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12/11/2018 10:54 CET | Aktualisiert 12/11/2018 10:54 CET

“Wir brauchen dringend eine Fußgänger-Revolution!”

"Es gibt keine Starke Lobby, die sich für das Anliegen der Fußgänger einsetzt."

DisobeyArt via Getty Images

Heinrich Strößenreuther ist Verkehrsrebell und Fahrradaktivist aus Berlin. Vor dem Hintergrund von Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Mobilität betrachtet er als bislang ungelöste Alltags- und Zukunftsprobleme. Dafür will er Lösungen finden helfen. In der HuffPost spricht er jetzt darüber, warum auf die Fahrrad-Revolution die Fußgänger-Revolution folgen muss.

“Haben die sonst eigentlich nix zu tun, dass sie sich in einem Fachverband Fußverkehr engagieren? Haben die sonst keine Freunde und wir sonst keine Probleme?” Das könnte man sich fragen, wenn man das erste Mal vom Fuß e.V. hört.

Tatsächlich ist ein solcher Verband notwendiger denn je, denn der Fußverkehr fällt fast immer hinten runter, wenn es um Verkehrswende, den intelligenten Mobilitätsmix oder “Mobility as a Service” geht.

Denn hier gibt es keine starke Lobby, die sich für das Anliegen der Fußgänger einsetzt – oder hat man je gehört, dass Birkenstock und Lloyds ihre Parteien und Politiker so unterstützen wie es Audi, BMW oder VW regelmäßig vormachen?

Jeder dritte Weg wird in Berlin zu Fuß zurückgelegt

Zu Fuß geht fast jeder. Ob es die Schritte von der Wohnung zum Parkplatz sind, die letzten Meter vom Fahrrad ins Gebäude, als Smombie oder als grauer Panther, vom Bus oder zur S-Bahn – Schusters Rappen sind der wichtigste, aber vernachlässigste Teil der Verkehrspolitik.

In Berlin wird beispielsweise in der Innenstadt jeder dritte Weg zu Fuß zurückgelegt, bundesweit ist es jeder fünfte Weg, in den Metropolen mehr als auf dem Land.

Wer fit und gesund noch beide Beine heben kann, ist fein raus. Schwieriger wird es, wenn es umständlicher wird. Für Eltern mit dem Kinderwagen ist oft kein Platz zwischen parkenden Autos und der Hauswand. Zu hohe Bordsteine sind für Rollstühle und Rollatoren unüberbrückbare Hindernisse.

Für Ältere und körperlich Eingeschränkte muss noch viel getan werden

Für Menschen, die auf diese Hilfsmittel angewiesen sind, steigt das Sturzrisiko oder es werden anstrengende Umwege erforderlich. Zugeparkte Bordsteinabsenkungen gehören genauso dazu.

Mehr zum Thema: Abschied vom Auto: Berlin plant die Fahrradrevolution

Sind schon hundert Meter ein körperliche Anstrengungen, helfen Bänke im Gehbereich beim Ausruhen. Die Grünphasen für Fußgänger an den Ampeln sind für Junge oft gerade noch zu schaffen, bevor mitten drin der Adrenalinpegel hochschießt, weil die Fußgänger-Ampel auf Rot umspringt: Schaffe ich es noch, bevor die Automachos mit ihren aufgemotzten PS-Boliden auf mich zu röhren, frage ich mich, wo ich noch gut zu Fuß unterwegs bin.

Im Unfallverhütungsbericht Straßenverkehr 2016/17 des Bundesverkehrsministeriums heißt es:

“Für ältere Fußgänger/innen werden Maßnahmen angeraten, die vor allem die physischen Voraussetzungen für sicheres Queren trainieren bzw. aufrecht erhalten und zudem die Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit verbessern.“

Wird zu Fuß gehen die einzige persönlich verbliebene Mobilitätsform sein?

Vielleicht helfen ja seniorengerechte Lauftrainings mit Minister Scheuer, wie der grüne Bundestagsabgeordnete Stefan Gelbhaar süffisant die Prioritäten in Scheuers Haus zusammenfasst.

Noch können wir lachen, ein paar Jahre später ist zu Fuß gehen dann vielleicht die einzige persönlich verbliebene Mobilitätsform. Gut ist, dass der rot-rot-grüne Senat sein Mobilitätsgesetz nun auch noch um den Fußverkehr erweitern will. Gut ist, dass der Fuß e.V. seit Jahren die Belange der Fußgänger vertritt.

Denn für eine alternde Bevölkerung lohnt es mehr denn je, nach der Radverkehrsrevolution nun die Fußgänger-Revolution anzuzetteln. Und von unten wird sie auch kommen müssen, denn für Sioux, Adidas, Birkenstock und Lloyds steht noch aus, sich als mächtige Konzernlobbyisten beim Bundesverkehrsminister gegenseitig die Klinken in die Hand zu drücken – für den perfekten Fußverkehr.

(ujo)