POLITIK
08/01/2019 15:51 CET | Aktualisiert 08/01/2019 17:13 CET

Verschleppt im Iran: Wie eine Familie an der Willkür des Mullah-Regimes zerbricht

Xiyue Wangs Sohn glaubte, böse Mächte halten seinen Vater gefangen.

LEVENTE SZABO FOR HUFFPOST
Xiyue Wangs Sohn glaubte, dass sein Vater von bösen Mächten in einem von einem Drachen bewachten Burgverließ gefangen gehalten wird.

An einem Sommerabend vor ein paar Jahren nimmt Shaofans Vorschullehrer dessen Mutter Hua Qu zur Seite. Shaofan hatte behauptet, sein Vater sei von bösen Menschen in ein Verlies in einem großen Schloss gesperrt worden, das von einem schrecklichen Drachen bewacht wird. 

Spielte Shaofan nur? 

Qu versuchte, diskret zu reagieren. Doch schon damals hatte sie monatelang versucht, ihren Ehemann wieder nach Hause zu bringen. Xiyue Wang, ein Doktorant an der Princeton University, war im Iran verhaftet und eingesperrt worden. 

Und an jenem Sommerabend hatte sein Sohn Shaofan sich mit seinem dreijährigen Verstand versucht zu erklären, warum sein Vater auf einmal verschwunden war. 

20 Tage lang ist Wang spurlos verschwunden

Shaofan hatte eine enge Bindung zu seinem Vater.

Bevor Wang verschwand, brachte er seinen Sohn jeden Morgen zum Kindergarten und holte ihn jeden Nachmittag dort wieder ab. Als Doktorant hatte er Zeit dafür. Seine Frau Qu ermöglichte Wang so das Pendeln zwischen New Jersey und New York, wo sie als Anwältin arbeitete. 

Dann, im May 2016, reiste Wang in den Iran, um in historischen Archiven Recherchen für seine Doktorarbeit anzustellen. Die Reise schien ohne großes Risiko: Wang wollte uralte Dokumente studieren, die nichts mit der Politik im modernen Iran zu tun haben; schon einmal war er dafür in den Iran gereist.

Und obwohl das iranische Regime in den vergangen Jahren einige US-Bürger mit iranischen Wurzeln verhaftet hatte, gab es für den in China geborenen Wang keinen Grund zu erwarten, dass auch er ins Visier der iranischen Behörden geraten könnte. 

Doch als Wang seine zweite Reise nach Teheran antrat, verbaten ihm iranische Beamte den Zugang zu den Dokumenten, die er einsehen wollte. Dann verhörten sie ihn, nahmen ihn fest und steckten ihn ins Gefängnis. 

20 Tage lang konnte Qu ihren Ehemann nicht erreichen. Als er sie Ende August endlich anrief, saß er schluchzend in Teherans berüchtigtem Foltergefängnis Evin. 

Anfangs verheimlicht Qu die Gefangenschaft Wangs

Nach Wangs Verschwinden fragte Shaofan ständig nach seinem Vater. Er zeigte auf Flugzeuge, die er am Himmel entdeckte und fragte, ob sein Vater darin und auf seinem Weg nach Hause sei. Qu erzählte ihrem Sohn, sie hoffe, dass Papa bald nach Hause kommt. 

Sie wusste nicht, wann Wang zurückkehren würde und glaubte nicht, dass ihr Sohn alt genug sei, um die ganze Wahrheit zu hören. Aber anlügen wollte sie ihn auch nicht. 

Hua Qu
Xiyue Wang und sein Sohn Shaofan – vor Wangs Verhaftung im Iran. 

Bald verschlang ihr Bemühen, Wang zu befreien, Qus gesamtes Leben. Sie kündigte ihren Job als Anwältin in New York und begann für eine Pharmafirma in New Jersey zu arbeiten – damit sie näher bei Shaofan sein konnte. 

Anfangs verheimlichte Qu die Gefangenschaft ihres Mannes. Sie hoffte, sie könnte in seinem Fall eine stille Lösung herbeiführen. Qu bat die chinesische Regierung, für Wang einzustehen. Doch die Iraner wollten nur einen Deal mit den USA eingehen. Die Vereinigten Staaten hatten vor Kurzem Anklagen gegen sieben iranische Staatsbürger fallen gelassen, um vier US-Bürger aus dem Land freizukaufen. 

Doch als Wang in Teheran verhaftet wurde, brach gerade Präsident Barack Obamas letzter Monat im Amt an. Dessen Regierung hatte also keine Verhandlungsmacht; der Iran verhaftete in der Zeit nach dem Gefangenenaustausch außer Wang noch drei weitere US-Bürger. 

Shaofan stellt Fragen über das Leben nach dem Tod

Wang schmachtete im Gefängnis. Zu Beginn seiner Haft erzählte er Qu, dass er daran gedacht habe, sich umzubringen. Zwei Jahre vergingen. Shaofan sprach immer weniger über seinen Vater.

