ELTERN
06/07/2018 14:16 CEST | Aktualisiert 06/07/2018 17:30 CEST

Zwei Münchnerinnen gründen eine vegane Kita – und werden dafür beschimpft

Ihnen wurde sogar Kindesmissbrauch vorgeworfen.

Aline Prigge
“Wir achten auf eine vollwertige und ausgewogene Ernährung.”
  • In München wollen zwei Frauen eine vegane und genderneutrale Kita gründen.
  • Dafür haben sie harte Kritik geerntet. 

Nur ein paar hundert Meter von den Flaucheranlagen in München entfernt entsteht auf knapp 66 Quadratmetern die Kita der Elterninitiative Erdlinge. Der Weg hinunter zur Isar – für Erwachsene ein Katzensprung, für kurze Kinderbeine ein ganz schönes Stück.

“Wir brauchen auf jeden Fall noch Wägen”, murmelt Jenny Bertram, eine der Gründerinnen. Ihre Freundin Anna-Sophie Staudacher, ebenfalls Initiatorin,  stimmt ihr zu. Denn die Kinder, die ab November die Kita besuchen werden, sollen diesen Weg zukünftig entlanglaufen.  

Die Zeit draußen, in der Natur, ist ein entscheidender Punkt auf dem Programm der Kita-Gründer. Gemeinsam mit Staudachers Mann haben die beiden Frauen die Elterninitiative 2017 ins Leben gerufen. “Das Konzept ist einfach aus dem entstanden, was wir uns selbst für unsere Kinder gewünscht hatten”, erklärt Bertram.

Vegane Ernährung ist auch für Kinder möglich 

Bedürfnisorientiert, genderneutral und vegan soll die Kita sein. Besonders den Punkt Veganismus haben sich Medien und Kritiker in letzter Zeit herausgepickt. “Natürlich haben wir damit gerechnet, dass negative Reaktionen kommen”, sagt Staudacher.

Unter den Berichten über ihr Vorhaben diskutieren auch die Leser. Dort ist von Kindesmissbrauch und Verletzung der Sorgfaltspflicht die Rede.

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“Man merkt, dass die Menschen, die dort kommentieren, sich nie ordentlich mit dem Thema auseinandergesetzt haben”, sagt Bertram. Denn vegane Ernährung sei auch für Kinder möglich. “Wir achten auf eine vollwertige und ausgewogene Ernährung.”

Wissenschaftler geben den Frauen Recht. Vergangenen April wurde die erste repräsentative Studie mit deutschen Kindern, die “VeChi Diet-Studie” (Vegetarian and vegan Children Study), veröffentlicht.

Darin kommen die Studienautoren zu dem Ergebnis, dass eine ausgewogene vegane oder vegetarische Ernährung für Kinder bedarfsdeckend ist.  

Die Kinder des Kitaprojekts bekämen nicht nur Obst und Gemüse, wie viele Kritiker vermuten. “Natürlich gibt es auch Kuchen oder Eis – vegan”, erklärt Bertram. “Die Kinder müssen auf nichts verzichten.”

► Mit der großen medialen Aufmerksamkeit hätten die Gründer allerdings nicht gerechnet. 

Zu Hause können die Kinder essen, was sie wollen

Hätten Staudacher und ihr Mann nicht schon wegen ihrer Arbeit für den Tierschutz harte Kritik über sich ergehen lassen müssen, hätten sie vielleicht anders darauf reagiert. Doch mittlerweile könnten sie souverän damit umgehen.

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“Wir zwingen die Eltern nicht, ihre Kinder vegan zu ernähren”, erklärt Staudacher. Was sie zu Hause machen, sei ihre Entscheidung. In der Kita soll das Mittagessen vegan sein. Frühstück und Abendessen wird nicht angeboten. “Es geht also um fünf von 21 Mahlzeiten in der Woche.” 

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Viel Bewegung im Grünen steht auf dem Tagesprogramm des Kindergartens Erdlinge. (Symbolbild)

Respekt zwischen Kindern und Erziehern

Die beiden jungen Frauen sind mittlerweile in die Flaucheranlagen abgebogen. Entspannt laufen sie mit ihren zwei Kindern und Hunden über Gräser und Wege. Sie möchten, dass ihre Kinder zu weltoffenen, toleranten, in sich ruhenden und souveränen Menschen aufwachsen.

Daher auch die Bedürfnisorientierung und Genderneutralität der Kita. “Sie sollen lernen, auf ihre eigenen und die Bedürfnisse anderer zu achten”, erklärt Staudacher. Dasselbe gelte auch für die Erzieher.

In vielen Kitas seien die Gruppen zu groß, durch die geschlossenen Räume der Lärmpegel sehr hoch und die Erzieher überfordert. Sie könnten sich oft nur mit Lautstärke durchsetzen und das würde eine Dynamik annehmen, in der es um Machtdemonstration gehe.

