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29/01/2018 19:07 CET | Aktualisiert 29/01/2018 19:07 CET

Verramscht, weggeworfen, ausgestellt: Restkultur DDR in Culver City

TASCHEN Verlag

Reise durch ein untergegangenes Land

Das Wendemuseum in Culver City bei Los Angeles, benannt nach dem historischen Zeitraum um den Mauerfall 1989, beherbergt in einer ehemaligen Waffenkammer der Nationalgarde aus dem Jahr 1949 eine der weltweit umfangreichsten Sammlungen mit Artefakten aus der DDR - von Stasi-Spionagewerkzeugen und Schildern vom Checkpoint Charlie über eine Ansammlung an ostdeutschen Haushaltsprodukten und Designobjekten. Ziel ist es, alle schönen und schrecklichen Details dieser verschwundenen Welt möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen. Zu finden sind hier etwa 100.000 Artefakte aus der DDR, darunter Speisekarten, Mitropa-Geschirr, Filmplakate, Zigarettensorten, Bilder, Poster, Fotoalben, Familienalben, Plattenhüllen, Möbel, Spielzeug, Kunst und Design. Die hier gesammelten Dinge stammen häufig aus Situationen, in denen sie nur noch als Müll angesehen wurden: 1990 entsorgten die DDR-Bewohner 19 Millionen Tonnen Müll (1,2 Tonnen pro Person). Das war dreimal so viel wie die bundesdeutsche Pro-Kopf-Rate in diesem Zeitraum. „Eine ganze Kultur verschwindet, weil sie noch nicht als historisch, sondern nur als alt angesehen wird", sagt der Historiker Dr. Justinian Jampol, dessen Arbeitsschwerpunkt auf dem Gebiet der Visual Cultural Studies und dem Zusammenhang zwischen zeitgenössischer Kunst und der Ikonografie des Kalten Krieges liegt. Als die Mauer fiel, war der US-Amerikaner elf Jahre alt.

Seit dem Jahr 2000 sammelt er Designobjekte, Artefakte und Alltagsgegenstände aus der DDR (1949 bis 1989). 2002 gründete er das Wendemuseum. Damals studierte er noch an der Oxford-Universität und machte seinen Master im Fach Russian and East European Studies. Während eines Semesters in Berlin fand er im offiziellen Bundesarchiv nicht das passende Quellenmaterial, das er zur Beantwortung seiner Fragen in Bezug auf den Alltag in der ehemaligen DDR benötigte. Er beobachtete, dass einzelne Bruchstücke der Geschichte regelrecht ausradiert wurden. „Die materielle Kultur der DDR und die Art und Weise, wie diese ,Dinge‘ seit 1989 gesammelt, verramscht, ignoriert, weggeworfen, ausgestellt und verlacht werden, zeigen, inwieweit die Geschichte der DDR immer noch die Gemüter entzweit und keinen Konsens gefunden hat.“

Um herauszufinden, was kulturell relevant ist, musste er zunächst herausfinden, wo sich die faszinierendsten DDR-Relikte befinden. Er durchsuchte Keller, Dachböden, Flohmärkte und Atomschutzbunker und fand hier „Dinge, die die Leute traumatisierten, die sie liebten und wegwarfen." Mit dem Akt des Zusammenstellens soll ein Nachdenken herausgefordert und angeregt werden, das auf unser gegenwärtiges Sein zurückwirkt.

Nach Erweiterung und Umbau präsentiert das Wendemuseum seit November 2017 seine Sammlung auf erweiterter, großzügiger Fläche im historischen Armory Building von Culver City, einem ehemaligen Zeughaus der US National Guard aus der McCarthy-Ära, das von Michael Boyd, Christian Kienapfel und Benedikt Taschen für das Museum umgestaltet wurde. Das Gebäude beherbergt die Sammlung 75 Jahre - erworben wurde es für einen Dollar. Allerdings musste es das Geld für die Renovierung selbst aufgebracht werden. Der Verleger Benedikt Taschen gehört zu den finanziellen Unterstützern.

TASCHEN Verlag

Nun ist im Taschen Verlag das DDR-Handbuch erschienen, das einen Ausschnitt aus der Sammlung des Museums zeigt. Die Texte stammen von Akademikern und Experten aus Europa, Kanada und den USA. Sie sind in Deutsch und Englisch geschrieben. Der Vorgänger des Buches erschien 2014 unter dem Titel „Beyond the Wall – Jenseits der Mauer“. Präsentiert werden in der nun vorliegenden kleineren und handlicheren Ausgabe über 2.000 Alltagsgegenstände und Designobjekte, Archivbestände, Stasi- und Volkspolizeirelikte, Propaganda, Skurriles, Witziges, Tragisches, Spektakuläres, Massenproduziertes und Handgemachtes.

„Die Überreste einer vergangenen Welt werden eine Quelle für neue Erkenntnis, die uns alle zu einem höheren Bewusstseinsniveau führt. Wir müssen auch weiterhin Ideen erforschen, diskutieren und verfolgen, die sich aus Gegenständen mitteilen statt aus physischen Strukturen.“ (David Thomson, 3. Baron Thomoson of Fleet, Vorsitzender von Thomson Reuters)

Literatur:

Justinian Jampol/Wendemuseum (Hg.): Das DDR-Handbuch. Kunst und Alltagsgegenstände aus der DDR. Taschen Verlag, Köln 2017.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Von Lebensdingen. Eine verantwortungsvolle Auswahl. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.