POLITIK
21/10/2018 20:37 CEST

Vier Jahre Pegida: Ein Festival des Hasses in Dresden

Die islamfeindliche Bewegung ist in der Stadt zu einem Stück Alltagskultur geworden.

Associated Press

Der Neumarkt in Dresden, eine halbe Stunde vor dem Pegida-Geburtstag: Eine rechte Liedergruppe trällert Volkslieder.

Freunde treffen sich wieder, Veteranen der Bewegung. Schulterklopfende Männerumarmungen. Und auch die ersten Schilder werden in die Höhe gereckt.

„Merkel, deine Tage als Kanzlerin sind gezählt! Bald naht der Tag der Abrechnung und dann gnade dir Gott!!!“, steht auf einem geschrieben.

Auf einem anderen ist zu lesen: „Kämpfen und stehen in Treue bis zum endgültigen Sieg!“

Eine kleine „Kunstausstellung“ wurde auf dem Pflaster aufgebaut. Andrea Nahles als Geisterbahnfigur, daneben die Worte „Auf die Fress“ und ein roter Blutfleck. Auf einem anderen Werk ist eine Schweinsmaske mit Deutschlandfrisur und Teufelshörnern zu sehen.

Mehr zu Pegida: “Was ich in vier Jahren vor Ort über die Bewegung gelernt habe”

Daneben die Worte „Fake“ und „News“. Auch hier spritzt das stilisierte Blut.

„Bei anderen gilt die Kunstfreiheit, und bei uns wird gleich aufgeschrien“, sagt eine Passantin, völlig unvermittelt.

Aber um Kunst- und Medienfreiheit geht es heute in Dresden ohnehin nicht. Denn die Veranstalter raten gleich zu Beginn den Demonstranten, „zu Reportern und Kamerateams Abstand zu halten“.

“Hauptstadt des Widerstands”

Vor genau vier Jahren fand in Dresden die erste Pegida-Demonstration statt. Die Organisatoren sind stolz darauf, an diesem Ort die „größte patriotische Bewegung Europas“ ins Leben gerufen zu haben.

Sie nennen Dresden „Hauptstadt des Widerstands“. Manch einer mag da bei so einem imposanten Titel unfreiwillig an eine andere sehr deutsche Bewegung aus der Vergangenheit denken, die sich München zu ihrer Hauptstadt gewählt hatte. Aber mit Nazis und Extremismus will Pegida angeblich immer noch nichts zu tun haben.

Pegida war stilbildend für die rechtsradikale Welle in Deutschland. Hier testeten Redner schon im Winter 2014/15 die Grenzen des Sagbaren aus. Was dann noch an Hass auf der Bühne unausgesprochen blieb, hallte in den Parolen der Demonstranten wider – oder in deren Taten.

In Dresden kam es bereits vor fast vier Jahren zu tätlichen Übergriffen auf Journalisten. Der damalige Vizekanzler Sigmar Gabriel wurde im Jahr 2015 symbolisch an einem Galgen aufgeknüpft. Und die Sehnsucht nach Umsturz trugen die Teilnehmer in Form von Bannern und Schildern vor sich her.

Alltagskultur in Dresden

Es wundert nicht, dass sich die AfD mittlerweile mit Pegida verbündet hat. In Dresden selbst ist Pegida zu einem Stück Alltagskultur geworden.

Auf einem Flohmarkt im Zentrum der Stadt kann man mittlerweile neben Eisernen Kreuzen (20 Euro) und DDR-Gürtelschnallen (acht Euro) auch gerahmte Titelbilder des „Compact“-Magazins kaufen: Kanzlerin Angela Merkel mit Kopftuch – als Islamisiererin Europas.

Und während sich immer noch in regelmäßigen Abständen der Hass in Form von Kundgebungen und Demonstrationen seine Bahn bricht, gibt es genauso regelmäßig Gegendemonstrationen und Friedensgebete.

Man sollte meinen, dass „patriotische Europäer“, die sich gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ engagieren, nichts gegen die Worte eines christlichen Gottesmannes hätten. Aber auch das ist bei Pegida anders. 

