Immer mehr Bauern in Afrika lassen sich von der Wiederauffforstungs-Methode Rinaudos inspirieren.
Silas Koch/right livelihood award/dpa
Immer mehr Bauern in Afrika lassen sich von der Wiederauffforstungs-Methode Rinaudos inspirieren.
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09/01/2019 14:08 CET | Aktualisiert 16/01/2019 11:42 CET

"Verrückter weißer Bauer": Wie ein Australier Armut und Hunger in Afrika bekämpft

“Niemand auf der Welt müsste hungern. Überall wachsen Bäume unter der Erde.”

Die Luft flimmert. Es ist so heiß, dass die Sonne auf der Haut brennt, Sand soweit das Auge reicht. Tony Rinaudo steigt aus seinem Wagen. Er muss Luft aus den Reifen lassen, damit sie auf der holprigen Sandpiste nicht platzen. Und dann sieht er sie. Sie ragen überall aus dem Boden: kleine, grüne Büschel.

Seit Monaten fährt der Australier jede Woche diese Sandpiste in der Sahelzone im Niger entlang. Doch nie hat er wahrgenommen, dass die Lösung für alles, was er sucht, schon die ganze Zeit so offensichtlich vor ihm lag, berichtet der heute 61-jährige Rinaudo der HuffPost von dem Tag vor über drei Jahrzehnten, der sein Leben verändern sollte.

Rinaudo stammt aus dem Norden des australischen Bundesstaats Victoria. Er studierte Landwirtschaft an der Universität von New England in Armidale, arbeitete dann als Entwicklungshelfer für eine NGO und landete so Anfang der 1980er Jahre im Niger.

Wie schon viele vor ihnen, begannen auch Rinaudo und seine Kollegen Bäume zu pflanzen, in einem Land, in dem die Menschen jahrzehntelang jeden Strauch abgeschnitten hatten, um Platz für den Hirse- und Sorghum-Anbau zu haben. 

Doch Bäume bieten Schutz vor Hitze und Wind, machen Böden nährstoffreicher und feuchter, verhindern Erosion, liefern Brennholz – und sie binden CO2.

“Wir dachten, das sei die Lösung, um das Land wieder fruchtbarer zu machen und Hunger und Armut zu bekämpfen. Aber es war ein Desaster. Es war teuer, es war schwierig und die Farmer waren nicht interessiert”, sagt Rinaudo nun über die anfänglichen Versuche.

Er und seine Kollegen seien sehr frustriert und kurz davor gewesen, aufzugeben, ihre Arbeit habe sich nach Zeitverschwendung angefühlt.

Und dann kam der Tag auf der staubigen Straße in der Sahelzone. Er sollte dazu führen, dass Rinaudo Tausenden Menschen in Afrika zu einem besseren Leben verhelfen konnte. Und das mit Bäumen. 

“Das öffnete mir die Augen” 

Der Bundesstaat Victoria, aus dem Rinaudo stammt, ist eine landwirtschaftlich geprägte Region. Rinaudo verstand schon als Kind nie, weshalb die Farmer alle Bäume von ihren Feldern gefällt hatten, erzählt er. Bäume faszinierten ihn schon immer.

“Als ich noch jung war und über Nachrichten mitbekam, dass viele Kinder in Afrika Hunger leiden, wurde ich wütend”, sagt der 61-Jährige der HuffPost. “Aber als ich klein war, wusste ich natürlich nicht, was ich dagegen tun sollte.”

Nun in den 1980er Jahren bekam er die Chance dazu. 

An dem Tag, an dem Rinaudos Blick in der trockenen Hitze Nigers auf die kleinen grünen Büschel fiel, fing er an, mit seinen Händen in den heißen Sand zu buddeln.

Als ich tiefer grub, erkannte ich, dass unter diesen Büscheln ein riesiges Wurzelwerk, ein unterirdischer Wald lag. Das öffnete mir die Augen”, sagt der Agrarwissenschaftler.

Niemand musste den Bauern Bäume bringen, die sie neu Pflanzen müssen, die nicht mit der Trockenheit zurecht kommen oder von Ziegen gefressen werden, bevor sie richtig Wurzeln schlagen können. Die Bäume sind längst da. Die Bauern können die vorhandenen Baumreste selbst renaturieren und wiederaufforsten – Farmer managed natural regeneration (FMNR) nennt Rinaudo seine Methode.

Die Bauern wollten jeden Zentimeter ihres Landes nutzen, um Getreide anzubauen

“Mir wurde klar, dass das Einzige was sich ändern muss, die Einstellung der Menschen ist. Sie müssen verstehen, warum Bäume wichtig sind”, betont er.

Bäume sind wichtig in einem Land, in dem es so trocken und heiß ist wie im Niger. Ohne Bäume gibt es für das Getreide auf den Feldern keinen Schutz vor Sturm, vor Hitze und die Böden sind weniger nährstoffreich.

“Die Leute nannten mich den verrückten weißen Bauern. Ihrer Meinung nach benötigten sie jeden Zentimeter ihres Landes, um Lebensmittel anzubauen. Sie waren hungrig, hatten kaum Geld und meine Idee wirkte verrückt.”

Doch Rinaudo fand eine Handvoll Freiwilliger, die der Idee eine Chance geben wollten. Der Durchbruch kam 1984. Damals litten die Menschen im Niger unter einer großen Dürre und Hungersnot.

“Wir sagten den Bauern, sie sollten 20 bis 30 Bäume pro Hektar stehen lassen. Die Menschen hassten es, sie hielten mich für böse. Aber sie versuchten es. Sie hatten kaum etwas zu verlieren”, erzählt Rinaudo. 

