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16/10/2018 12:48 CEST | Aktualisiert 16/10/2018 12:48 CEST

Viele "besorgte Bürger" fühlen sich entwertet und gedemütigt

Diakonie-Chef Ulrich Lilie findet, dass zu viele Menschen in Deutschland ungehört blieben.

Diakonie Fotograf Thomas Meyer OSTKREUZ
Diakonie-Chef Ulrich Lilie. 

Ulrich Lilie ist Chef der Diakonie, des Wohlfahrtsverbands der evangelischen Kirchen in Deutschland. Er hat sich Zeit genommen, Menschen zuzuhören. Menschen, die nach seiner Wahrnehmung in der Diskussion über die Zukunft Deutschlands “unerhört” geblieben sind.

Weil man sie nicht ernst genommen hat oder weil sie sich nicht getraut haben, etwas zu sagen. 

Lilie will niemanden in Schutz nehmen, der Menschlichkeit ablehnt. Er will verstehen. Und etwas verbessern in Deutschland.

Ich erinnere mich noch heute, welche Wut ich damals auf den Musiklehrer an meinem Gymnasium hatte. Ich sollte vorsingen, vom Blatt singen, obwohl er wusste, dass ich noch keine Noten lesen konnte.

Ich habe mich so gedemütigt gefühlt, entwürdigt, bloßgestellt.

Wenn ich mir heute die öffentliche Diskussion so ansehe, glaube ich, dass es Tausenden so ähnlich geht wie mir damals.

Los, sing mal

Die Menschen sollen mit den Anforderungen an sie zurechtkommen und damit basta. Nach dem Motto: Los, sing mal.

► Damit, dass sie jetzt aus den Metropolen wegziehen müssen, weil sie ihre alte Wohnung nicht mehr bezahlen können. Damit, dass ihr Häuschen auf dem Land, ihre Altersversicherung, nichts mehr wert ist.

► Damit, dass die Welt um sie herum plötzlich bunter wird.

► Damit, dass die Welt sich in einem Tempo verändert, das ihnen Angst macht.

► Damit, dass ihre Lebensleistung finanziell so wenig wert ist, dass sie als Rentner dazuverdienen müssen. Damit, dass ihre Lebensleistung plötzlich auch ideell abgewertet wird. Egal, wie hart jemand malocht hat, es war ja nichts “Besonderes”.

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Wer definiert, was wertvoll ist – und was wertlos

Was wertvoll ist, definiert im öffentlichen Diskurs heute eine urban geprägte international mobile Mittelklasse. Sie muss gar nicht im finanziellen Sinn tonangebend sein, viele Akademiker hangeln sich heute von Projekt zu Projekt und haben de facto prekäre Arbeitsverhältnisse. Aber sie dominieren die Politik und die Medien. Sie sagen, wie andere die Welt zu sehen haben.

Die frühere Mittel- und heutige Unterklasse aus Nicht-Akademikern fühlt sich abgewertet. Obdachlose, Hartz-IV-Empfänger, Flüchtlinge und Menschen in anderen Notlagen sowieso. Und das erzeugt Wut. Viele widersetzen sich dem Leistungsdruck durch Tabubruch.

Sicherlich müssen wir auch Grenzen ziehen: Gestandene Neonazis wird man nicht für Demokratie gewinnen. Dafür gibt es Verfassungsschutz und Polizei.

In einem der reichsten Länder der Welt mit geringer Arbeitslosigkeit und stabiler Wirtschaft wirkt Angst leicht wehleidig.

Aber die Unterschiede in Deutschland wachsen, in der einen Region ist tote Hose, in der nächsten boomt das Leben.

Man kann Gefühle nicht wegrationalisieren

Und selbst wenn die Angst nach der Faktenlage unbegründet sein sollte: Man kann Gefühle nicht wegrationalisieren. Ich bin manchmal ein bisschen erschrocken, wie wenig emotionale Intelligenz in der Politik verbreitet ist.

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Ich sage nicht, man muss die Leute erstmal brüllen lassen, dann ist alles fein.

