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15/10/2018 17:15 CEST | Aktualisiert 16/10/2018 06:56 CEST

Für meinen Vater war ich ein Verräter – weil ich Juden nicht hasse

Mehmet Ersöz hat den Zorn seines Vaters riskiert, als er ihn mit dessen Antisemitismus konfrontierte.

Mehmet Ersöz spricht offen über den Antisemitismus in seiner Familie, die aus dem Libanon stammt. Sein Vater hat ihm den Hass auf Juden vorgelebt. Und ließ ihn seinen Zorn spüren, als der Junge ihn damit konfrontierte.

Der 23-Jährige ist in Deutschland geboren und studiert in Essen unter anderem Philosophie auf Lehramt.

Für meinen Vater war ich ein Verräter.

“Juden sind unsere Feinde. Ich hasse die Juden. Sie bringen nur Unheil. Israel stiehlt. Israel mordet.” Mit diesen Worten bin ich aufgewachsen. Meine Eltern stammen aus dem Libanon, haben enge Familienangehörige in der Intifada verloren, mussten fliehen. 

Dann kam ich und habe gefragt: “Vater, warum hasst du eine Religion?”

Der Zorn in seinen Augen war fürchterlich.

“Siehst du nicht, wie sie unsere Brüder und Schwestern töten?” Er glich einem Raubtier, das angreifen will.

“Nein Vater. Es sind Unschuldige, die da unten leiden. Vater, auch dein Hass sorgt dafür, dass Menschen leiden. Dass wir leiden. Und dass du leidest.”

Danach war es still im Raum. Und diese Stille war mehr als alles, was ich zu hören gehofft hatte.

Er wusste, dass ich recht habe, auch wenn er das nicht zugeben konnte. Aber er hat nicht widersprochen.

Ich habe den Antisemitismus meiner Eltern übernommen

Bis es zu dieser Konfrontation mit meinem Vater kam, hat es lange gedauert. Auch für mich waren die Juden, die Israelis, diejenigen, die mir einen Teil meiner Familie genommen hatten.

Vor fünf Jahren habe ich von einem sehr guten Freund gehört, dass es in Duisburg ein soziales Projekt gibt, in dem man über Sexismus redet: “Heroes” heißt es.

Ich dachte, das hat was mit mir zu tun. Ich wusste, dass ich Rollenbilder und auch den Antisemitismus von meinen Eltern übernommen hatte, aber wir haben nie darüber gesprochen, geschweige denn analysiert.

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Ich wusste nur, wie sich Rassismus am eigenen Leib anfühlt. Und dass es da in meiner Seele etwas zu reparieren gab. Ein Beispiel: “Ihr seid doch nur Gäste”

Als Zehnjähriger war ich in einem Supermarkt, meine Eltern hatten mich losgeschickt. Da kam ein Mann Mitte 30 zu mir, baute sich vor mir auf und sagte: “Ihr seid doch nur Gäste hier.”

Ich war ein Kind, ich habe das nicht verstanden, aber ich wollte mich wehren und sagte: “Und du bist fett.”

Der Mechanismus des Hasses

Heute verstehe ich den Mechanismus, der dahintersteckt. Der Mann hatte genauso zu hassen gelernt wie ich auch.

Meine Familie hat die Kritik an der Politik einer Regierung auf eine Religion, auf die Bevölkerung eines ganzen Staates bezogen.

So, wie manche die Schuld allen Muslimen geben, wenn sich ein Vollpfosten eine Bombe um den Bauch schnürt und angeblich im Namen des Islam ein Einkaufszentrum in die Luft jagt.

In Auschwitz hatte ich einen emotionalen Crash

Bei den “Heroes” habe ich gelernt, all das einzuordnen. Und bin über dieses Projekt zu “Junge Muslime in Auschwitz” gekommen. Ich wollte da unbedingt mitfahren. Meinen Eltern habe ich erstmal nichts gesagt. 

In Auschwitz hatte ich dann einen emotionalen Crash. Ich sah die Öfen, die Haarbüschel der ermordeten Juden.

Und trotzdem konnte ich einfach nicht nur an diese jüdischen Menschen als Opfer denken. So sehr hatte sich der Hass meines Vaters auf Juden in meinen Gefühlen festgefressen: “Schau, wie unsere Landsleute verrecken, wegen der Juden.”

Ich hatte gedacht, dass ich zu differenzieren gelernt hätte zwischen Juden und Israelis. Zwischen Politik und Religion. Zwischen Politikern und Bevölkerung. Ich wusste all das. Aber das Wissen war nicht in meinem Bauchgefühl angekommen.

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Es war ein riesiger Konflikt zwischen Hirn und Herz

Ich bin dann einfach gegangen. Zurück ins Zimmer, wo wir übernachtet haben. Ich hatte nicht erwartet, dass es mich so hart trifft. Ich habe mich überschätzt.

Man muss erst selbst an sich arbeiten, den Hass loslassen. Und sein Leben immer wieder hinterfragen, ob richtig ist, was man macht.

Die Radikalen sind die lautesten

Ich habe inzwischen emotional zu differenzieren gelernt, nicht nur intellektuell. Ich werde mein Leben lang daran arbeiten müssen.

Es gibt in Israel viele Menschen auf beiden Seiten, die sich für Frieden einsetzen. Leider stehen aber die radikalen Gruppen auf beiden Seiten im Vordergrund. Man hört nur sie und nie die Geschichten der Menschen, die unter dem Nahostkonflikt leiden oder als Nachbarn zusammen wohnen.

Für den Nahostkonflikt kann ich nicht Menschen verantwortlich machen, die zufällig da wohnen oder als Juden irgendwo auf der Welt leben.

Rassismus mit Humor entlarven

Inzwischen kann ich auch auf diskriminierende Bemerkungen mir gegenüber öfter mit Humor reagieren.

Als ich meinen abgelaufenen Pass erneuern wollte, habe ich mit der Frau am Schalter ein paar Takte geredet und sie sagte lächelnd: “Sie sprechen aber gut deutsch.” Ich sage: “Danke, Sie auch.” Da musste sie auch lachen. 

In der Arbeit kam einer vorbei und sagte: “Kommst du aus der Türkei?” Kein Hallo, kein gar nichts. “Nein, aus Duisburg. Ich könnte es mir nicht leisten, hier jeden Morgen mit dem Semesterticket aus der Türkei herzukommen.”

Ich kann und will mein Gesicht nicht verstecken, man sieht mir einfach an, dass ich Wurzeln auch woanders habe. Das heißt leider auch, dass ich immer der Fremde bin. Für die Deutschen der Araber, für die anderen zu typisch deutsch.

“Er hat es an dir ausgelassen”

Auch mein Vater ist inzwischen reflektierter geworden. Einmal habe ich mit ihm über die Situation damals in dem Supermarkt gesprochen. “Warum ist der Mann so wütend auf mich gewesen?”

Ich kannte die Antwort, aber ich wollte es aus dem Mund meines Vaters hören.

“Das Problem”, sagte er, “ist nicht, dass er wütend auf dich war, sondern auf andere. Aber an dir hat er es ausgelassen.”

Ich war so stolz auf meinen Vater.

Und weiß trotzdem, dass er seine antisemitische Haltung mit ins Grab nehmen wird. Er ist intelligent, er kann auf der rationalen Ebene differenzieren. Aber seine Gefühle, sein Trauma, wird er nicht in den Griff bekommen.

Was er erlebt hat, ist einfach eine ganz andere Nummer als das, was mir widerfahren ist. Mit meiner Mutter kann ich da viel offener drüber reden.

Aber er beginnt zu respektieren, was ich tue.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

(mf)