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28/03/2018 17:43 CEST | Aktualisiert 28/03/2018 18:27 CEST

Warum ich mich nicht gegen meinen Vergewaltiger gewehrt habe

Er hatte weder eine Pistole noch ein Messer und er hatte auch nicht seine Hände an meiner Kehle liegen.

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Ich wache alleine in meinem Zimmer im Studentenwohnheim auf. Ich steige über die zerknüllten Boxershorts eines Mannes hinweg und wanke auf wackeligen Beinen in unser Gemeinschaftsbadezimmer.

Ich ziehe meine Jogginghose herunter und setze mich auf die Toilette. Mein Blick fällt auf die Innenseite meiner Oberschenkel. Plötzlich sehe ich die blauen Flecken. Violett, rot, blau und in der Form von Handabdrücken.

Ich weiß nicht, woher ich diese Flecken habe.

Zitternd kehre ich in mein Zimmer zurück. Ich rufe meine Schwester an, die in der Nähe wohnt. Sie kommt sofort zu mir. Ich erzähle ihr ein paar Details von der vergangenen Nacht. Ich zeige ihr die blauen Flecken.

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Sie wird ganz bleich und sagt mir, ich solle meine Schuhe anziehen. Sie ruft ein Taxi, um mit mir in die Notaufnahme zu fahren. Dort soll ich mich von Ärzten untersuchen lassen, um meine Vergewaltigung nachweisen zu können.

Ich konnte das Wort “Vergewaltigung” nie aussprechen

Noch Jahre nach dem Vorfall schaffte ich es einfach nicht, das Wort “Vergewaltigung” in den Mund zu nehmen. Dieser Ausdruck blieb mir in der Kehle stecken.

Ich erstickte daran und mein Atem geriet ins Stocken. Und auch Jahrzehnte später fällt es mir noch immer schwer, die Buchstaben zu diesem einen Wort aneinanderzureihen.

Sogar dann, wenn ich einfach nur diesen Satz aufschreiben will.

Ich habe mir selbst eingeredet, dass ich mein Trauma nur noch verschlimmern würde, wenn ich dieses Wort laut aussprechen würde. Dass ich das, was ich nicht wahrhaben wollte und womit ich mich auf keinen Fall auseinandersetzen wollte, zu einer konkreten Tatsache machen würde, wenn ich dieses Wort verwenden würde.

Denn allein der Gedanke an dieses Wort reichte bereits aus, um mich mit Wellen aus Verwirrung und Scham zu überfluten.

Ich versuchte zu verbergen, wie sehr ich mich schämte

In der Notaufnahme muss ich mich von der Taille abwärts nackt ausziehen. Ich liege auf einer Untersuchungsliege in einem winzigen Zimmer, das mit medizinischen Utensilien vollgestopft ist. Ich presse meine Füße gegen die kalten Metall-Fußteile. Meine Beine sind weit auseinandergespreizt.

Neben mir stehen zwei Frauen in weißen Kitteln. Eine von ihnen macht sich auf ihrem Klemmbrett Notizen, während die andere mit einem Kamm durch meine Schamhaare fährt und leise ihre Untersuchungsergebnisse aufzählt.

“Getrocknete Körperflüssigkeiten”, höre ich. Die Frauen machen Polaroid-Bilder von den blauen Flecken.

Ohne anzuklopfen reißt plötzlich ein Arzt die Tür auf. Er ignoriert mich demonstrativ, während er in einem Schränkchen herumwühlt. “Ich brauche Spritzen”, murmelt er. Ich versuche mich aufzusetzen und zu verbergen, wie sehr ich mich schäme.

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Die beiden Frauen schicken den Arzt zurück auf den Flur. Doch fünf Minuten später platzt ein anderer Mann unangekündigt herein. Dieses Mal springe ich schlagartig hoch und presse meine Knie gegeneinander. Ich schluchze.

Eine der beiden Frauen verspricht mir, dass das nicht noch einmal vorkommen wird. Sie verlässt den Raum und kommt nach ungefähr fünf Minuten wieder. Meine Schwester erzählt mir später, dass die Arzthelferin die Tür mit einem Absperrband versiegelt hat, damit keiner mehr hereinplatzt.

“Okay, Amy. Erzähle uns, was passiert ist”, sagt eine der beiden Frauen.

“Du bist jetzt in Sicherheit. Erzähle uns einfach, wer dir das angetan hat”, fügt die andere Frau hinzu.

