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03/07/2018 11:31 CEST | Aktualisiert 03/07/2018 11:32 CEST

Der Tag, an dem mein Vater mich rauswarf, weil ich schwul bin

“Wenn du meinst, schwul sein zu müssen, gehörst du nicht mehr länger zu dieser Familie", sagte er.

Rex Ogle
Rex Ogle im Jahr 1998.

Wir saßen auf der hinteren Veranda. Rauch stieg auf, weil irgendwo in der Nähe jemand grillte. Der Duft von Grillhähnchen lag in der Luft. Mein Vater war ungewöhnlich schweigsam. Er nahm einen tiefen Schluck aus seiner Bierflasche. “Ist alles in Ordnung mit dir?”, fragte ich ihn.

Aus dem Nichts heraus antwortete mein Vater: “Wenn du meinst, schwul sein zu müssen, gehörst du nicht mehr länger zu dieser Familie. Du willst so ein Leben führen? Dann mach das irgendwo anders.

Sein Blick driftete in Richtung Wald. Er wollte mich nicht ansehen. Der Gedanke an mich und an das, was ich war, ekelte ihn. Ich wurde von einer unglaublichen Scham überwältigt. Mein T-Shirt war plötzlich schweißnass und ich versuchte, die Gallenflüssigkeit zurückzuhalten, die in meiner Kehle aufstieg. Ich fragte ihn, woher er es wusste. Meine Stiefschwester hatte mich geoutet.

Er bewegte sich überhaupt nicht

Stammelnd versuchte ich ihm zu erklären, dass ich mir das nicht selbst ausgesucht hatte. Doch ich war gerade einmal 18 Jahre alt und mein Vater hatte mich vollkommen überrumpelt. Und deshalb hatte ich keinerlei Chance, mich irgendwie zu verteidigen. Nicht, dass das einen Unterschied gemacht hätte. Denn wie so viele andere Eltern war auch mein Vater der Meinung, dass dies eine eindeutige “Schwarz-oder-Weiß-Situation” war. Entweder war ich schwul, oder eben nicht. Und ich war schwul.

Innerhalb von 48 Stunden hatte ich meine Sachen gepackt. Als ich in der Einfahrt stand, drehte ich mich noch einmal um. Ein Teil von mir hoffte, dass mein Vater die Panik in meinen Augen erkennen und seine Meinung ändern würde. Doch das tat er nicht. Er hatte seine Arme wie ein Schild vor seiner Brust verschränkt und bewegte sich überhaupt nicht. Selbst dann nicht, als meine Stiefmutter an ihm herumzuzerren begann. Ihr Gesicht war tränenüberströmt und sie sagte: “Er ist dein einziger Sohn. Tu das nicht!” Doch in unserer Familie herrschte ein militärischer Drill und was mein Vater sagte, war endgültig. Es war passiert.

In genau diesem Monat vor zwanzig Jahren wurden meine sämtlichen Befürchtungen Wirklichkeit. Man hatte mich entdeckt. Ich wurde verstoßen und weggeschickt. Ich hatte mich noch nie zuvor so allein gefühlt.

Ich hätte unter bestimmten Bedingungen bleiben können

Eine solche Situation ist eine absolute Katastrophe, ganz egal wie alt man ist. Besonders schlimm ist es jedoch, wenn man noch ein Kind ist. Wenn dein Vater oder deine Mutter plötzlich sagt: “Ich mag dich nicht, so wie du bist. Und deshalb will ich nichts mehr mit dir zu tun haben.”

Ich fühlte mich wertlos. Ekel und Selbsthass verstärkten meine Befürchtungen, dass ich bereits mit einem Makel auf die Welt gekommen war. Dass etwas nicht mit mir stimmte. “Schwul” war ein schlimmes Wort. Sechs scharlachrote Buchstaben, die sich in meine Seele eingebrannt hatten und die mich zu einem Menschen machten, der nicht erwünscht war.

Zur Verteidigung meines Vaters muss ich hinzufügen, dass er mir die Wahl gelassen hatte. Ich konnte “bleiben und weiterhin ein Teil der Familie sein”, wenn ich – und zwar nur wenn ich – mich an die folgenden Bedingungen hielt: Erstens sollte ich jede Woche auf eigene Kosten zu einem Therapeuten gehen. Zweitens sollte ich jeden Mittwochabend und am Sonntag sogar zweimal in die Kirche gehen. Drittens sollte ich mit einem Mädchen aus der Kirchengemeinde ausgehen, die mein Vater aussuchen würde. Viertens sollte ich niemals die Nähe von Menschen suchen, die “homosexueller Überzeugung” waren. Fünftens sollte ich in jeder Hinsicht wieder “heterosexuell” werden

Mit diesem Thema hatte ich schon mein ganzes Leben lang zu kämpfen gehabt. Denn ich wusste, dass ich mich nicht ändern konnte. Und glaubt mir, ich hatte es wirklich versucht. Ich hatte mehr als zehn Jahre als noch nicht-geouteter junger Schwuler in Texas gelebt – umgeben von Machotum, Intoleranz und Homophobie.