Qu fühlte sich zerrissen. Sie wollte nicht, dass ihr Sohn Wang vergisst. Aber sie wollte auch nicht, dass er sich schlecht fühlt, weil er ständig an seinen Vater denkt. Sie bemerkte, wie sehr ihr Sohn unter Wangs Abwesenheit litt – auch wenn er nicht mehr so oft über seinen Vater sprach. 

Shaofan tat sich im Kindergarten schwer. Er traute sich nicht, mit den anderen Kindern draußen zu spielen – sein Papa hatte keine Chance, ihm Ballspiele beizubringen und Qu hatte von Sport kaum Ahnung. 

Er begann, Fragen über das Leben nach dem Tod zu stellen. Qu wunderte sich, ob Shaofan diese fragte, weil er sich um seinen Vater Sorgen machte. 

Qu bekommt Antworten, aber keine neuen Informationen

Im vergangenen Sommer, nachdem Wang fast ein Jahr lang im Geheimen gefangen gehalten wurde, machte der Iran seinen Fall öffentlich und gab bekannt, dass Wang wegen Spionage zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. 

Qu änderte ab da an ebenfalls ihre Strategie. Im November 2017 trat sie im Fernsehen auf und bat US-Präsident Donald Trump darum, mit den iranischen Behörden über eine Freilassung ihres Ehemanns zu verhandeln. Im Frühjahr 2018 sprach sie bei einem Protest an der Princeton University. Im September des Jahres reiste sie nach New York um bei der UN-Generalversammlung mit Regierungsmitarbeitern der USA zu sprechen. 

Mittlerweile spricht Qu fast jede Woche mit Beamten beim US-Außenministerium. Sie bekommt Antworten, aber keine neuen Informationen. Qu hofft noch immer, dass Trump, der damit prahlte, dass seine Regierung US-Bürger aus Nordkorea, Ägypten, Venezuela und der Türkei befreit hat, als nächstes Wang nach Hause bringt. 

Doch die ohnehin schon angespannten Beziehungen der USA zum Iran haben sich unter Trump noch verschlimmert, seit dem dieser aus dem 2015 geschlossenen Atomabkommen mit dem Land ausgetreten war. Es war der Iran-Deal, der den Gefangenenaustausch unter Obama erst ermöglich hatte. 

Während Qu wartet, bekommt sie fast täglich Anrufe von Wang. Sie versucht, am Telefon nicht zu weinen und ihren Ehemann wissen zu lassen, wie viel Stress es für sie bedeutet, alles alleine zu bewerkstelligen. 

Wang macht sich Sorgen, dass sein Sohn ihn vergessen wird 

Es gibt nichts, was Wang tun kann – er hat seine eigenen Probleme: Arthritis, einen Ausschlag auf dem Kopf, Depressionen. Selbst im Gefängnis macht Wang sich noch Sorgen, dass er seine Doktorarbeit nicht beenden kann. Er liegt nun Jahre hinter den anderen Doktoranden zurück und weiß nicht, ob er seine Recherchen zu Ende bringen kann, selbst dann wenn er entlassen wird. 

Wang macht sich Sorgen, dass sein Sohn ihn vergessen wird. 

Im September 2018 hat Qu eine seltene gute Nachricht für ihren Ehemann. Als sie Shaofans Schulmappe öffnet, findet sie darin ein Bild das er gemalt hat: Shaofan in der Mitte, zwischen Mama und Papa, darüber Schneeflocken.

Qu glaubt, dass ihr Sohn das Bild aus der Erinnerung an den letzten gemeinsamen Tag mit beiden seiner Eltern gemalt hat. Es war ein kalter Tag im Januar 2016, die Familie machte Schneeengel und fuhr Schlitten auf dem Princeton-Campus. 

Es war das erste Mal, dass Shaofan seinen Vater in einem seiner Bilder zeichnete. 

Hua Qu
Shaofans Bild von sich und seinen Eltern. 

Doch Shaofan kommt nur noch selten ans Telefon, wenn Wang anruft. Er ist jetzt fünf – und hat hat fast sein halbes Leben ohne seinen Vater an seiner Seite gelebt. Es fällt ihm schwer, dessen Stimme über den Hörer zu erkennen. 

Einmal fragt Wang seinen Sohn, ob er sich noch erinnern könne, wie er immer auf Papas Schultern saß, damals als sie noch gemeinsam zur Bäckerei gingen, um einen Donut oder einen Bagel zu kaufen. 

“Ich bin jetzt fünf und du kannst mich nicht mehr tragen”, antwortet Shaofan. 

Am anderen Ende der Leitung herrscht ein langes Schweigen. 

Dieser Artikel erschien zuerst in der HuffPost US und wurde von Josh Groeneveld übersetzt.