“Ich erinnere mich nicht daran”, antworte ich beharrlich. Mein Gesicht ist knallrot.

Die beiden Frauen stellen mir weitere Fragen.

Ich bleibe bei meiner Aussage.

Endlich darf ich mich wieder anziehen und gehen.

Ich erinnere mich daran, dass sein Blick wütend wurde

Ich erinnere mich sehr wohl an einige Dinge. Doch ich werde keine Einzelheiten ausplaudern. Vor allem werde ich nicht über ein ganz bestimmtes Detail sprechen. Nicht jetzt, nachdem die beiden Männer hereingeplatzt sind. Und vielleicht hätte ich auch vorher schon nicht darüber gesprochen.

Ich erinnere mich daran, dass er mich von der Party nach Hause gebracht hat. Dass er mich geküsst hat. Dass ich ihn weggestoßen habe.Dass ich nein gesagt habe und ihm erklärt habe, dass ich einen Freund habe. Dass er es noch einmal versucht hat. Dass ich mich wieder dagegen gewehrt habe. Dass sein Blick wütend wurde, als er mich mit festem Griff am Ellbogen packte.

Ich erinnere mich daran, dass ich nach oben in den Nachthimmel blickte. Dass meine Gedanken rasten, während nasse, dichte Schneeflocken auf mich herab fielen. Er drückte mir seine Finger in den Arm und trieb mich in mein Zimmer.

► Ab diesem Zeitpunkt kann ich mich an nichts mehr erinnern.

Ich flehte ihn an – doch bat ihn nicht, aufzuhören

Ich weiß bis heute nicht, wie wir in mein Zimmer gekommen sind und wer mich ausgezogen hat. Ich weiß nicht, wie es dazu kam, dass wir plötzlich im Bett lagen und er auf mir war.

Doch als mein Verstand sich wieder einschaltete, befand ich mich in genau dieser Situation. Ich spürte seinen warmen Atem an meinem Ohr, als er mich anzischte.

► “Was dachtest du eigentlich, welche Spielchen du mit mir treiben kannst?”

► “Du weißt ganz genau, dass du das auch wolltest.”

Ich hatte das nicht gewollt und ich hatte auch keine Spielchen gespielt. Die Innenseite meiner Oberschenkel, meine Rippen und meine Oberarme pochten vor Schmerz. Während er stöhnte und in mich stieß, begann ich ihn anzuflehen.

Doch ich bat ihn nicht darum, aufzuhören. Stattdessen flehte ich ihn an, ein Verhütungsmittel holen zu dürfen.

Er willigte ein und ließ mich los. Ich stand auf und ging zitternd zu meiner Kommode, um mein Diaphragma zu holen. Ich setzte es ein und kehrte wie ferngesteuert zum Bett zurück.

Er hatte weder eine Pistole noch ein Messer und er hatte auch nicht seine Hände an meiner Kehle liegen. Ich hätte aus diesem Zimmer fliehen können.

►Doch ich habe es nicht getan.

Über Vergewaltigungen wurde kaum diskutiert

Eine Woche später fahre ich in den Winterferien nach Hause. Mir wird klar, dass meine Schwester meinen Eltern erzählt hat, was mit mir passiert ist. Oder zumindest das, was sie davon weiß. Meine Eltern verhalten sich so, als würde ich mich gerade von einer langwierigen Krankheit erholen. Sie sprechen in gedämpftem Tonfall mit mir und bieten mir Suppe an.

Später an diesem Abend tappe ich in die Küche, um mir einen Tee zu machen. Ich kann nicht schlafen. Ich höre die Stimmen meiner Eltern und bleibe vor der Tür stehen, um sie zu belauschen.

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“Es bringt nichts, Anklage zu erheben. Sie werden wahrscheinlich davon ausgehen, dass sie es so wollte”, sagt mein Vater. Ich höre, wie meine Mutter ihm leise murmelnd zustimmt.

Das waren die 1980er-Jahre. “Nein” bedeutete “ja”. Ein kurzer Rock war eine Einladung. Und weißt du, vielleicht hättest du auch einfach nicht so viel trinken sollen.

Der Begriff “Date Rape” war damals noch nicht geläufig. Wenn das Opfer den Peiniger bereits vorher kannte, beispielsweise durch eine Party, wird es als “Date Rape” bezeichnet.