Schwul sein war verabscheuungswürdig

Und ich hatte verzweifelt versucht, etwas zu sein, das ich einfach nicht war. Natürlich gab es attraktive Mädchen. Doch ganz egal, was ich auch tat, blieb mein Blick immer wieder an Männern hängen. Und nichts konnte das ändern – nicht einmal die Gefahr, dass ich alles verlieren würde.

Während meiner Kindheit in Texas sprach man nicht offen über Homosexualität. Falls doch, wurde sie als große Sünde und als Beleidigung gegenüber Gott bezeichnet. “Schwul” war ein schmutziges Wort, das man hin und wieder auf Spielplätzen hörte, oder das sich Betrunkene bei einem Streit als Beleidigung um die Ohren hauten.

Es gab überhaupt keinen positiven Aspekt daran, dass jemand schwul war. Es war einfach nur widerlich und verabscheuungswürdig. Und deshalb traute mich nicht einmal, andere um Hilfe zu bitten, nachdem mein Vater mich rausgeworfen hatte. Die Familie meines Vaters war strenggläubig und gehörte den Südlichen Baptisten an. Die Familie meiner Mutter bestand aus ebenfalls sehr religiösen Anhängern der Gemeinden Christi.

Rex Ogle
Rex Ogle im Jahr 1982.

Meine Mutter hatte eine bipolare Störung und war vor einem Jahr mit meinem neugeborenen Bruder verschwunden. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, hätte ich damals meine Freunde um Hilfe bitten sollen. Doch auch sie wussten nichts von meiner Homosexualität und ich hatte zu große Angst davor, dass auch sie mich verstoßen könnten.

Ich hatte keine Ahnung, wohin ich gehen sollte. Und so beschloss ich: “Wenn ich jetzt schon obdachlos bin, dann kann ich das auch an einem coolen Ort sein.” Und so machte ich mich auf den Weg nach New Orleans.

In der schwülen Sommersaison an die Küste Louisianas zu ziehen, war nicht gerade ein Geniestreich. Doch damals gab es noch kein Internet und auch keine Handys. Ich konnte also nicht einfach auf meinem Smartphone nach “tollen Orten für Obdachlose” suchen. Meine kompletten Habseligkeiten bestanden aus einem Rucksack voller Bücher, einem Seesack voller Klamotten und einer Jeans-Short, in deren Hosentasche sich 117 Dollar und ein bisschen Kleingeld befanden.

Es ist in Ordnung, um Hilfe zu bitten

In den darauffolgenden Tagen versuchte ich mich verzweifelt, an einen winzigen Hoffnungsschimmer zu klammern, der mir zuflüsterte: “Du wirst irgendeinen Weg da durch finden”. Doch mit jeder Nacht, in der ich ums Überleben kämpfen musste, wurde diese Stimme immer leiser.

In diesem Sommer lernte ich viel Neues dazu: Wie es sich anfühlt, bei Bewerbungen für schlechtbezahlte Jobs abgelehnt zu werden, weil ich keine Festnetznummer hatte (von einem festen Wohnsitz ganz zu schweigen). Wie es sich anfühlt, sein Abendessen in einem Abfalleimer zu suchen (ich werde Touristen, die ihre Riesenportion Pommes nicht ganz aufessen, für immer lieben). Außerdem fand ich heraus, wie es sich anfühlt, in einer Obdachlosenunterkunft angegriffen zu werden, mitten auf der Straße von Betrunkenen einfach nur zum Spaß zusammengeschlagen zu werden und von Polizeibeamten dafür schikaniert zu werden, dass ich auf Parkbänken übernachtete.

Ich lernte, wie es sich anfühlt, die Nacht mit einem Fremden zu verbringen, nur um in einem weichen Bett schlafen und eine warme Dusche genießen zu können. Und ich lernte, wie es sich anfühlt, von einer vollkommenen Dunkelheit in Form von Depressionen, Ängsten und Panikattacken erfasst zu werden. Es gab Nächte, in denen ich mir dachte: “Das war’s jetzt. Ich werde es nicht schaffen. Ich werde morgen nicht mehr aufwachen.” Doch irgendwie brach dann doch immer wieder ein neuer Morgen an.

Nachdem ich vier Monate lang in Ungewissheit und Angst gelebt hatte, lernte ich endlich noch etwas sehr Wichtiges dazu: Dass es vollkommen in Ordnung war, andere Menschen um Hilfe zu bitten.

Ich ging in eine Telefonzelle und wählte eine Null vor, um mich verbinden zu lassen. (So machten wir das früher, als noch nicht jeder ein Handy besaß.)

