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04/08/2018 11:32 CEST | Aktualisiert 04/08/2018 11:43 CEST

Viele Betroffene machen in der Rassismus-Debatte einen entscheidenden Fehler

Und es gibt drei einfache Wege, das zu verhindern.

justhavealook via Getty Images

Die “Causa Özil” wurde zum Dauerrenner: Wirklich jeder hatte zum Rücktritt des Fußballers aus der deutschen Nationalmannschaft eine Meinung und viele davon bestanden in der Essenz einfach nur daraus, alle anderen Meinungen doof zu finden.

Inzwischen ist daraus eine Debatte über das Thema Rassismus entstanden, in der sich immer wieder ein bekanntes Muster feststellen lässt: Dieses möchte ich hier für alle entschlüsseln, in der Hoffnung, dass wir in Zukunft erfolgreicher kommunizieren können.

Was bisher geschah:

Unter dem Hashtag #MeTwo teilen Menschen in den sozialen Netzwerken ihre subjektiven Erfahrungen mit Rassismus.

Eine Mehrheitsgesellschaft, die sich seit Jahrzehnten mit Werten wie Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit brüstet, muss sich nun von mehreren Minderheiten zu eben diesen Werten belehren lassen.

Das ist nicht leicht zu verdauen, zumal man vorher jahrzehntelang den Ursprungsländern dieser Minderheiten vorgeworfen hat, in genau diesen Punkten unzulänglich zu sein.

Einer Nation, die sich längst gesetzlich dazu verpflichtet hat, Gleichheit für alle durch ein anti-Diskriminierungsgesetz zu garantieren, fällt es merklich schwer zu akzeptieren, dass in Sachen Toleranz eine Lücke zwischen Anspruch und Realität klafft.

Die automatischen Reaktionen aus der Mehrheitsgesellschaft sind typisch für einen Machtkampf zwischen Mehrheit und Minderheiten, wie er bereits auch in der MeToo-Debatte zu sehen war.

 

So war zu beobachten: Wenn die bestehende Machtstruktur einer Gesellschaft infrage gestellt wird, indem Minderheiten die gleichen Rechte einfordern, dann gleichen die ersten drei Reaktionen einem reflexartigen Schutzmechanismus.

Der besteht aus drei Schritten: 1. Verdrängung (“Welches Rassismus-Problem?!“), 2. Verleugnung (“Gar nicht wahr!”) und 3. Verblendung (“Wir sind zu aufgeklärt, um rassistisch zu sein!“).

Das ist der impulsive Versuch, die eigene inzwischen vertraute und auch vorteilhafte Position zu wahren, und deshalb einer möglichen Veränderung entgegenzuwirken.

Das Gute: Auf lange Sicht funktioniert diese Strategie nie.

Das Problem: Viele fallen auf Provokationen herein und reagieren darauf. Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, die sich zu spalten scheint. 

Die #MeTwo-Debatte hat so zwei Nachteile: 1. Sie lädt praktisch dazu ein, den Begriff ‘Rassismus‘ subjektiv zu definieren. Und 2. Sie weckt zu große Erwartungen an die Empathie-Fähigkeit der Leser. Wer etwas nicht selbst erlebt hat, der wird die geschilderte Situation häufig anders bewerten, als derjenige, der sie selbst erlebt hat.

Ein Beispiel: Ich bin gebürtige Pakistani, was an meiner Haut- und Haarfarbe deutlich zu erkennen ist. Ich finde es ungerecht, wenn jemand zu mir sagt „DU kannst aber gut deutsch.“ Die Mehrheitsgesellschaft entscheidet nun, dass ich damit zu sensibel reagiere, weil hier weder eine böse Absicht, noch eine wirkliche Benachteiligung vorliegt.

Da kann ich alleine nicht gewinnen, auch wenn mich solche Aussagen nerven. Die #MeTwo-Bewegung ist der Versuch, meine Wahrnehmung zu stützen, indem sie zeigt, wie viele Menschen diese teilen.

Theoretisch ist es danach schwerer, sie als einfache Überempfindlichkeit abzutun, obwohl es in der Praxis trotzdem gelingt. Schließlich gehöre ich damit immer noch der Minderheit an. Ist es nun wirklich Unrecht oder bin ich nur überempfindlich? Es kommt auf die Perspektive an. Wir reden also unweigerlich aneinander vorbei.

Das Problem:

Die Kommunikation zwischen Mehrheit und Minderheit gelingt nicht, weil es viel zu große Unterschiede in der Wahrnehmung gibt. Das liegt daran, dass die Mehrheit über die Deutungshoheit verfügt, und darüber bestimmen kann, was eine Ungerechtigkeit ist, und was nicht. 

 

Ich selbst verstehe mich als Außenstehende, weil ich selbst nie schlimme Erfahrungen mit Rassismus in Deutschland gemacht habe. Trotzdem würde ich nie auf die Idee kommen, die geschilderten Erfahrungen der Menschen in Abrede zu stellen. Ich hatte einfach Glück.

Ich habe viel Überheblichkeit erlebt, die manchmal rassistische Vorurteile als Grundlage hatte, manchmal aber auch nicht. Natürlich höre ich oft “DU sprichst aber gut deutsch.“

Aus meiner persönlichen Sicht ist das lediglich eine subtile Art von Überheblichkeit. Man kann seinem Gegenüber in diesem Szenario ganz einfach erklären, warum das verletzend ist: “Stell dir vor, jemand traut dir nicht zu, dass du lesen kannst und sagt wohlwollend: ‘DU kannst aber gut lesen!’“

Häufig basiert dieser Fauxpas lediglich auf einem unbewussten Vorurteil, das durch ein nüchternes und freundliches Gespräch (alternativ durch herablassenden Sarkasmus) behoben werden kann.  

