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29/07/2018 15:54 CEST | Aktualisiert 29/07/2018 15:54 CEST

Volltreffer: vom Straßenfußball in eine bessere Zukunft

Heike Pander
Mädchen spielen Fußball, Katutura, Namibia

(Bild oben evtl als Titelbild verwenden?)

Grandioser Abschuss, Jubel: “Toooor” – fröhliches Kinderlachen. Staubwölkchen steigen auf, wo eben der Ball im Tor auf den Bolzplatz traf. Auf dem steinigen Boden wächst kaum Gras. Mädchen spielen Fußball – Barfuß, in Flipflops oder den Schuhen ihrer Schuluniformen. In Katutura, dem unterprivilegiertesten Vorort Windhoeks, ein willkommener Lichtblick. Hier florieren sonst Banden und “Shebeens” – Bars, die ohne Lizenz Alkohol an alle ausschenken, die irgendwie bezahlen können. Katutura, bedeutet übersetzt “der Ort an dem wir nicht leben wollen”. Er hat in Namibia die höchste Rate von Schwangerschaften im Teenager-Alter, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und Gewalt.

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Anna-Marie Shikuso, Melissa Eises und ihre Großmutter Berta, von links

Fußball nur für Jungs?

Fußball ist ein beliebtes Spiel in Afrikas jüngster Demokratie, das auch Anna-Marie Shikuso und ihre Freundin Melissa Eises schon als Kinder auf die Straße lockte. Leicht war der Einstieg für sie damals nicht. Nach wie vor ist das Vorurteil "Fußball ist doch nur etwas für Jungs" weit verbreitet. Vor allem ihre Mütter konnten mit dem Hobby der Mädchen wenig anfangen. Hartnäckig blieben die beiden am Ball und spielen heute in der namibischen Nationalmannschaft der Damen.

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Anna-Marie Shikuso (hinten links) mit Teamkolleginnen der Namibischen Nationalmannschaft

Natürlich war auch etwas Glück im Spiel. 2009 etablierte die Kinderhilfsorganisation UNICEF über das Programm "Galz & Goals" landesweit Fußball-Ligen für Mädchen im Teenager-Alter. Es bietet einen schützenden Rahmen und einen Ort, an dem sie sich regelmäßig treffen und trainieren können.

Scouts entdeckten Melissa und Anna-Marie bei einem der vielen Fußballspiele, die sie absolvierten. Das brachte sie an das Fußballzentrum für Mädchen und junge Frauen in Katutura. Die National Football Association of Namibia – das Pendant zum Deutschen Fußballbund (DFB) – gründete das Zentrum zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und weiteren Kooperationspartnern. Beide konnten Dank weiterer Förderung an internationalen Wettkämpfen teilnehmen. Sie trainierten sogar im Sportcentrum Kamen Kaiserau bei Dortmund, das auch die deutsche Nationalmannschaft nutzt.

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Training im Girls Center der Namibia Football Association

Das Fußballzentrum in Katutura bietet Mädchen und jungen Frauen mehr: Sie treffen auf Verständnis und eine neue Peergroup. Für Melissa war das wichtig, denn "der Druck von Freunden, bei Alkohol- und Drogenkonsum mitzuhalten, war enorm hoch." Diszipliniertes Training und ein unterstützendes Programm mit Nachhilfe oder Gesundheitsthemen neben dem schulischen Alltag schaffen eine fördernde Struktur. Mit Hilfe von Coaches und geschulten Ansprechpersonen erarbeiten sie sich Erfolge und bauen Schritt für Schritt ihr Selbstbewusstsein auf. Zusätzliche profitieren sie von Ausbildungsangeboten.

Geschützte Räume sind essentiell

Nicht nur in Katutura sondern Landesweit scheinen Schutz und Förderung für Mädchen und junge Frauen besonders wichtig. Neben Alkohol und Drogen sind sie häufig Gewalt und sexuellen Übergriffen ausgesetzt. Armut zwingt sie oft in die Prostitution. HIV/Aids, frühe Schwangerschaften und vorzeitige Schulabbrüche resultieren aus den prekären Lebensumständen und zeichnen eine düstere Perspektive. Möglichkeiten, aus dem Teufelskreis auszubrechen, sind rar in Katutura und zu tun gibt es nicht viel. Die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen ist hoch. Ausgehen, Alkohol und “Party machen” sind beliebt.