Ich sage nicht, dass wir nur noch mit gefühlten Wahrheiten operieren sollten. Wir sehen in den USA, wohin es führt, wenn Populisten Gefühle instrumentalisieren.

Wir müssen die Gefühle besprechbar machen

Wir müssen die Gefühle ernst nehmen. Sie orientierbar und damit besprechbar machen. 

Das geht nur, wenn wir der Empörung Raum geben, sich auszudrücken. Wenn wir uns die Mühe machen, die Wut zu verstehen. Und dann darüber ins Gespräch kommen.

Ich habe einmal einen Brief bekommen, in dem stand, Flüchtlinge sollten bleiben, wo sie herkommen.

“Wir sind Rentner und erhalten nach 46 Jahren Arbeitszeit im Schnitt 1250 Euro Rente. Netto. Unsere Mieten liegen aber zwischen 900 und 1000 Euro. Deswegen müssen wir uns alle etwas dazu verdienen, sonst hätten uns unsere Vermieter längst gekündigt.

Ich bin seit über einem Jahr auf der Suche nach einer Sozialwohnung. Und immer, wenn ich dachte: ‘Jetzt klappt es!’, setzt das Wohnungsamt mir irgendwelche Flüchtlinge vor die Nase. (...) Bevor weitere Flüchtlinge kommen, müssen erst ein paar Millionen Sozialwohnungen gebaut werden, damit auch deutsche Rentner, die nicht mehr wissen, wie sie ihre Miete bezahlen sollten, zu günstigen Wohnungen kommen.”

Wenn jemand ein Leben lang gearbeitet hat und seine Wohnung nicht bezahlen kann, läuft etwas schief. Dafür den Sündenbock bei den Schwächsten zu suchen, ist eine völlige Verschiebung der Realitäten

Konstruktiv streiten – aber nicht auf der Pegida-Demo

Da muss man dann konstruktiv streiten. Die Menschen auf einer Pegida-Demo anzusprechen, wird allerdings nicht funktionieren.

Man muss Gelegenheiten schaffen, bei denen Menschen ins Gespräch kommen.

► Die Diakonie hat zum Beispiel Karten-Turniere mit vorheriger Rede-Runde organisiert.

► Die Aktion “Deutschland spricht”, die verschiedene Medien jetzt organisieren, ist eine gute Sache.

► Es gibt gemeinschaftlich genutzte Gärten, in denen sich Menschen verschiedener Schichten begegnen. Vereine.

► Die Diakonie veranstaltet in ganz Deutschland “Unerhört”-Foren. Wir wollen in Ruhe denen zuhören, über die sonst nur geredet wird. Die, die gern als “besorgte Bürger” abgekanzelt werden. Gerade in Gegenden, wo die Stimmung kippt, sollten Politiker das auch einmal machen: einfach zuhören.

Die Angst, an den Pranger gestellt zu werden

Bei den Treffen haben wir gemerkt, wie groß die Scheu der Menschen ist, wie groß ihre Angst, an den Pranger gestellt und als Rassisten, Nationalisten und Kleingeister verfrühstückt zu werden.

Ich sage das mit aller Selbstkritik: Wir kleben in Deutschland Menschen sehr schnell Etiketten an den Kopf. Die Undifferenziertheit, das Krach- und Krawallmachen findet sich bei Rechten, Liberalen und Linken.

Es wird nicht funktionieren, wenn wir uns den Status der Rechtgläubigen verleihen und die anderen zu Nichtverstehern erklären. Es ist mühevoll, den eigenen Standpunkt in Frage zu stellen. Aber wenn man souverän auf dem Boden der Demokratie steht, wird einen das nicht umwerfen. Man lernt dazu.

Aber wir können nicht bei der Empörung stehen blieben wie ein Kind vor dem Bonbonregal. Nur dagegen zu sein, ist zu wenig.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet. 

Ulrich Lilie ist Autor des eben erschienenen Buchs “Unerhört! Vom Verlieren und Finden des Zusammenhalts”.

Herder

(jg)