Die Landschaft wurde wieder grün, die Erträge stiegen

Das ist jetzt über 30 Jahre her. Und Rinaudos Idee hat das Leben der Menschen grundlegend verändert. Aus den Wurzeln der abgeschnittenen Bäume sprossen neue Bäume und Sträuche, mit Rinaudos Methode konnten bislang fünf Millionen Hektar Land im Niger regeneriert werden, 300 Millionen neue Bäume sind gewachsen.

Silas Koch/right livelihood award/dpa
Das Einzige, was die Bauern tun müssen: Die Baumtriebe erhalten, sie vor Ziegen und Feuer schützen und regelmäßig beschneiden.

Vormalige Wüsten sind wieder grün, die Erträge der Bauern seien doppelt bis dreifach so hoch als ohne die Bäume, berichtet Rinaudo. Das Mikroklima hat sich im Niger nachweislich verbessert.

Die Blätter binden Stickstoff, Wurzeln schützen die Böden vor Erosion, die Bäume spenden Schatten, schützen vor Sturm. Brennholz muss nicht mehr kilometerweit angeschleppt werden. 

Das Einzige, was die Bauern dafür tun müssen: Die Baumtriebe erhalten, sie vor Ziegen und Feuer schützen und regelmäßig beschneiden. Die Bäume, die dann wachsen, sind bestens an das lokale Klima angepasst.

Viele afrikanische Bauern waren anfangs skeptisch

Als Rinaudo klar wurde, wie viel Potenzial in seiner simplen Methode steckt, begann er, durch die ganze Welt zu reisen. Er bietet Workshops an und versucht, Bauern von seinem Konzept zu überzeugen.

In vielen afrikanischen Ländern stieß der “verrückte weiße Bauer” auf Skepsis. Zu oft vertrauten die Menschen schon Organisationen und Unternehmern aus dem Ausland. Zu oft hatten diese nur im Sinn, sie auszubeuten, sie noch ärmer zu machen, ihren Hunger nicht zu stillen.

Meistens waren es Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, die die Menschen dem weißen Mann dann doch zuhören ließen.

World Vision

Inzwischen hat der Australier eine ganze Bewegung von Landwirten inspiriert, die Sahelzone neu zu begrünen.

Auf Fotos ist zu sehen, wie Rinaudo auf einem Acker im südäthiopischen Humbo kniet. Trekkingsandalen, Stoffhose und in der Hand ein Taschenmesser. Er zeigt den Dorfbewohnern, wie er einen Sprössling stutzt, ein paar Äste abzweigt.

“Niemand auf der Welt müsste hungern”

Die Methode des Australiers hat die Region Humbo in ein grünes Paradies verwandelt. Wo einst karge Hügel lagen, ist jetzt alles grün.

Bauer Ergene erzählt der Hilfsorganisation “World Vision”, für die Rinaudo inzwischen arbeitet:

“Vor FMNR waren die Hügel sehr trocken. Erosion war ein großes Problem. Immer wenn es regnete, gab es große Überflutungen. Riesige Felsbrocken rollten den Berg hinab und zerstörten unsere Ernten. Manchmal blieb der Regen komplett aus, dann vertrocknete das Korn. Ohne Nahrungsmittelhilfe wären wir hier alle verhungert.”

Inzwischen bauen die Menschen Mangos, Papayas, Kartoffeln, Kaffee, Sojabohnen und Mais an. Kinder können in die Schule gehen, denn sie müssen nicht mehr los, um Brennholz und Wasser für ihre Familien zu holen.

Die Erträge ihrer Ernte können die Menschen auf dem Markt verkaufen. Sie leiden keinen Hunger mehr, sind nicht mehr so arm.

“Niemand auf der Welt müsste hungern. Durch FMNR können riesige Teile der Erde wieder begrünt werden. Überall wachsen Bäume unter der Erde”, sagt Rinaudo “World Vision”. 

Doch es sind nicht nur Hunger und Armut, die Rinaudo umtreiben, sondern auch der Klimawandel. Die globale Temperatur steigt, das Klima wird ein immer wichtigerer Faktor in der afrikanischen Landwirtschaft.

“Ich bin überzeugt, dass in Tropen- und Wüstenregionen in Zukunft nur die Landwirte überleben können, die Bäume haben. Nur sie können Getreide anbauen, das überlebt”, sagt Rinaudo. 

Und Bäume binden CO2. Im Niger wurde nachgewiesen, dass die neu gepflanzten Bäume pro Hektar eine Tonne CO2 binden, in Äthiopien sind es sogar 15 Tonnen.

Die neu gepflanzten Bäume und Sträucher binden tonnenweise CO2

Die Methode ist einfach, schnell und günstig. Und bedarf keiner komplizierten Technologie.

Doch obwohl Rinaudo schon jahrzehntelang auf der ganzen Welt für seine Methode kämpft, glaubt er, dass ihn und seine Arbeit die wenigsten Entscheidungsträger kennen.

“Die Regierungen sind besorgt wegen Flüchtlingen und Terrorismus. Aber vieles davon hängt mit dem Zerfall von Land zusammen. Das lässt die Menschen verzweifeln, sie könnten in ihrer Heimat nicht überleben. Also flüchten sie”, warnt der Australier im Gespräch mit der HuffPost.

2018 erhielt er den Right Livelihood Award, den alternativen Nobelpreis, der “für die Gestaltung einer besseren Welt” verliehen wird.

Rinaudo hofft, dass seine Idee auch in der Politik noch mehr Gehör findet. Seinen Optimismus wird er so schnell nicht verlieren: ”Überall, wo wir die Methode erfolgreich eingeführt haben, verbreitete sie sich wie von selbst weiter. Das gibt mir Hoffnung für die Zukunft.”

Im Niger werden laut “World Vision” inzwischen viele Kinder auf den Namen Tony getauft. 

(jg/ll)