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09/05/2018 10:39 CEST | Aktualisiert 05/12/2018 17:13 CET

Ich wollte eine Vatertags-Karte kaufen – jetzt denke ich anders über Männer

Ich hätte nicht gedacht, dass mich diese simple Aufgabe vor eine unerträgliche Herausforderung stellen würde.

“Saufen, Saufen, Saufen, und die Kinder Bier holen schicken”, trällerte die Band Schröders fröhlich in einem ihrer Lieder aus den 90er Jahren.

Bisher hat mich der Song nie interessiert. Doch heute, einen Tag vor Vatertag, schwirren diese Zeilen pausenlos in meinem Kopf herum.

Und sie fassen ziemlich perfekt einen Gedanken zusammen, den ich schon länger über den Vatertag habe. 

Am Vatertag feiern wir nicht mehr die Liebe zwischen Vätern und ihren Kindern.

► Nein, es geht vielmehr um Männlichkeit, die Lobpreisung des männlichen Geschlechts und natürlich Saufen, Fressen, und ja, Saufen.

Bier, Bollerwagen und Fleisch

Nadine Cibu
Typische Vatertagsgrußkarten. 

Eigentlich wollte ich vor ein paar Tagen nur eine Vatertagskarte für meinen Papa kaufen. Ich weiß, dass er sich auch heute noch sehr über einen traditionellen Brief freut.

Doch ich hätte nicht gedacht, dass mich diese simple Aufgabe vor eine unerträgliche Herausforderung stellen würde.

► Anstatt liebevolle Worte zu finden, starrte ich auf Biergläser, Bollerwagen und Grillfleisch. “Ein Hoch auf die Männer”, “Zum Vatertag, ein Prosit”, “Heute feiern wir uns”, lauteten die Sprüche auf den Karten.

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Heute feiern wir uns? Was möchte ich meinem Papa mit solch einer Karte denn vermitteln? Danke, dass du ein Mann bist?

Ich wollte eigentlich nur eine Karte, die ihm zeigt, dass ich unendlich dankbar für ihn bin. Dass ich mir keinen besseren Vater hätte wünschen können. Dass er immer für mich da war.

► Doch ich bin gescheitert. Und das finde ich traurig.

Zurück in die Steinzeit

Denke ich länger darüber nach, spiegeln die Grußkarten eigentlich einen Trend wieder, der – besonders in ländlichen Gegenden – schon länger zu beobachten ist.

Am Vatertag laufen die Männer scharenweise durch die Stadt, ausgestattet mit Karren voller Bier. Sie freuen sich über einen Tag ohne Frauen. Sie saufen und plärren. Sie feiern ihre Männlichkeit.

► Soll das der Vatertag sein?

Kämpfen Frauen schon lange gegen stereotypische und völlig veraltete Rollenbilder, feiern die Männer ihre.

Denn glauben wir den Grußkarten, den Supermarktangeboten oder den Geschenkeläden, dann gehört es zum Mann-Sein dazu, Alkohol zu trinken, Fleisch zu essen und stark zu sein.

Wie der steinzeitliche Jäger, der seine Familie versorgen musste.

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Und viele Männer scheinen Spaß daran zu haben, diese Klischees zu verfestigen. Denn am Vatertag ziehen nicht nur die Papas um die Häuser.

Nein, das einzige Teilnahmekriterium scheint das männliche Geschlechtsteil zu sein. Denn dieser verleiht einem schließlich die universelle Macht, Kinder zu zeugen.

Vom Ponyreiten bis zum Schlaflieder singen

Dass solche Stereotype beim Vatertag auch noch gefeiert werden, macht mich nicht nur traurig, sondern verärgert mich auch.

Denn Väter stehen für so viel mehr, als nur diese lächerlichen Assoziationen. Sie planschen mit ihren Kindern in der Badewanne, sie singen Schlaflieder, sie reiten gemeinsam mit ihnen Ponys. Die Liste könnte ich noch endlos weiterführen.

All das, das sind Väter. Und es ist an der Zeit, dies auch öffentlich zu zeigen!

Denn warum feiern die Mütter gemeinsam mit ihrer Familie den Muttertag und die Väter nicht? Weil es nicht männlich wäre?

Natürlich darf jeder Papa am Vatertag ein Bier trinken. Doch, wie schön wäre es, wenn sie dies nicht als Privileg der männlichen Spezies zelebrieren würden.  

(kap/ben)