Ich rief meine Abuela an, meine strenggläubige Großmutter. Ich hatte seit fünf Tagen nichts gegessen und ich wollte einfach nur 20 Dollar für eine Mahlzeit, die nicht zur Hälfte von Fliegen bedeckt war. Sobald ich ihre Stimme hörte, brach ich komplett zusammen. Ich weinte und schluchzte so sehr, dass ich den ganzen Telefonhörer mit Rotz bedeckte.

An erster Stelle steht die Familie

Und auch meine Großmutter weinte und erzählte mir, dass sie den ganzen Sommer über nach mir gesucht hatte. Sie fragte mich, warum ich mich nicht schon früher bei ihr gemeldet hätte. Ich antwortete ihr: “Du bist religiös. Gott steht bei dir an erster Stelle.” Doch sie sagte: “Das stimmt nicht. An erster Stelle steht für mich die Familie.”

Sie schickte mir 300 Dollar und bat mich, mir ein Hotel zu suchen und eine Dusche zu nehmen. Danach sollte ich in den Bus steigen und “nach Hause kommen”. Eigentlich hatte das Wort Zuhause zu diesem Zeitpunkt für mich bereits jegliche Bedeutung verloren. Doch ich fuhr trotzdem zu meiner Großmutter. Mit ihrer Hilfe, Liebe und ihrer emotionalen Unterstützung bekam ich zwei Jobs und ein paar Stipendien. Und so machte ich meinen College-Abschluss. Schließlich zog ich von Texas nach New York City, um mir dort meinen Traum zu erfüllen und bei einem Verlag zu arbeiten.

Zwanzig Jahre später und mit der Hilfe von unzähligen Therapiesitzungen geht es mir jetzt endlich gut. Ich arbeite mittlerweile als Herausgeber und Verfasser von Comic-Romanen und Kinderbüchern. Ich habe genug Geld auf dem Konto und lebe in einer schönen Wohnung. Ich habe mir durch meine Freunde eine wunderbare Familie erschaffen und ich führe eine gesunde, ehrliche Beziehung mit meinen Partner. 

Ich bin inzwischen nach Los Angeles gezogen, weil ich dort immer genügend Sonne abbekomme. Ich habe wieder Kontakt zu meinem kleinen Bruder aufgenommen, der mittlerweile gar nicht mehr klein ist und der absolut kein Problem mit meinem Schwulsein hat. Außerdem telefoniere ich nach wie vor jeden Tag mit meiner Abuela.

Inzwischen spreche ich sogar wieder mit meinem Vater. Ich hatte mich kurz nach meinem College-Abschluss bei ihm gemeldet und ihm angeboten, dass wir wieder Kontakt miteinander haben könnten, wenn er das wollte. Am Anfang wehrte er sich dagegen. Doch im Laufe der Jahre begann er zu akzeptieren, dass ich mich niemals ändern würde. Wir stritten uns häufig und manchmal standen wir sogar kurz davor, uns zu prügeln. Doch irgendwann akzeptierte er, dass ich schwul war. Und ich akzeptierte, dass er sich niemals bei mir entschuldigen würde.

Ich bin dankbar für alles, was passiert ist

Er ist bis zum heutigen Tag der Meinung, dass er damals das “Beste für mich” getan hatte. Unser momentanes Verhältnis ist zwar nicht ideal, doch immerhin ist es besser als gar nichts. Hin und wieder telefonieren wir kurz miteinander oder wir überbringen uns an Feiertagen gegenseitig Glückwünsche. Doch in vielerlei Hinsicht fühle ich mich noch immer wie ein Waisenkind. Wie ein Junge, der seine Familie schon vor langer Zeit verloren hat.

Es gibt immer wieder Auslöser, die mich erneut an meine Vergangenheit erinnern. In diesen Situationen fühle ich mich verstoßen, ungeliebt und schrecklich einsam. Es kann passieren, dass ich danach tagelang unter Depressionen leide oder dass ich Panikattacken bekomme, die mich komplett lahm legen. Doch ich erhole mich immer wieder davon. Außerdem versuche ich mich stets daran zu erinnern, dass diese alten Gefühle aus einer anderen Zeit stammen. Dass sie von Ereignissen herrühren, die längst vorbei sind. Wie mein Leben jetzt aussieht? Es geht mir gut. Ich bin in Sicherheit. Und ich bin nicht allein.

Seit einiger Zeit übe ich mich in Dankbarkeit. Denn ich bin dankbar für alles, was mir passiert ist. Ganz richtig – ich bin dankbar. Nicht dafür, dass mir das alles passiert ist. Sondern dafür, dass diese Erlebnisse mich zu einem stärkeren, besseren und einfühlsameren Menschen gemacht haben. Ich habe es überlebt. Obwohl das nicht jeder schafft. Und mit Sicherheit geht das eigene Coming-out an niemandem vollkommen spurlos vorbei.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

(ks)