Ich lebe seit über drei Jahrzehnten in Deutschland und wurde bisher nur einmal als “Sch**-Paki” beschimpft. Allerdings handelte es sich dabei um Menschen, die nur kurz in einem Zug in meiner Nähe saßen. Ich war weder auf ihre Hilfe oder Freundlichkeit angewiesen, noch war ich irgendwie gezwungen, mit ihnen zu interagieren. Ich konnte sie einfach ignorieren, und sie hatten keinerlei Macht über die Situation oder über mich.

Interessant ist aber, dass diese jungen Männer selbst offensichtlich Migranten waren. Sie konnten akzentfrei Deutsch sprechen, unterhielten sich untereinander aber zusätzlich in einer Sprache, die ich nicht erkannte. Dennoch verstehe ich mich hier nicht als “Opfer von Rassismus”, weil sie nicht meine Lehrer oder Arbeitgeber oder Sachbearbeiter waren.

Sie gehörten nicht einmal der einflussreichen Mehrheit an, die ihre Vormachtstellung durch ein rassistisch begründetes Weltbild zu verteidigen sucht. Sie waren eher eine machtlose Minderheit, die sich auf Grund von ethnischen Unterschieden einen Moment lang stark fühlen wollte.  

Es kommt oft vor, dass benachteiligte Minderheiten versuchen, ihr Gefühl von Machtlosigkeit damit zu kompensieren, sich gegenüber anderen Minderheiten zu behaupten. Das führt zum sogenannten interminority racism – ein Phänomen, das ich vereinzelt beobachtet habe: Sunnitische Muslime gegen alevetische oder schiitische Muslime, Türken gegen Kurden, Pakistani gegen andere Pakistani.

Diese Form von Rassismus wird allerdings selten thematisiert. Und das bringt mich zum größten Problem dieser Debatte: Sie wirkt auf sehr viele Menschen scheinheilig.

Wieso die Debatte scheinheilig wirkt:

Der Eindruck der Scheinheiligkeit kommt zustande, weil es in den Schilderungen der subjektiven Wahrnehmung nur eine Sichtweise gibt. Wie das Beispiel mit den Deutschkenntnissen: In dieser Anekdote geht es mir in erster Linie darum wie es MIR dabei geht.

Was mein Gesprächspartner beabsichtigt haben könnte, ist für mich zweitrangig. Zusätzlich erweckt der Fokus auf die eigenen Erlebnisse den Anschein, dass mir als Muslima nur antimuslimischer Rassismus wichtig sei, weil ich mich scheinbar nie über Antisemitismus aufrege.

Ein weiteres Problem ist der Subtext dieser Debatte: eine Beschwerde über Rassismus suggeriert für viele, dass Deutschland rassistisch sei. Es wird also nicht als Aufruf zu mehr Gerechtigkeit, sondern als Verleumdung und als Angriff wahrgenommen, insbesondere dann, wenn einige Posts unter diesem Hashtag eine subtile Abgrenzung zwischen “Wir“ und “Sie“ enthalten.

“WIR” sind diejenigen, die selbst ähnliche Erfahrungen gemacht haben, und “SIE” sind diejenigen, die uns entweder selbst benachteiligen oder es schweigend zulassen. Diese Auffassung führt in der Regel zu Aufforderungen wie “Wenn wir dir zu rassistisch sind, dann zieh doch zurück nach Türkistan.“

Es steht außer Frage, dass es eine klare Grenzüberschreitung ist, über den Wohnsitz anderer Leute bestimmen zu wollen. Dennoch kann man diesen zugrundeliegenden Missverständnissen ganz leicht entgegenwirken:

  1. Man sollte unterscheiden zwischen einfacher Misanthropie und Rassismus.
  2. Hin und wieder auch mal die Erlebnisse von anderen retweeten oder teilen, um zu zeigen, dass jede Form von Ungerechtigkeit gemeint ist, auch wenn man selbst nicht betroffen ist.
  3. In den Posts deutlich machen, dass man dieses Land und seine Werte schätzt und dass man hier auch Güte erlebt hat.

Für alle die solche Erfahrungen machen mussten – ob Muslim, Christ, Araber, Türke, Pole, Russe, Deutscher, Linkshänder, Schwule, Lesben, Adoptierte, Hörgeschädigte, Übergewichtige, Untergewichtige und sonst alle anderen Minderheiten – möchte ich sagen: Es ist furchtbar, dass ihr das erleben musstet und ich finde es gut, dass ihr darüber sprecht!

Lasst uns bitte nur nicht vergessen, dass dieses Gespräch keine Pauschalverurteilung zum Ziel haben sollte, sondern als Eisbrecher gedacht war, um konstruktive Gespräche einzuleiten.

Dafür brauchen wir Deeskalation und mehr Nüchternheit. Eine Veränderung ist ja bereits eingeleitet und die ist auch nicht mehr aufzuhalten, auch nicht mit einer modernen Rassentheorie von einem Thilo Sarrazin.

Deshalb appelliere ich dafür, diese Machtkämpfe weniger persönlich zu nehmen.

Auch die Mehrheitsgesellschaft sollte sich in diesem Dialog darauf verlassen können, dass man ihre Sicht der Dinge auch glaubt, zum Beispiel wenn jemand sagt, dass keine böse Absicht hinter einer Aussage steckt.

Dann fällt es auch viel leichter über das Miteinander zu sprechen, und zwar so, dass es wirklich alle verstehen.