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Mutter Albertine Eises zeigt stolz Medaillen der Tochter Melissa

Ganz anders verlief es bei Melissa und Anna-Marie. Durch ihre sportlichen Aktivitäten und die Förderung hat sich ihr Leben in eine andere Richtung entwickelt. Stolz sei die Familie inzwischen auf Melissas Erfolge sagt die Mutter und bringt Pokale und Medaillen ihrer Siegerin aus der Lehmhütte. Melissa strahlt.

Obwohl sie und Anna-Marie viel für sich erreicht haben, sehen sie sich noch lange nicht am Ziel ihrer Träume. Das Fußballspiel und die Aufstellung in der Nationalmannschaft bedeutet ihnen viel, doch ernährt das auf Dauer keine Familie. Gespielt werden nur wenige Begegnungen pro Saison und mit umgerechnet 280 Euro pro Einsatz lässt sich nicht zuverlässig planen. Anders als in europäischen Nationalteams der Männer hat man in Namibia als Nationalspielerin sein Glück mit Mitte 30 noch nicht gemacht. Wenn die Zukunft nicht in Katutura stattfinden soll, muss eine Alternative her.

Ausbildungsprogramme ebnen den Weg in die Zukunft

Das Fußballcenter bot einen Ausweg. Hier erfuhren die beiden von einem Ausbildungsprogramm im Hotel- und Gaststättengewerbe an der Silver Spoon Academy in Windhoek. Dort hatte die TUI Care Foundation für junge Sportlerinnen 20 Stipendienplätze ausgelobt. Nach langen Auswahlprozessen schafften sie es in das Programm. Ohne diese finanzielle Unterstützung könnten sich die jungen Frauen die Ausbildung für umgerechnet 5.000 Euro nicht leisten.

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Ausbildung junger Köche an der Silver Spoon Academy, Windhoek

Tom Mutavdzic, Leiter der Akademie und Hotelier in Windhoek, rechtfertigt die aufwändige Auswahl: "Es nützt niemandem, wenn jemand nur das Geld und die Chance über das Stipendium sieht aber sein Herz nicht für das Hotelwesen schlägt." Die Abbruchquoten wären sonst zu hoch und andere, die ein echtes Interesse am Beruf hätten, blieben außen vor. Mit der Ausbildung an der Akademie bekämen die jungen Frauen beste Startchancen für den Arbeitsmarkt. Anders als in Deutschland gibt es in Namibia kein duales Ausbildungssystem. Gerade im Hotel- und Gaststättenbereich würde das Personal lediglich "on the Job" eingelernt und wäre nicht für hochwertigere Tätigkeiten qualifiziert.

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Melissa Eises und Anna-Marie Shikuso vor ihrem Arbeitsplatz

Sein Ansatz gibt ihm Recht: Melissa und Anna-Marie fanden gleich nach dem Abschluss ihres Praktikums einen Arbeitsplatz. Egal, ob sie Dienstpläne erstellen, an der Rezeption oder im Gastraum eingesetzt werden: Sie kennen sich aus. Aber nicht nur den fachlichen Teil haben sie gemeistert. "Am Anfang meiner Ausbildung war ich sehr schüchtern, doch seit meinem Praktikum im Hotel ist mein Selbstvertrauen gewachsen", erinnert sich Melissa. Inzwischen ist sie Junior Managerin und Geschäftsführer Wolfgang Balzer setzt sie gerne ein: "Sie arbeitet sechs Tage die Woche, ist bei strategischen Meetings dabei und voll integriert – für mich ist sie eine vollwertige Mitarbeiterin."

Heike Pander
Melissa Eises und Anna-Marie Shikuso, Bolzplatz, Katutura

Tatkräftig Träume umsetzen

Melissa und Anna-Marie arbeiten zielstrebig an ihrer Zukunft. Sie lernen Deutsch und nehmen Fahrstunden. Ein Führerschein bedeutet im Land der weiten Entfernungen ein großes Plus und kann sogar das ausschlaggebende Einstellungskriterium sein. Melissa ist begeistert von ihren neuen Möglichkeiten. Die Ausbildung habe ihr Türen geöffnet und ihren Lebensstandard nach oben gebracht. "Heute kann ich meiner Familie mit Lebensmitteln oder Geld für Transport unter die Arme greifen" erzählt sie stolz. Doch zunächst wolle sie weitere Erfahrungen im Hotel sammeln und später möglichst ihr eigenes eröffnen, so die umtriebige 21-Jährige. Auch Anna-Marie hat Träume und einer davon steht kurz vor der Umsetzung: sie spart für einen Schrank und ein Bett. Sobald sie alles beisammen hat, zieht sie in ihre erste eigene Wohnung.

Die Reise fand mit freundlicher Unterstützung der TUI Care Foundation statt.