POLITIK
26/12/2017 18:45 CET | Aktualisiert 26/12/2017 18:54 CET

Verfassungsschutz warnt vor Islamisten - genauer vor einem Netz von Salafistinnen

Viele islamistische Männer säßen in Haft - die Frauen füllten die Lücke nun.

Kypros via Getty Images
Eine vollverschleierte Frau in Bayern
  • Der Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen warnt vor salafistischen Parallelgesellschaften in Deutschland
  • Besonders die weiblichen Führungspersonen machen den Experten Sorgen

Das Landesamt für Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen (NRW) sieht die Gefahr salafistischer Parallelgesellschaften. Wie der Chef der Behörde, Burkhard Freier, der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” vom Mittwoch sagte, säßen zwar viele charismatische Anführer der radikalen Islamisten in Haft - aber Frauen füllten die Lücke.

So gebe es ein Schwesternnetzwerk mit 40 Frauen, die teils mehrere hundert Follower auf Facebook hätten.“Die Männer haben gemerkt, dass Frauen viel besser netzwerken können und deshalb viel stärker in der Lage sind, die Szene zu binden und am Leben zu halten”, sagte er der Zeitung.

Die Frauen böten ein breites Programm von Kindererziehung über Kochen, religiöse Themen bis hin zur Hetze gegen Ungläubige.

Die Salafistinnen missionieren laut Freier aggressiv im Netz.

Außerdem indoktrinierten sie ihre eigenen Kinder. “Dadurch wird der Salafismus zu einer Familienangelegenheit, es beginnt etwas zu entstehen, was sehr viel schwerer aufzulösen ist, nämlich salafistische Gesellschafts teile.“

Die Radikalisierungs-Hotline des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) meldete kürzlich, dass Lehrer vermehrt islamistische Tendenzen unter Grundschulkindern auffielen. “Die meisten Kinder haben ihre Sozialisation aus einem salafistischen Umfeld - sprich: Die Eltern selbst sind bereits radikalisiert”, hieß es.

Salafismus ist derzeit die “dynamischste islamistische Bewegung”

Die Verfassungsschützer definieren Salafismus als “besonders radikale Strömung innerhalb des Islamismus. Seine Anhänger versuchten, den Islam zu leben, wie er im siebten Jahrhundert gelebt wurde. Die Grenzen zwischen Salafisten, die Gewalt ablehnen, und solche, die Gewalt befürworten, seien fließend. Feier sagte der “FAZ”, es gebe eine wachsende Zahl Minderjähriger, die über Gewalt phantasierten. 

“Der Salafismus gilt sowohl in Deutschland als auch auf internationaler Ebene als die zurzeit dynamischste islamistische Bewegung”, heißt beim Bund. Die Anhängerzahl in Deutschland sei in den vergangenen Jahren stark gestiegen, derzeit gehörten etwa 10.300 Personen zur Szene.

Maaßen warnte vor “Atomisierung” der Szene

Schon im Januar warnte der Hans-Georg Maaßen, Präsident des Bundesverfassungsschutzes vor einer “Atomisierung” der salafistischen Szene. “Es gibt nicht mehr einige wenige Führungsfiguren, die komplexen Hierarchien vorstehen, sondern der Salafismus strukturiert sich immer kleinteiliger um regionale und lokale Szenegrößen herum, die wir – inklusive ihrer Jünger – alle im Blick behalten müssen.” 

Diese Splittergruppen bildeten diverse Hotspots sowohl in den Hinterhöfen der Realwelt wie in virtuellen Netzwerken – beispielsweise durch Internetportale oder WhatsApp-Gruppen.

Die Entwicklung ist ein Dilemma - denn sie ist auch Folge von Erfolgen im Kampf gegen die Radikalen. Wo eine Gruppe zerschlagen wird, entstehen neue Splittergruppen, die erst einmal wieder beobachtet werden müssen.

So ist etwa die Gruppe “Die wahre Religion”, die mit der Verteilung von Koranexemplaren in Fußgängerzonen Aufmerksamkeit erregt hatte, inzwischen verboten. Allerdings sind einige der Aktivisten laut Beobachtern nun eben in einer neuen Gruppe aktiv: “We love Muhammad”, heißt sie.

Gefahr durch Rückkehrer

Sorgen bereitet dem Verfassungsschutz, dass nach den Niederlagen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Nahen Osten mehr und mehr europäische IS-Kämpfer in ihre Heimat zurückkehren. Unter ihnen sind laut Freier zunehmend Frauen. Viele hingen noch immer der IS-Ideologie an.

Die Bundesanwaltschaft kündigte kürzlich an, härter gegen Frauen vorgehen zu wollen, die sich dem IS angeschlossen, aber nicht gekämpft haben. Im ehemaligen IS-Gebiet im Nahen Osten wurden mehrere deutsche Frauen festgenommen und sitzen teils noch immer dort in Haft.

Eine dieser Frauen ist Linda W. aus Sachsen. Sie hatte sich als Jugendliche dem IS angeschlossen.