-Duell. Moderatorin Sandra Maischberger erzählt später, Merkel und Schulz seien wie bei einem Business-Meeting drauf gewesen.

Twitter-User Johannes Hillje beschreibt es ähnlich treffend: “Das war ein Duett, kein Duell.”

Schulz will, dass ich Kanzlerin Merkel mit ihm in einem zweiten TV-Duell zofft. Aber die Konsens-Kanzlerin denkt gar nicht dran.

 

23. September: Viel Würde, wenig Wumms

Kommentatoren meinen, Schulz gebe dem Wahlkampf Würde. Das mag stimmen. Ein bisschen mehr Krawall wäre aber wohl besser gewesen.

 

24. September 2017: Das Drama

Die SPD fährt das schlechteste Wahlergebnis nach dem Zweiten Weltkrieg ein. 20,5 Prozent.

Kaum ist die Wahl vorbei, schaltet Schulz in den Wahlkampfmodus. In der sogenannten Elefantenrunde wirft er Merkel einen “skandalösen Wahlkampf” und noch so einiges andere vor.

 Keiner versteht, warum Schulz erst jetzt aufdreht.

Doch er attackiert Merkel, diesen “Ideenstaubsauger”, und sagt, eine Koalition komme für die SPD nicht infrage.

20. November: Nein!

Schulz bleibt bei seinem Nein zu einer großen Koalition, auch nach dem Scheitern von Jamaika.

4. Dezember: Jein!

Schulz will jetzt doch mit den anderen Parteien reden.

7. Dezember: Schulz bleibt Parteichef

Der SPD-Parteitag wählt Schulz, ehemals Mister-100-Prozent, mit 82 Prozent der Stimmen als Parteichef wieder. Schulz dankt für das Vertrauen. 

Doch wenige Wochen später wird sich zeigen: Das war wohl weniger Vertrauen - als ein Mangel an Alternativen.

12. Januar: Schulz will jetzt die GroKo ...

Die Spitzen der Unionsparteien und die SPD haben sich geeinigt: Es soll eine GroKo geben, auf Basis des gemeinsamen Sondierungspapiers. Schulz sagt in der Pressekonferenz, man meine jedes Wort im Papier ernst.

Er vielleicht ... 

13. Januar: ... aber jetzt wollen die anderen nicht

... aber die Genossen in Sachsen-Anhalt wollen nicht mitziehen. Sogar Vertreter der Parteispitze, die persönlich dem Sondierungspapier zugestimmt haben, wollen jetzt doch irgendwie nachverhandeln.

Tweets der CDU-Politikerin Julia Klöckner zeigen: Das Vertrauen ist hin, auf allen Seiten.

Wenn noch irgendjemand das nervige Sprachbild benutzen würde, würde man wohl sagen: Der Schulz-Zug steht auf dem Abstellgleis. Aber das sagt ja keiner mehr. Dieser Zug ist abgefahren.

(ll)