Über dieses Thema wurde gar nicht erst diskutiert. Wenn man sich damals zusammen mit einem Mann in einem Raum befand, den man kannte und den man vielleicht sogar ganz gut fand, und es dann zum Sex kam, dann wurde später automatisch davon ausgegangen, dass man es so gewollt hatte. Selbst wenn die Frau diesem Mann leise zugemurmelt hatte, dass sie das nicht will.

►Und sogar, wenn sie es ihm ins Gesicht geschrien hatte.

“Vergewaltigungen” passierten nur in dunklen Gassen, unter vorgehaltenem Messer und mit Faustschlägen. Sie passierten nicht in einem Zimmer im Studentenwohnheim mit einem Kommilitonen, der einen lediglich mit zornigen Worten dazu gedrängt hatte.

Wenn mein Vater wütend und verletzt war, schlug er mich

Es gab bei mir zu Hause und in meinem Leben niemanden, der sich gegen diese Vorstellung aufgelehnt hätte und an den ich mich hätte wenden können.

Doch obwohl ich kein Messer an meiner Kehle hatte, habe ich es nicht geschafft, dieses Zimmer zu verlassen.

Mein Überlebensinstinkt war nicht darauf ausgerichtet, mich vor körperlichen Schmerzen zu bewahren. Sondern lediglich darauf, meine Seele vor emotionalen Schmerzen zu behüten.

Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der ich einen schrecklichen emotionalen Preis dafür bezahlen musste, wenn ich meine Bedürfnisse über die Bedürfnisse meiner Eltern stellte.

Wenn ich tat, was meine Eltern von mir verlangten — oder worum sie mich ganz einfach baten ―  wurde ich belohnt. Denn ich hatte ihnen damit meine Liebe unter Beweis gestellt. Auf die Bedürfnisse meines Vaters musste ich dabei immer ganz besonders viel Rücksicht nehmen.

Wenn ich es nicht schaffte, die Bedürfnisse meiner Eltern zu erfüllen, schlug mein Vater mich, weil er so wütend und verletzt war. Meine Mutter hingegen wandte sich traurig und enttäuscht von mir ab.

►Wenn ich für mich selbst eintrat, war ich lieblos und gemein.

Ich hatte Angst davor, dass sie mich nicht mehr lieben würden, wenn ich nicht tat, was sie von mir verlangten. Als Kind und auch als Teenager versetzte mich diese eiskalte Angst vor dem Verlassenwerden in Trauer und Panik. Und das konnte ich nicht aushalten.

Also begann ich, den Zugang zu meinen eigenen Bedürfnissen, Ideen und Wünschen fest zu vergraben. Ich gab die Kontrolle bereitwillig an Personen ab, von denen ich glaubte, dass sie über mehr Macht verfügten als ich.

Insbesondere an Männer.

Ich wurde darauf konditioniert, ein “braves Mädchen” zu sein

Ich bin natürlich nicht in einem Vakuum aufgewachsen. Jeder von uns ist ein Produkt der Ära, in der er groß geworden ist. In meinem Fall waren das die 1960er– und 1970er–Jahre.

Die zweite Welle der Frauenbewegung hatte damals gerade erst begonnen. Eltern erzählten ihren Kindern — und zwar sowohl ihren Töchtern, als auch ihren Söhnen ― noch immer, dass “brave Mädchen” gehorsam sein mussten und sich selbst aufopfern sollten. Diese Botschaft wurde von allen Seiten untermauert. Von Fernsehsendungen (jeder kennt die Mutter aus der Fernsehserie ”Happy Days”) bis hin zu Werbeanzeigen (man denke nur an das spröde, gedämpfte Lächeln der Frau auf den amerikanischen Betty-Crocker-Produkten.)

Und deshalb ist es auch nicht wirklich ein Wunder, dass die “Kampf-oder-Flucht-Reaktion” bei Frauen — also auch bei mir ― so schlecht funktionierte.

Erst Jahre später fand ich heraus, dass es noch eine weitere natürliche biologische Reaktion auf Gefahren gibt: die Schockstarre.

Ein klassisches Beispiel dafür ist das berühmte Reh vor dem Scheinwerferlicht. Dieses Reh kämpft schließlich auch nicht, und es rennt auch nicht weg. Es ist nicht in der Lage, sich selbst zu beschützen. Wenn wir unmittelbar körperlich bedroht werden, sind weder das Reh noch ich geübt genug oder mit genügend Reflexen ausgestattet, um irgendeine andere Reaktion als unsere Schockstarre hervorzubringen.

