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10/05/2018 10:10 CEST | Aktualisiert 10/05/2018 10:10 CEST

An alle Väter, die sich heute besaufen: Macht doch einen richtigen Vatertag

Ihr verhaltet euch wie pubertierende Jugendliche.

ullstein bild via Getty Images
Am Vatertag ziehen in ganz Deutschland Väter mit Bollerwagen um die Häuser. 

Ich habe mal bei Wikipedia nachgeschaut, was Vatertag eigentlich bedeutet: “Der Vatertag (…) ist ein in verschiedenen Teilen der Welt begangenes Brauchtum zu Ehren der Väter. […] Die traditionell männlichen Teilnehmer machen dabei meist eine Wanderung (…), wobei oftmals viel Alkohol konsumiert wird. Ziel sind meist traditionelle Ausflugspunkte bzw. Gaststätten. Bei Wanderungen werden häufig Bollerwagen (…) mitgeführt, um die Getränke besser transportieren zu können.“

Genau so ist es. Wobei die Formulierung “männliche Teilnehmer“ besondere Aufmerksamkeit verdient: Denn in der Tat hat man oft den Eindruck, dass diese besoffenen, grölenden Männerhorden zwischen 18 und 68 Jahren oftmals nicht unbedingt Väter sind, sondern dass sie sich vielmehr in zwei Kategorien einteilen lassen:

  1. In junge männliche Teilnehmer ohne Kinder

  2. In ältere männliche Teilnehmer, die zwar eigene Kinder haben und somit biologisch gesehen Väter sein mögen, die aber sowohl das Windelnwechseln, Vorlesen und Kochen als auch die Arztbesuche, Elternsprechtage und Turnnachmittage ihren Frauen überlassen haben

Allen, die zur Kategorie eins gehören, rufe ich zu: Ihr seid lächerlich!

Und allen, die zur Kategorie zwei gehören: Ihr seid peinlich!

(Und allen, die sich wirklich viel um die Kinder kümmern und somit zur Kategorie drei gehören: Sauft abends!)

Vatertags-Bollerwagentour: Das packe ich nicht

Ja ja, ich bin ein Miesmacher, ein Spielverderber, ich weiß. Aber damit kann ich leben. Womit ich nicht so gut leben kann, sind männliche Teilnehmer einer Vatertags-Bollerwagentour, die sich schon morgens anfangen zu besaufen.

Womit ich auch nicht gut leben kann, sind männliche Teilnehmer einer Vatertags-Bollerwagentour, die mittags nur noch lallen und am Wegesrand die Bäume düngen oder manchmal einen Laternenpfahl, weil Baum und Laternenpfahl zunehmend schwerer zu unterscheiden sind.

Mehr zum Thema: Väter wollen Wickeltische auf Männerklos, dabei gibt es andere Probleme

Und mit männlichen Teilnehmern einer Vatertags-Bollerwagentour, die abends auf den Terrassen der Restaurants nicht mehr sitzen können, ohne sich festzuhalten, mit denen kann ich auch nicht besonders gut leben.

Warum eigentlich nicht? Ganz einfach: In Berlin war das Spreeufer – ein Paradies für Familien – am Vatertag an sonnigen Tagen zur No-Go-Area geworden, in Hamburg habe ich die Alster – ein Paradies für Familien – bewusst gemieden, und nun wohne ich in Wuppertal direkt an der Nordbahntrasse. Auch die Nordbahntrasse ist: ein Paradies für Familien! Kilometerlang ist es möglich, zu inlinern, zu rollern, Skateboard und Rad zu fahren.

Der Vatertag könnte ein Familientag sein

Am Vatertag sollte man die Trasse allerdings meiden. Denn an diesem Tag sind Vatertags-Bollerwagentouren unterwegs. Dieses Jahr vielleicht nicht, denn die Wetteraussichten sind düster, worüber ich mich irgendwie freue.

Die saufenden Väter sind übrigens keine Gefahr im eigentlichen Sinne. Sie sind nicht aggressiv, sie pöbeln einen nicht an, sie beachten einen nicht mal. Sie sind sich in ihrem Suff selbst genug.

Mehr zum Thema: Wie ich durch Vorlesen ein viel besserer Vater geworden bin

Dennoch sind sie gerade an einem Feiertag, der auch ein Familientag sein könnte, ein großes Ärgernis. Es ist ein wenig so wie an einem Samstag, wenn man mit seinen Kindern ins Grüne fahren möchte, und dann steigen hundert sturztrunkene Fußballfans in den Regionalzug ein, die “Ole Ole Ole“ singen und auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen.

Kinder haben in solchen Situationen oft Angst. Meine Tochter, die absolut kein ängstliches Mädchen ist, klammert sich jedes Mal an meinen Arm, wenn ein Betrunkener in unsere Richtung torkelt.

Väter verhalten sich wie pubertierende Jugendliche

Und deshalb ist diese ganze Vatertagsgaudi so absurd: Väter, die keine sind oder sich eher selten um die eigenen Kinder kümmern, verhalten sich wie pubertierende Jugendliche und machen vor allem denjenigen Angst, die ihre Kinder sein könnten.

Wenn schon, sollte man aus dem Vatertag einen Muttertag machen: Die eigenen Kinder machen einem an dem Tag einfach das Frühstück und malen Papi ein Bild mit einem Herzchen drauf. Alternativ schlage ich vor, dass man die Vatertags-Tradition so ändert, dass ein zukünftiger Wikipedia-Artikel lauten müsste:

„Vatertag, der: ein Tag, an dem sich Väter besonders liebevoll und ausgiebig um ihre Söhne und Töchter kümmern und mit ihnen Ausflüge machen, sie bespaßen und ihnen abends vorlesen!“

Arne Ulbricht, 46, trinkt auch “abends gern und viel Rotwein“. Er hat neben seinem eher brutalen Roman “Nicht von dieser Welt” (KLAK 2016) über einen Amok laufenden Lehrer auch einen höchst unterhaltsamen, heiteren Bericht über seine Zeit als Vollzeitvater geschrieben: “Mama ist auf Dienstreise”. (Vandenhoeck&Ruprecht 2017). Und im Herbst erscheint sein Erzählband “Vatertag”.

Mehr über den Autor und seine Bücher: www.arneulbricht.de