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09/03/2018 12:09 CET | Aktualisiert 09/03/2018 12:09 CET

Emotionaler Brief: Was ich meinem 62-jährigen Vater endlich sagen kann

Erst jetzt verstehe ich, wie du wirklich bist.

Markus Brandl
Der 62-Jährige kümmert sich sehr liebevoll um seinen Enkel Paul. 

Brief an Papa,

von dem Rapper Casper gibt es diesen wunderbaren Song „Das Grizzly Lied“, das er seinem Vater gewidmet hat – einem US-Soldaten, der während Caspers Kindheit wohl öfters nicht zuhause sein konnte.

Obwohl Du nie in den Krieg gezogen bist und mir auch nie geraten hast, ein Gewehr in die Hand zu nehmen – was im Song durchaus metaphorisch zu verstehen ist – erinnern mich Caspers Zeilen sehr an uns beide und an meine Kindheit mit Dir.

Sprich grade raus, Kinn hoch, sei nie feige, Sohn!
Spiel nicht mit Herzen oder denen, die das mit deinem tun.
Wir sind nicht reich und werden’s auch nie sein.
Probleme: Für’s Leben zu groß, für’s Sterben zu klein.
Du weißt, es regnet nicht ewig, immer nur schwer,
nur stets zum Kinn und hör, Zeit schwimmen zu lernen.

Manchmal übernahm Mama Deine Umarmungen

Diese Worte könnten von Dir sein. Du hast immer versucht, mir Werte vorzuleben. Ich sollte eine Meinung, eine Haltung zum Leben haben. Deine Erziehung war manchmal streng. Geradeaus. Klar. Eindeutig.

Manchmal fehlte Wärme. Manchmal verstand ich Dich nicht. Manchmal war ich wütend. Manchmal musste mich Mama abholen.Nein, nicht von einem Ort. Gefühlsmäßig.

► Mir fällt keine andere Formulierung ein: Manchmal übernahm Mama Deine fehlende Umarmung.

Erst als ich fast erwachsen war, begriff ich, dass Du durchaus emotional warst und bist. Ich begriff, dass hinter all den Regeln, der Strenge, eine liebevolle Erziehung steckte.

Wenn wir zum Beispiel Fußball schauten, unseren geliebten FC, und Du sagtest „Der Podolski spielt heute ganz schön jut!“, dann hatte dieser Satz neben der (sehr berechtigten) Aussage einen entscheidenden Untertext: „Markus, es bedeutet mir sehr viel, dass Du jetzt mit mir Fußball schaust.“

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Ich lernte Dich zu lesen. Vor allem lernte ich, Deine Erziehung und Dich zu schätzen. Heute passt zwischen uns kein Blatt Papier, und ich bin sehr glücklich, Dich Vater nennen zu dürfen.

Warum zum Teufel warst Du nicht so zu mir?

Wenn ich nun beobachte, wie Du mit deinen Enkeln umgehst, insbesondere mit Paul, dann reibe ich mir doch manchmal verblüfft die Augen. Du knuddelst Paul, Du umarmst ihn, sagst ihm, wie lieb Du ihn hast. Moment, ist das wirklich mein Papa? Jep, kein Zweifel, du bist es.

Und wenn ich ehrlich bin, huschten mir anfangs Gedanken durch meinen Kopf, die mehr als verwundert, ja wütend fragten: „Warum zum Teufel warst Du nicht so zu mir? Du kannst es doch!“

Doch es wäre unfair und ein großer Fehler, sich diesen Gefühlen einfach hinzugeben. Denn erstens besteht zwischen der Rolle des Vaters und des Opas ein großer Unterschied. Und zweitens hast auch Du Dich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt.

Selbst im hohen Alter.

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Du hast dazugelernt. Verstanden, dass man auch mal loslassen kann. Dass man seine Tränen nicht verstecken muss. Dass eine Umarmung immer geht. Auch deshalb bist Du für Paul eine starke Bezugsperson geworden. Das macht mich sehr stolz.

► Ich habe nicht nur einen tollen Papa, sondern auch einen sensiblen, wunderbaren Opa für meine Kinder.

Dein Markus

PS: Da einige von euch bereits fragen. Natürlich dürft ihr den Brief teilen.

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