In dieser Nacht konnte dieser Typ, der Sex mit mir haben wollte, die Kontrolle über mich erringen, weil ich darauf programmiert war, die Schmerzen zu vermeiden, die Widerstand mit sich bringen kann.

► Wenn ich den Raum verlassen hätte, hätte ich mich damit gegen ihn aufgelehnt.

Ich war jedoch darauf konditioniert worden, ein “braves Mädchen” zu sein — und einfach immer “das zu tun, was der nette Mann will.”  Ich hatte nicht einmal einen einzigen Moment lang überlegt, wegzulaufen, und diesen Gedanken dann wieder verworfen. Diese Tatsache ist auch der Grund dafür, warum ich mich damals so geschämt habe. Mittlerweile bin ich über darüber einfach nur noch traurig. Doch auf diese Idee wäre ich damals nie gekommen.

Ich habe jahrelang gegen das Schuldgefühl angekämpft

Was ist also in dieser Nacht wirklich passiert? War das, was mir passiert ist, eine Vergewaltigung? Oder war es einfach nur eine unangenehme Situation, aus der ich eigentlich hätte weglaufen können und sollen? War ich ein Opfer? Oder hatte ich sogar Schuld an dem Vorfall?

Und spielt es überhaupt noch eine Rolle, was ich jetzt über diese Nacht denke?

Ja.

Es spielt noch eine Rolle.

Ich habe 32 Jahre gebraucht um zu verstehen, dass die Art, wie wir bestimmte Vorfälle einstufen, eine wesentliche Rolle dabei spielt, wie wir uns selbst wahrnehmen.

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Wenn jemand stirbt, dann ist er tot, und zwar ganz egal, auf welche Art er ums Leben gekommen ist. Doch ob wir diesen Todesfall als Mord, als Selbstmord oder als Unfall bezeichnen, bestimmt darüber, wie wir damit umgehen.

Ich erinnere mich lediglich daran, dass er mich am Ellbogen gepackt hat. An meinen mit blauen Flecken übersäten Körper. Und dass ich mit dem schrecklichen Bewusstsein aufgewacht bin, das er mit seinem Penis in mir drin steckt.

Doch diese Erinnerungen reichen meiner Meinung nach dennoch aus, um ihn zu verurteilen. Es war eine Vergewaltigung. 

Und trotzdem habe ich jahrelang gegen das Schuldgefühl angekämpft, dass ich in diesem einen Moment nicht weggerannt bin.

Die Frau, die ich jetzt bin, hätte ihm in die Eier getreten

Ich habe mich gefragt, ob ich seine Tat dadurch irgendwie weniger schlimm gemacht habe, dass ich das Diaphragma geholt habe. Ob ich ihm damit vielleicht auf irgendeine Art nachträglich doch noch mein Einverständnis erteilt habe.

Ob ich die Vergewaltigung doch in einvernehmlichen Sex verwandelt habe, als ich ins Bett zurückkehrte und ihn das fertig machen ließ, was er angefangen hatte.

► Ich habe mir selbst jahrzehntelang die Schuld dafür gegeben.

Ich habe meine Seele in einem tiefen, brennenden Schamgefühl schmoren lassen. Doch mittlerweile bin ich es leid, eine Schuld mit mir herumzutragen, die mir gar nicht gehört. 

Die Frau, die ich jetzt bin, hätte diesem Typen einen Tritt in die Eier verpasst und wäre schreiend aus dem Zimmer gelaufen. Selbst wenn sie nackt gewesen wäre. Mittlerweile fällt es mir schwer zu verstehen, warum mir diese Möglichkeit damals gar nicht erst in den Sinn gekommen ist.

Es ist an der Zeit, mich mit der Frau auseinanderzusetzen, die ich mit 20 Jahren war. Jetzt, da ich aus meiner jahrelangen Therapie einiges gelernt habe und da ich als Frau mittleren Alters rückblickend einige Dinge besser verstehen kann.

Und jetzt, da sowohl ich als auch die Gesellschaft ein immer schneller wachsendes Verständnis für die Definition von einvernehmlichem Sex entwickeln.

Ich muss jetzt endlich damit aufhören, gegen die Frau anzukämpfen, die ich früher einmal war. Ich muss meine früheren Beschränkungen anerkennen. Es ist an der Zeit, dass ich aufhöre, die Frau, die ich früher einmal war, zu verurteilen, und dass ich ihr stattdessen mein Mitgefühl schenke.

► Sie hat es verdient. Denn ihre Fesseln waren real, auch wenn man sie nicht sehen konnte.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.