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10/12/2018 16:07 CET | Aktualisiert 11/12/2018 20:00 CET

An alle, die mir nicht halfen, als mich vier Männer in der U-Bahn verprügelten

"Die U-Bahn war voll mit kräftigen, erwachsenen Männern. Ihr habt nur dabei zugesehen. Schämt euch!"

Im Video oben seht ihr, wie weit Zivilcourage bei Angriffen auf Mitmenschen in Deutschland gehen darf und muss.

Der 21-jährige Noah Sari war vergangenen Samstag um 14.20 Uhr mit der Münchner U-Bahn unterwegs, als er von mehreren Männern beleidigt und verprügelt wurde. Doch geholfen habe niemand, so der Vorwurf des Mannes. Hier erzählt er seine Geschichte.

Am Samstagnachmittag wollte ich meine Familie in München besuchen und musste als Nicht-Fußball-Interessierter feststellen, dass ein Fußballspiel anstand. Bedeutet: Die U-Bahn war voll mit besoffenen, grölenden und Bier verschüttenden Fans.

Zwei Fußball-Fans zu mir: “Verpiss dich und steig aus, wenn es dich stört”

Ich stieg in eine Bahn ein. Dann fingen zwei FC-Nürnberg-Fans an, irgendeinen Fußballsong zu grölen. Die beiden vermutlich Mitte 20-Jährigen brüllten mir dabei direkt ins Ohr.

Prisma by Dukas via Getty Images
Ein 21-Jähriger wurde erst kürzlich von mehreren Männern beleidigt und verprügelt. (Symbolbild)

 

Also drehte ich mich um und bat sie, damit aufzuhören. Doch die beiden Männer meinten nur: “Verpiss dich und steig aus, wenn es dich stört.”

Ich habe die Schnauze voll von betrunkenen Fußballfans, die öffentliche Verkehrsmittel regelmäßig zu No-Go-Areas machen und die niemand in ihre Schranken weist. Also habe ich geantwortet, dass sie sich benehmen müssten, wenn sie in der U-Bahn mitfahren wollen.

Einer der Nürnberg-Fans fing dann an, mich LGBT-feindlich zu beleidigen. Er machte Sprüche zu meinem Piercing, meinen Ohrringen, bezeichnete mich mehrmals “Transe” und sagte, dass meine Tasche doch gut zu einer wie mir passen würde. 

Danach entwickelte sich ein Wortgefecht zwischen mir und insgesamt vier Nürnberg-Fans. Ich wollte es nicht einfach hinnehmen, dass ich in München, noch dazu im Jahr 2018, in einer vollen U-Bahn LGBT-feindlich beleidigt werde und niemand etwas dagegen tut – auch wenn ich bisexuell bin.

Vier Männer prügelten auf mich ein – und keiner half mir

Ich gab einem Fan, der mich beleidigte, Kontra – doch plötzlich schlug er mir ins Gesicht. Ich versuchte, ihn von mir wegzustoßen. Doch dann gingen alle vier Nürnberg-Fans gleichzeitig auf mich los. Sie schlugen mit ihren Fäusten gegen meinen Kopf und traten mich.

Ich wusste nicht mehr, wo oben und unten ist, versuchte mich aber dennoch zu wehren. Als ich spürte, wie eine Bierflasche auf meinem Kopf zersprang (sie wurde zum Glück “nur” auf mich geworfen), wurde mir schwarz vor Augen – und ich ging zu Boden.

Doch das interessierte die Angreifer nicht: Ich spürte, wie sie weiter auf mich einprügeltenDie U-Bahn war voll mit kräftigen, erwachsenen Männern. Denen habe ich etwas zu sagen: Ihr habt nur dabei zugesehen – schämt euch!

Als die vier Männer dann irgendwann von mir abließen und die U-Bahn-Türen bei der Haltestelle Universität aufgingen, zogen mich zwei zirka 17-, 18-jährige Unbekannte aus der Bahn hinaus.

Mir gelang es zwar noch, schnell ein Video der Angreifer zu machen, bevor die U-Bahn abfuhr, doch ich weiß nicht, ob die Polizei die Männer findet.

Denn auf die Münchner Verkehrsgesellschaft ist kein Verlass. In der U-Bahn befanden sich nämlich keine Kameras. Danke, MVG. Danke, dass ihr es nicht schafft, in allen U-Bahnen Kameras zu installieren und damit die Chance, diese Typen zu finden, dadurch um ein Vielfaches geringer ist.

Alle Menschen, die nur zusahen und nicht halfen, tragen Mitschuld

Im Krankenhaus sagte mir der Arzt, dass ich großes Glück hatte: Ich war mit einem abgebrochenen Schneidezahn, ein paar Prellungen und einer leichten Gehirnerschütterung davongekommen.

Wenn mich die Bierflasche an der falschen Stelle getroffen hätte, dann wäre vermutlich Schlimmeres passiert.

Und alle Menschen, die in der U-Bahn waren, hätten sich mitschuldig gemacht. Weil sie unfähig waren, mir zu helfen. Und nur dabei zusahen, was mit mir geschah.

Ich habe schon einige Situationen erlebt, in denen alle weggeschaut haben.

Eine Frau wurde in einer vollen Tram belästigt und angebrüllt – doch niemand hat etwas dagegen getan. Ich habe einen Menschen am Hauptbahnhof reglos auf dem Boden liegen gesehen – und alle anderen sind an ihm vorbeigegangen.

Wenn meiner Familie oder meinen Freunden irgendetwas in der Öffentlichkeit passiert, dann kann ich mich einfach nicht darauf verlassen, dass ihnen geholfen wird. Egal wie viele Menschen um sie herumstehen. Denn mir hat es auch nicht geholfen.

Deutschland ist für mich ein Land ohne Zivilcourage

Ich kann hier nur von meinen persönlichen Erfahrungen sprechen, aber für mich ist Deutschland ein Land ohne Zivilcourage. Wenn ein junger Mann in einer vollen U-Bahn von vier Typen zusammengeschlagen werden kann, dann läuft in diesem Land einiges falsch. Aber Fotos machen und Einsatzkräfte blockieren – das können die Menschen.

Wir müssen verstehen, dass wir in unserer Gesellschaft nicht nur eine Verantwortung für unsere Familien oder Freunde tragen, sondern für all unsere Mitmenschen! Wir müssen uns darauf verlassen können, dass wir uns in der Not gegenseitig helfen und nicht tatenlos zu sehen! Ich kann kein Gerede über “Leitkultur” und unsere tollen Werte ernst nehmen, solange das, was mir passiert ist, in Deutschland passieren kann.

Anmerkung der Redaktion: Ein Sprecher der Polizei München bestätigte gegenüber HuffPost, dass die Anzeige eingegangen ist und erklärte, dass die Ermittlungen derzeit noch andauern.

(kiru)