POLITIK
05/04/2018 10:58 CEST | Aktualisiert 05/04/2018 12:08 CEST

Berliner Islamverbände wollen nicht mit Humboldt-Universität kooperieren

“Die muslimischen Verbände, wie wir sie erlebt haben, sind nicht wirklich politikfähig.”

Christian Hartmann / Reuters
  • Vier Berliner Islamverbände wollen das Kooperationspapier für ein neues Islaminstitut an der Hu Berlin nicht unterschreiben
  • Warum der Fall für ganz Deutschland Bedeutung hat

Wenn eine Universität ein neues Institut aufmacht, ist das in der Regel nur für den Wissenschaftsbetrieb spannend. In Berlin ist das gerade vollkommen anders. 

Die Humboldt-Universität soll ein Institut für Islamische Theologie bekommen, mit sechs Professuren. Das Land Berlin will dafür bis 2022 insgesamt 13 Millionen Euro investieren.

Das ist deswegen so wichtig, weil dort islamische Religionslehrer und Imame ausgebildet werden sollen. Also jene Leute, die derzeit dringend gesucht werden in Deutschland. Menschen, die mit der deutschen Sprache und Kultur vertraut sind und den muslimischen Kindern und Erwachsenen ihre Religion nahebringen sollen, gelten als Schlüssel zu Integration.

Mehr zum Thema: Darum brauchen wir Islamunterricht an der Schule

Der Plan an sich begründet also schon öffentliche Aufmerksamkeit. In den vergangenen Tagen ist noch ein weiterer Punkt dazugekommen:

Es gibt massiven Ärger. Weil vier von fünf Islamverbänden, die den Gründungsertrag unterzeichnen sollen, die Unterschrift bis zum Stichtag am 1. April verweigert haben.

Nur die Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands (IGS) hat der Universität zufolge den Vertrag akzeptiert. Die Ditib, der Zentralrat der Muslime, die Islamische Föderation und die Islamischen Kulturzentren nicht.

Streit darüber, wer wieviel zu sagen hat 

Grund ist der Streit um den Beirat. Die Universität plant derzeit einen Beirat aus fünf muslimischen Hochschullehrern, berufen von der Universität, und den fünf Vertretern der Islamverbände. Sie sollen zum Beispiel mit Zweitdrittelmehrheit über Personalfragen entscheiden können. Damit könnten also weder Islamverbände noch Hochschullehrer so wichtige Entscheidungen allein treffen. 

Nach drei Jahren soll der Beirat nach Medienberichten evaluiert werden. Dann könnten auch liberale Muslime berücksichtigt werden.

Süleyman Küçük von der Ditib Berlin sagt der HuffPost, die Differenzen wegen Struktur und Funktion des Beirats seien schon lange bekannt.

Der Zentralrat der Muslime will die Anfrage der HuffPost nicht kommentieren.

Beiräte sind normal – und extrem unterschiedlich aufgebaut 

Dass Glaubensverbände oder Kirchen an religiösen Lehrstühlen mitsprechen, ist üblich. Allerdings verfügen etwa die evangelische und katholische Kirche über einen anderen rechtlichen Status als die Islamverbände. Juristisch ergeben sich daraus teils Fragen, über die auch Experten streiten.

Außerdem repräsentieren selbst die großen Islamverbände zusammen nur eine Minderheit der Gläubigen, was die Auswahl der Verbände an sich schon umstritten macht. So kritisierte etwa die Berliner Imamin Seyran Ates, dass keine liberalen Verbände an der HU Berlin eingebunden werden sollen. 

Dennoch greifen verschiedene Universitäten mit islamischer Theologie auf Beiräte zurück, etwa die Universität Osnabrück, wo vier Wissenschaftler und neun Vertreter von Islamverbänden und freien islamischen Theologen mitreden. Die Uni Frankfurt dagegen verzichtet auf einen Beirat. 

Schiitische Gemeinde auch nicht glücklich – und hat dennoch zugestimmt

Die schiitische Gemeinde, die dem Vertrag zugestimmt hat, hat sich nun gegenüber der HuffPost geäußert. Der Vorstand betont, wie wichtig “rationale und vernunftbasierte Betrachtung” für die Religion und deren Verständnis sei. Das sei “nur durch dauerhafte Forschung, Hinterfragung und Wissenssteigerung erreichbar”.

Auch die schiitische Gemeinde sie nicht mit allen Punkten in der Kooperationsvereinbarung zufrieden, konkrekt mit dem “Stimmrecht der verbands-externen Beiratsmitglieder, Beanstandung der Lehrtätigkeit einer Professorin oder eines Professors aus religiösen Gründen nur mit einem einstimmigen Beschluss des Beirats”.

Doch man glaube, “genug gegenseitiges Vertrauen für einen gemeinsamen Beginn mit Kompromissen aufgebaut zu haben”.

Daher betrachte man die Mitwirkung des Dachverbands als Chance, “unser auf Rationalität und Vernunft basiertes Islamverständnis in die akademische Diskussion zum Wohl der Gesamtgesellschaft einzubringen und zu einem differenzierteren Verständnis des Islam in unserer Gesellschaft beizutragen”.

Aufgeben kommt für die Uni nicht infrage

Aufgaben wollen Universität und Berliner Senat laut dem Regionalsender Rbb an den Plänen sicher nicht. Am 13. April solle es noch einmal ein Gespräch mit den Verbänden geben. Der Unibetrieb soll im Wintersemester 2019/2020 trotz aller Widerstände starten.

Ein Sprecher der Universität sagte der HuffPost am Donnerstag, man denke jetzt über verschiedene Möglichkeiten nach, wie es weitergehe. Und da gebe es viele Varianten, so viele, dass man jetzt nicht alle nennen könne.

Immer wieder diskutiert wird etwa, ob eine Schura-Rat nach Hamburger Vorbild infrage kommt: Dort schickt jede Moscheegemeinde einen Vertreter in den Rat. So ein Rat könnte dann seine Vertreter in den Beirat schicken.

Theoretisch denkbar wäre auch, dass nicht alle angefragten Islamverbände am Beitrat teilnehmen. Was die Akzeptanz und die Chancen der Absolventen auf dem Arbeitsmarkt massiv schwächen würde.

Gründungsdirektor wirft Verbänden schlechten Verhandlungsstil vor

Michael Borgolte, Gründungsdirektor des Instituts, sagte dagegen der “Berliner Zeitung” am Mittwoch, der Vertrag sei nicht nachverhandelbar. “Die muslimischen Verbände, wie wir sie erlebt haben, sind nicht wirklich politikfähig.”

Er kritisierte den Verhandlungsstil der Verbände, die immer wieder andere Vertreter geschickt hätten und nicht gut eingearbeitet gewesen seien.

Chance vertan 

Die Chancen, dass es trotz allem Ärger ein Islaminstitut an der HU geben wird, sind extrem groß. Dass der Plan abgeblasen wird, steht laut Universität nicht zur Debatte.

Die Chance aber, dass in Berlin gezeigt wird, wie Zusammenarbeit und Integration funktionieren können, ist bei so viel Krach erst einmal verpasst. 

Das ist immer schade. Und in einer Zeit, in der die öffentliche Diskussion so islamkritisch geführt wird, umso mehr.

(tb)