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26/03/2018 10:27 CEST | Aktualisiert 26/03/2018 17:14 CEST

Wie ich durch Vorlesen ein viel besserer Vater geworden bin

In all den Jahren war ich meinen Kindern nie so nahe.

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"Eine solche Auszeit entschleunigt den Alltag auf geradezu wundersame Weise." (Symbolbild)

Schriftsteller Arne Ulbricht war viele Jahre Hausmann und Vollzeitvater. Das abendliche Vorleseritual gehörte dabei genauso zu seinen Aufgaben, wie das Pausenbrote schmieren. Jetzt fordert er andere Väter auf: “Nehmt euren Frauen abends die Bücher weg und lest euren Kindern selbst vor!”

Im Großen und Ganzen ist es so: Väter finden es wichtig, dass ihren Kindern vorgelesen wird, aber sie überlassen das Vorlesen gern den Müttern. Bei uns ist das anders.

Seit elf Jahren ist das abendliche Vorlesen mein alleiniger Zuständigkeitsbereich. Früher habe ich erst meinem Sohn, dann meiner Tochter vorgelesen – bis mein Sohn irgendwann zu mir sagte: “Papa, ich glaube, du brauchst mir jetzt nicht mehr vorzulesen.“

Jeden Abend feiern wir eine Vorleseparty 

Dieser Satz war sehr schlimm für mich. Er beendete ein jahrelanges Ritual, das für mich ebenso wichtig war, wie für ihn. Und die Selbstverständlichkeit, mit der er sich von diesem Ritual abnabelte, empfand ich fast schon als brutal (was er nicht wissen konnte).

Aber zum Glück blieb mir ja meine Tochter.

Bin ich wegen der Vorleserei der tollste Vater, den es gibt? Bin ich der Vorzeigepapa der Nation? Blödsinn. Manchmal schäme ich mich sogar, weil ich grässlich sein kann, wenn eines der Kinder ins Arbeitszimmer kommt und nur etwas fragen will.

Und gibt es jemanden, der bei den Hausaufgaben ein so ungeduldiger Helfer ist wie ich?

Aber all die Alltagszankerei ist abends vergessen! Man kann im Vorlesen fast schon eine Art Meditation sehen: einfach mal abschalten (und das Smartphone ausschalten!) und sich eine tägliche Auszeit gönnen.

Vielleicht war ich in all den Jahren meinen Kindern nie so nahe, wie während der abendlichen Vorleseeinheit.

Vorlesen kann genauso toll wie Toben sein! Es gibt Bücher, die lassen sich wie in einem Rausch vorlesen. Es ist sogar eine Herausforderung, sowohl dem Räuber Hotzenplotz als auch Voldemort oder den Brüdern Löwenherz eigene Stimmen zu geben.

Wenn jemand im Buch schreit, darf man auch ein wenig schreien. Wenn jemand kreischt, kreischt man. Wenn jemand schnaubt, schnaubt man. Sobald man vorliest, hat man die einzigartige Chance, all das ungestraft und mit bestem Gewissen zu tun.

Und: Je mehr man schnaubt, schreit, seufzt, brüllt, flucht, flüstert, desto begeisterter ist das Kind. Und schon ist aus der Meditation eine Party geworden. Eine Vorleseparty. Für beide.

Ja, das Vorlesen kann ungeheuren Spaß bringen! Es ist ein wenig wie bei einer Sportart: Je mehr Mühe man sich gibt, desto größer die Freude - bis man sich irgendwann nicht mehr vorstellen kann, dass es so etwas wie eine vorlesefreie Zeit irgendwann mal gegeben hat.

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Vorlesen macht Kinder klüger 

Die meisten Väter wissen leider nicht, wie befriedigend eine solche halbe Stunde sein kann. Für das Kind. Und für einen selbst.

Denn wie bereits erwähnt: Die meisten Väter lesen laut verschiedener Studien manchmal, selten oder gar nicht vor. Das Vorlesen scheint noch immer in vielen Väterköpfen so ein Mutterding zu sein.

Übrigens: Das Vorlesen macht die Kinder nicht dümmer. Sondern nachweislich klüger. Deshalb ist es besonders wichtig, wenn Väter regelmäßig ihren Söhnen vorlesen.

Denn dann werden sie später, wenn sie 13 Jahre alt sind und das Wichtigste für sie das richtige Paar Nike-Schuhe und möglichst viele Abonnenten auf dem eigenen YouTube-Kanal sind, Bücher nicht uncool oder gar doof finden.

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Väter sind auch deshalb als Vorleser nicht durch die Mütter zu ersetzen, weil schon in der Kita in 90% aller Fälle Erzieherinnen vorlesen. Und wer liest ihnen in der Grundschule vor? Richtig, ihre Lehrerin. (Danke übrigens an alle diese engagierten Frauen – einigen Kindern würde sonst gar nicht vorgelesen werden.)

► Sobald die Väter das Vorlesen nicht als Mutterding abstempeln, dann werden auch die Jungs im Lesen irgendwann kein Mädchending sehen.

Und gerade den dauerzockenden Jungs täte ein täglicher Rückzug in eine Geschichte, die sich nicht auf einem Bildschirm abspielt, sondern im eigenen Kopf, unglaublich gut.

Eine solche Auszeit entschleunigt den Alltag auf geradezu wundersame Weise.

Also, liebe Väter, auf auf! Nehmt euren Frauen abends die Bücher weg und lest selbst vor. Ihr werdet es nicht bereuen!

Ich habe momentan durch das Vorlesen allerdings auch ein gewaltiges Problem: Was mache ich, wenn auch meine Tochter zu mir sagt: “Papa, du brauchst mir jetzt eigentlich nicht mehr vorzulesen!“

Ich befürchte, ich falle dann Abend für Abend in ein tiefes Loch. Denn meiner Frau werde ich vermutlich nicht vorlesen dürfen.

In seinem Buch “Mama ist auf Dienstreise” schildert Arne Ulbricht seine Erfahrungen als Hausmann und Vollzeitvater ausführlich. Derzeit ist Ulbricht mit seinem Roman “Maupassant” auf Buchtournee. Mehr über den Autor erfahren Sie auf www.arneulbricht.de.  

(ar)