“Unser Wunsch ist, dass ein respektvoller, nicht grenzenloser Umgang, mit den Kindern herrscht”, erklärt Bertram. “Dass auf Bedürfnisse eingegangen wird und nicht geschrien, aber auch nichts abgetan wird.”

Vor allem soll der Kindergarten ein Ort sein, an dem sich Kinder frei entfalten können. “Sie sollen sie selber sein können und nicht schon ganz früh in irgendwelche Regelkorsette gesteckt werden.” Denn das geschehe in der Schule schon früh genug.

Geschlechtsneutrales Spielzeug und freies Spielen

In Schweden machte 2012 der erste genderneutrale Kindergarten auf. Bei “Egalia” gibt es keine Märchenbücher, keine klassischen Geschichten, in denen der Prinz die Prinzessin rettet, und alle Kinder werden mit demselben Pronomen “hen” angesprochen. “Hen” ist eine Wortneuschöpfung aus “han” und “hon”, was übersetzt “er” und “sie” bedeutet.

Die Ansätze des schwedischen Kindergartens fände Staudacher durchaus interessant, soweit würden sie aber nicht gehen wollen. “Wir möchten lediglich die Unterteilung in Schubladen vermeiden”, erklärt sie.

Das zeige sich zum Beispiel daran, dass Gruppen beim Spielen nicht nach Geschlechtern aufgeteilt würden und auch das klassische Bild davon, wie ein Junge oder ein Mädchen zu sein habe, gäbe es nicht.

► Wenn die Erzieher bemerken, dass Kinder in dieses Denken abfallen, sollen sie ganz klar intervenieren:

“Wenn ein Kind zu einem anderen sagt: ‘Du kannst das T-Shirt nicht tragen, das ist ein Mädchen-T-Shirt’ – dann sollen die Erzieher dieses Verhalten mit den Kindern hinterfragen”, erklärt Staudacher. “Was macht ein Mädchen-T-Shirt eigentlich aus? Warum ist es gerade für Mädchen und warum können Jungs das nicht tragen?”

Mädchen sollen toben, Jungs ruhig spielen 

Wenn die Kinder dann merken, dass es eigentlich keine Gründe gibt, könnten sie das Stereotyp abhaken. Und diese Stereotypen sollen auch die Erzieher ablegen. Sie sollen die Mädchen genauso zum Toben anregen, wie die Jungs –und die Jungs genauso still spielen lassen wie die Mädchen. 

Ein eher untypisches Vorgehen in Kitas, wie mehrere Studien zeigen konnten. Erzieher würden demnach Kinder eher in Geschlechterkategorien stecken und dementsprechend behandeln. 

Für die Gründerinnen stellen Genderunterschiede keinen sinnvollen Maßstab für Kindererziehung dar. “Wir möchten explizit darauf achten, dass die Kinder nicht als Teil einer Kategorie aufwachsen”, erklärt Staudacher, “egal ob männlich, weiblich oder andere Schubladen.”

Dazu gehöre auch, dass man ihnen in Gesprächen oder beim Vorlesen zeige, dass es verschiedene Lebensentwürfe gebe, die alle in Ordnung seien und keines besser oder schlechter sei.

In dieser Kita wird es daher Kinderbücher mit gleichgeschlechtlichen Eltern, genderunspezifisches Spielzeug und viel freies Spiel geben.

Noch zwei freie Kita-Plätze

Viele Pädagogen fänden dieses Konzept sehr ansprechend – das sähen die beiden Kita-Gründerinnen zumindest an den Bewerbungen für ihre zwei freien Stellen. 

Dass Erdlinge e.V. keine klassische Kita gründet, ist längst klar und so verwundert es auch nicht, dass sie kein typisches Vorschulprogramm bieten wollen. 

“Das freie Spiel fördert die Kreativität und wenn die Eltern ihren Kindern Zuhause noch beibringen wollen, wie man bis 100 zählt, können sie das gern tun”, sagt Staudacher.

Auch viele Eltern interessieren sich für die unkonventionelle Idee: Noch zwei der 13 bis 14 Plätze, die für dieses Jahr eingeplant sind, stehen frei. Aufgenommen werde jedes Kind, dessen Eltern sich mit dem Konzept identifizieren können.

“Die Eltern müssen nicht mit jedem Punkt zu hundert Prozent übereinstimmen”, erklärt Staudacher. “Doch sie sollten unser Konzept generell befürworten und nicht dagegenwirken.”

Für die Eröffnung der Kita im November fehlt jetzt nur noch die abschließende Finanzierung sowie der Umbau. Glücklich über die Erziehungsform der beiden Gründerinnen sind die Kinder schon jetzt – zumindest ihre eigenen. 

Vergnügt rennen und hüpfen die beiden durch das grüne Gras in den Flaucheranlagen. Und das ist schließlich das Ziel von Staudacher und Bertram: dem Nachwuchs eine glückliche und gesunde Kindheit zu ermöglichen. 

(kap)