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03/12/2018 18:07 CET | Aktualisiert 03/12/2018 18:07 CET

"Vintage-Sale": Wie München versucht wie Berlin zu sein – und versagt

“In Afrika gibt es schönere Altkeider.”

ZoneCreative via Getty Images

Das kommt also dabei heraus, wenn München ein bisschen Berlin spielen will: Quark. Letzten Samstag warf Teddy mich wieder einmal, wie ich finde verfrüht, aus dem Bett, um sich eine Begleitung zum Vintage Kilo Sale zu sichern.

Teddy war mir eines Tages zugelaufen und einfach geblieben. Seitdem ist das meistens ganz umgängliche Pelztier zwischen meinen Kissen und Decken zu finden. Regelmäßig raffelt es sich aber zusammen und möchte etwas mit mir unternehmen. Und das passiert meistens viel zu früh am Morgen. 

Dann ist nämlich die anstrengende Kuschelschicht zu Ende: “Aufstehen! Teddy hat jetzt frei!”, sagt Teddy dann immer etwas boshaft und wackelt erwartungsvoll mit den kleinen Plüschöhrchen. 

Münchner Vintage-Sale: Prosecco statt Pils

Am letzten Wochenende sollte es also früh morgens zum Shopping gehen und weil die immer gleichen Läden mit der immer gleichen Ware nichts Aufregendes zu bieten haben, wollte Teddy sich in der alternativen Vintage-Szene umsehen.

“Vintage Kilo Sale” heißt eine regelmäßig wiederkehrende Veranstaltung auf einer Münchner Isarinsel, bei der alte Kleidung an junge Kunden vertickt wird. Und so funktioniert das:

Für drei Euro Eintritt zaubert man aus einem ollen Flohmarkt einfach ein sexy “Event”, setzt einen DJ in so etwas, das von Ferne wie eine Fabrikhalle aussieht und schließt eine Bar an. In München gibts natürlich Prosecco statt Pils. Jeder Besucher bekommt einen hipstergerechten Jutebeutel, in den er die ausgesuchten Fetzen stopft.

Der Beutel wird am Ende gewogen, der Preis nach Gewicht berechnet. Der trendbewusste Münchner zahlt pro Kilo Bekleidungsmüll 35 Euro.

Vintage Second-Hand-Verkauf: Alter Krempel zu Höchstpreisen

“Vintage Kilo Sale”, das sind gleich drei verführerische Worte in einem Veranstaltungstitel:

1.) “Vintage” verheißt ungewöhnliche Schnitte und Muster, die abseits der großen Einheitsmode für Individualität und ausgefallenen Geschmack stehen;  heißt in München jedoch im Grunde so viel wie stinkiger Krempel.

2.) “Kilo” verspricht eine riesige Auswahl an Stoffen, die den Kunden aufgrund der bloßen Menge unter sich begraben könnte. In Wahrheit hängen ein paar verlotterte Shirts und zerschlissene Skianzüge an ein paar Kleiderstangen herum.

3.) “Sale” steht für einmalige Gelegenheit und Qualität zum Minimalpreis. In München heißt das, die Veranstalter machen buchstäblich auch noch ein Kilo übel riechender Putzlappen zu 35 Euro Cash.  

Vintage-Chic: Miefige Holzfäller-Karos

Die Dinge, die sich Veranstalter in München offenbar unter Vintage-Chic vorstellen, sind irgendwie erbärmlicher, als es sämtliche Hundehaufen in Berliner Grünanlagen an einem trüben Novembertag zusammen jemals sein könnten.

Wir pendeln zwischen vergammelten Marken-Jogginghosen, zerrissenen Ledergürteln und grünlich-bräunlichen, miefigen Holzfäller-Karos: “Der Trend geht wohl diesen Winter zum fancy Mottenloch”, sagt Teddy staunend.

Doch München wäre nicht München, wenn es nicht auch noch ein paar speckige Barbour-Juristenjacken auf dem Flohmarkt zu bieten hätte.

Absolutes Highlight auf dem Altkleider-Event sind aber die ausgeblichenen Polo-Ralph-Lauren-Shirts, die zerknittert an ihren Bügeln hängen wie das letzte Herbstlaub am Ästchen: so wird in der bayrischen Landeshauptstadt eine alternative Szene simuliert.

Eine Waschmaschine haben sämtliche Stücke vermutlich niemals gesehen, und vielleicht wären sie zumindest mit ein wenig dampfendem Bügelspaß etwas aufzuheitern gewesen.

Stoffreste und Heuchelei

Aber warum den Gewinn schmälern durch unnötige Arbeitskraft? Einfach die Sachen vor sich hinstinken lassen und behaupten, unverschämt mangelhafte Qualität sei antikapitalistische Bewegung; das spart Kosten und ist gut fürs Image.

Mein Fazit: So tief kann die Nase gar nicht in Prosecco tauchen, dass der üble Geruch vermodernder Stoffreste und Heuchelei darin erstickt werden könnte.

Hey, warum nicht gleich ein hippes Teekränzchen im nächstgelegenen Obdachlosenheim? Damit würdet ihr vielleicht wirklich was Sinnvolleres tun, und so manch ein Gast würde seine super vintage marineblaue Decke sicher gerne gegen euer Mäntelchen tauschen.

Teddy murmelt enttäuscht: “In Afrika gibt es schönere Altkeider”. Dann stapfen wir traurig durch den Regen nach Hause.