„Lasst mit euren Worten die Mauern der Frauenkirche erzittern, wo die Christenschäfchen drin sitzen und ihr Friedensgebet winseln. Auf dass die evangelischen Funktionäre, allen voran ihr Obermufti Heinrich Bedford-Strohm, mit der Islam-Arschkriecherei aufhören“, schnarrte der Münchner Pegida-Aktivist Michael Stürzenberger vor den etwa 5.000 Kundgebungsteilnehmern.

Klang nach Goebbels

Und als ob das noch nicht genug nach Goebbels geklungen hätte, rief er gleich danach dem Publikum zu: „Wollt ihr die Islamisierung Deutschlands?“ Dieses Mal antwortete die Masse mit „nein“. 

Eigentlich wollten die Organisatoren von Pegida dieses Mal auch über anderen Themen reden. Zum Beispiel über die Renten- oder die Bildungspolitik. Das stand zumindest in der Einladung zu der Veranstaltung, die auf Facebook veröffentlicht wurde.

David W Cerny / Reuters

Doch diese Themen fanden faktisch nicht statt. Die Redner schienen zu ahnen, was die Besucher der Kundgebung hören wollten. Und so sagte Lutz Bachmann, wie ein Conferencier, einen rechte Hetzrede nach der anderen an.

Zum Beispiel die von Anke Van dermeersch, die im Jahr 1991 zur „Miss Belgien“ gekürt wurde und mittlerweile als Politikerin für die rechtsradikale Partei „Vlaams Belang“ aktiv ist.

Sie war schon einmal bei Pegida zu Gast, im Dezember 2015. Und sie hielt weitgehend die gleiche hassgetriebene Rede wie damals, für die sie einen Anzeige wegen Volksverhetzung erhalten hatte.

“Europa im Krieg mit dem Islam”

„Das Kopftuch ist für Frauen wie die Rassel für die Leprakranken und der Stern für die Juden“, sagte Van dermeersch. „Allah liebt keine Frauen“, fuhr die Politikerin fort. „Der Islam zwingt Frauen, entweder Huren oder Sklavinnen zu sein.“

Ihr Parteikollege Filip Dewinter äußerte sich ähnlich radikal.

„Europa befindet sich im Krieg mit dem Islam“, so der Fraktionsvorsitzende von Vlaams Belang im belgischen Parlament. „Wie AIDS einwirkt auf die physische Widerstandsfähigkeit eines Menschen, so untergräbt die Multikultur die Identität und die Wehrhaftigkeit eines Volkes. 

Den Koran bezeichnete Dewinter wörtlich als „Lizenz zum Töten“.

Für solche Parolen gab es in Dresden begeisterten Beifall. Anders ging es dem Vertreter der Identitären Bewegung, der auf die Bühne kam, um ein Grußwort zu halten.

Er wirkte im Vergleich zu den anderen Rednern wie der Schülersprecher eines Eliteinternats, der sich aus Versehen auf die Jahreshauptversammlung eines garstig gealterten Bikerclubs verirrt hatte. Viel zu brav seine Worte, viel zu gemäßigt sein Gestus. Das Publikum wollte in Emotionen schwelgen.

Der “gesellige” Teil zum Abschluss

Diesen Gefallen tat ihnen Tommy Robinson, ein Rechtsextremist aus Großbritannien, der Pegida seit Jahren verbunden ist. Seine Inhalte trug er - wie gewohnt – mit der Liebenswürdigkeit eines fallenden Klappmessers vor.

„Lasst euch nicht täuschen, die muslimischen Invasoren wollen euer Land für sich haben“, sagte Robinson. „Um seinem Führer zu folgen, soll Mohammed mit allen möglichen Mitteln versuchen, das Land der Nicht-Muslime zu beherrschen und zu kontrollieren.“ 

Danach gingen die Pegida-Demonstranten zum geselligen Teil über: Sie bliesen schwarze, rote, gelbe Luftballons auf. Und sangen sie die Nationalhymne.

Erst gemeinsam in Angsträumen schwitzen und Hass ausbrüten, nur um dann mit Ballons zu wedeln – das ist Dresden im Herbst 2018. Vier Jahre, nachdem der Spuk begonnen hat.